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Oschatz Immer unter Dampf: Unterwegs mit dem Team der Döllnitzbahn
Region Oschatz Immer unter Dampf: Unterwegs mit dem Team der Döllnitzbahn
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06:45 17.01.2020
Die Drei von der Wartungsstelle: Lokführer Werner Springer, Helfer Eddy Menzel und Heizer René Schmidtgen (von links) sorgen während der Fahrtpausen am Wartungsgleis mit dem Wasserkran (rechts) dafür, dass der Lok 99 584 der Dampf nicht ausgeht. Quelle: Manuel Niemann
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Oschatz/Mügeln

„Einmal die große Runde.“ Falk Hoffmann verkauft Fahrkarten, während im Packwagen der Glühwein und Souvenirs über den Verkaufstresen in die Hände der Passagiere übergehen. Die vertreten sich beim Stopp in Mügeln kurz die Beine oder steigen erst zu.

Würstchen sind schnell aus, die Gäste müssen sich bis zum Halt in Kemmlitz gedulden, dort gibt es Nachschub. Die Glühweinfahrt, eine der Dampf-Sonderfahrten im Kalender der Döllnitzbahn, geht zunächst dorthin und zurück, bevor der „Wilde Robert“ nach erneutem Halt in Mügeln auf der „großen Runde“ wieder Oschatz ansteuert.

Hoffmann ist Zugführer, einen zusätzlichen Schaffner gibt es auf den Fahrten dieses Mal nicht. Wie viele Mitarbeiter sind an Bord und sind das alles Ehrenamtliche? Nein, nicht alle, er selbst ist bei der Döllnitzbahn GmbH angestellt. „Zwei sind von der GmbH und drei vom Förderverein“, überschlägt er. Zusammen sorgen sie an diesem Tag dafür, dass die Schmalspurbahn den Fahrplan für ihre Sonderfahrten einhält.

Von der alten Technik fasziniert

„Was verteilen Sie hier für Werbung?“ Falk Hoffmann ist im Trubel am Bahnsteig abgelenkt von einem Mann, der Bahn-Flyer verteilt. „Preßnitztalbahn, Jöhstadt-Wolkenstein“, gibt der ältere Herr zu Protokoll. Mit seiner alten Analogkamera im Anschlag und der historischen Eisenbahnermütze auf dem Kopf wirkt er wie aus der Zeit gefallen.

Und er ist nicht der einzige, den die alte Technik fasziniert. Schon bevor die Bahn eingefahren ist, teilt ein anderer Bahn-Enthusiast den Leuten am Gleis ungefragt das geplante Eintreffen der Bahn minutiös mit.

Einfahrt im Mügelner Schmalspurbahnhof, einst der größte in Europa: Im ehemaligen Bahnhofsgebäude eröffnete im August 2019 das Geoportal mit einer Erlebnisausstellung. Quelle: Manuel Niemann

Wir verabreden uns später noch einmal. „Mal sehen, ob wir dazu dann kommen“, lacht Hoffmann, wohl schon wissend, dass die Standzeit am Bahnhof auch da nicht reichen wird. Punkt 14 Uhr, die Dampflok 99 584 ist wieder an die historischen Personenwagen angekoppelt, die Bahn setzt sich in Richtung Kemmlitz in Bewegung. Sieben Minuten vor um Drei will sie hier nach der „kleinen Runde“ wieder stoppen. 5,7 Kilometer sind es bis zum Betriebsbahnhof in Kemmlitz, 11,4 Kilometer in betulichem Tempo hin und zurück.

Ob große oder kleine Runde: Wer mit einer Fahrkarte in die Döllnitzbahn steigt, reist mitsamt dem gelösten Papier augenblicklich entschleunigt – und ein Stück in der Zeit zurück. Dampf und Rauch tünchen die Baumreihen neben der Strecke in leichten Nebel.

Menschen halten ihre Smartphones aus dem Fenster, filmen die Fahrt oder sie winken den Passanten an der Bahnstrecke zu, die es ihnen gleich tun oder die Bahn von draußen fotografieren. Wo dafür die besten Aussichtspunkte sind, verrät die Internetseite der Döllnitzbahn.

Eine Reisegruppe im hinteren Waggon hat Musik laufen: Ein Cover des Rolling-Stones-Klassikers „Let’s Spend The Night Together“, das mit Saxofon und Backgroundsängerinnen nach dem Bühnenbombast der 1980er-Jahre klingt. Mit Heavy-Metal- und Hard-Rock-Klängen schiebt sich die Bahn die ansteigende Strecke Richtung Kemmlitz hinauf.

Ein Junge lässt das auf sich und seinen Körper wirken und wackelt tanzend-zappelnd durchs Abteil. Später – die Erwachsenen genießen ihren Glühwein oder ein Bier – lässt er sich eine Birne schmecken, aber weil doch immer etwas Bewegung im rumpelnden Abteil ist, rinnt ihm der Saft übers Kinn.

Nach der routinemäßigen Wartung wird die Dampflok wieder an die Waggons angekoppelt – für die Fahrgäste eine Chance, die „alte Dame“ ganz aus der Nähe zu sehen. Quelle: Manuel Niemann

Ein Mädchen für alles

Nach dem Halt im Kemmlitz ist der letzte Waggon dann der erste: Die Lok tauscht, während ihre Glocke unablässig schlägt, ihre Position und wird wieder angekoppelt. Im gerade noch letzten, nun ersten Waggon dahinter steht in seiner Obersekretär-Uniform und Signalfahne Eddy Menzel bereit. Er ist von der Lok nach hinten gewechselt, wo er dem Lokführer und dem Heizer geholfen hat.

„Ich bin da ein Mädchen für alles“, sagt er. Der 13-jährige Oschatzer ist das jüngste Mitglied des Fördervereines „Wilder Robert“. „Wir suchen im Verein aktive Mitglieder.“ Er selbst sei seit drei oder vier Jahren dabei. „Wir haben um die 50 Mitglieder, davon aber auch einige, die stille Mitglieder sind.“ Ihm selbst scheint die Schiene im Blut zu liegen, sein Vater habe bei der Reichsbahn gelernt, erzählt er mit der großen Mütze auf dem Kopf und etwas Ruß im Gesicht. „Mein Papa ist jetzt im Gleisbau, davor war er gelernter Lokschlosser in Halle“, berichtet er.

„Was heizt ihr in der Lok – Koks oder Kohle?“, möchte ein Passagier wissen. Steinkohle, erklärt ihm Menzel, mit Koks erhalte man nicht die notwendige Temperatur. „Wir müssen die Feuerbüchse bis auf 1000 Grad hochheizen. Mit Koks müsste die Heizung die ganze Zeit fahren.“ Die Feuerbüchse, eine kofferartige Kammer, dient als Verbrennungsraum. Wasser wird erhitzt, Dampf erzeugt und über die Dampfzylinder letztlich thermische Energie in Bewegungsenergie umgewandelt.

Eddy Menzel sorgt für Sicherheit. Quelle: Manuel Niemann

Besser als Urlaub

Um sieben sei er aufgestanden, 19 Uhr abends gehe er ins Bett, erzählt Menzel, schon etwas abgeschlagen. Aber es dauert nicht lange, bis seine Begeisterung wieder aufflammt, auch wenn er nicht jede Frage der Fahrgäste beantworten kann: „Ich fühle mich hier wohler als irgendwo anders im Urlaub, da können wir sonst noch so weit weg fahren“, sagt er über die Arbeit im Verein. Die Gelegenheit dazu habe jeder: „Man muss bloß Mitglied werden“, wirbt er noch einmal und verabschiedet sich kurz mit einem „So, jetzt muss ich raus.“

Weil der Bahnübergang in Nebitzschen schlecht einzusehen ist, gibt er mit der Flagge Signal, während die Glocke der Döllnitzbahn unentwegt schlägt. Trotz des gemächlichen Tempos – 30 Kilometer pro Stunde sind es in der Spitze – ist auch der „Wilde Robert“ nicht vor Unfällen gefeit: Zuletzt übersah ein 63-jähriger Autofahrer im Mügelner Ortsteil Schweta an einem unbeschrankten Bahnübergang den von rechts kommenden Triebwagen. Der Ford wurde durch die Wucht neben das Gleisbett geschleudert, der Fahrer sowie zwei 14-Jährige, die im Zug fuhren, mussten ambulant behandelt werden.

Die Döllnitzbahn setzt abseits der Sonderfahrten auf Dieselzüge, die insbesondere in der Schulzeit dem Personennahverkehr zwischen Mügeln und Oschatz dienen. „Wie lange es dauert, weiß ich nicht“, sagt Eddy auf die Frage, wie lange der Triebwagen nun ausfällt. „Ich hoffe, dass er so schnell wie möglich wieder funktioniert, es ist ein gutes Fahrzeug“, sagt er überzeugt. „So schön leise vom Motorsound.“

Fahrzeiten, Preise, Anreise – Service rund um die Döllnitzbahn

Die Fahrtzeiten der Dampffahrten weichen von denen des regulären Personennah- und Schülerverkehrs ab. Wer mit dem Auto anreist, findet am Mügelner Bahnhof Parkplätze. Dort befindet sich im einstigen Bahnhofsgebäude auch das Geoportal „Erlebniswelt Kaolin“ – eine multimediale Erlebnisausstellung. Für Menschen, die mit der Bahn aus Richtung Leipzig anreisen, ist der Zustieg am Oschatzer Hauptbahnhof günstig, wo die Bahn 10.43 Uhr, 13.45 Uhr und 17.40 Uhr abfährt, wobei die letzte Fahrt in Mügeln endet. Die nächste Gelegenheit sind die Frühlingsfahrten am 14. und 15. März sowie am 28. und 29. März oder auch die Osterfahrten am 11. und 13. April. Seit 2005 gibt es über den Mitteldeutschen Verkehrsverbund (MDV) einen durchgängigen Tarif von Leipzig bis nach Mügeln. Zu den Dampffahrten wird lediglich ein kleiner Zuschlag erhoben.

Daneben bietet die Döllnitzbahn auch thematische Erlebnisfahrten an: So lockt am 26. Januar der „Russische Sonntag“ mit geschmückten Wagen, russischen Spezialitäten und Musik. Der Fahrpreis beträgt 13 Euro für eine Fahrt von Oschatz nach Glossen/Kemmlitz und zurück. Kinder fahren ermäßigt. Am Sonntag, dem 9. Februar, kapern die Narren vom Oschatzer Carneval Club die Bahn. Der FaschingsumZUG fährt in Mügeln 9.50 Uhr los, nach Halt in Oschatz geht es um 11 Uhr mit Zwischenhalten zurück. Unterwegs und in Mügeln gibt es Einlagen des OCC und befreundeter Faschingsclubs. Karten gibt es am Oschatzer Hauptbahnhof im Vorverkauf für 9,99 Euro, am Veranstaltungstag kosten sie 13 Euro, ermäßigte Karten für Kinder gibt es auch hier.

Fahrplan und Informationen zu den Diesel- und Dampffahrten gibt es unter www.doellnitzbahn.de, telefonisch unter 034362/32343 oder per E-Mail an info@doellnitzbahn.de. Auch der Förderverein „Wilder Robert“ informiert im Internet unter www.wilder-robert.de zum Programm.

Doch auch die Dampflok 99 584 möchte gepflegt sein. Bereits nach der kurzen Runde nach Kemmlitz und zurück inspizieren die drei Männer auf der Lok ihre „alte Dame“. Dazu wird sie wieder abgekoppelt und fährt auf ein Abstellgleis.

„Jetzt ist es grad’ ungünstig“, sagt Heizer René Schmidtgen, der die Stehzeit nutzt, um Schmieröl nachzudrücken. „Jetzt werden die Wasservorräte ergänzt“, erklärt er. „Und noch einmal nach den Schmierstellen geschaut.“

Mehr Zeit hat Lokführer Werner Springer, nachdem er Eddy unter die alte Dame dirigiert hat: „Gehst du mal runter gucken?“ Eddy steigt in den Schacht unter die Bahn, um Laub abzufegen. „Das fault sonst alles, das ist für die Lok nicht gut.“

Lokführer, Heizer und Zugführer

Der Fahrplan der Glühweinfahrt ist so abgestimmt, dass eine halbe Stunde bleibt, die Lok routinemäßig zu warten. „Das passiert, wenn eigentlich Pause ist. Das ist das, was man nicht sieht“, sagt Springer. Pro Dampffahrt brauche es mindestens drei vom Personal: Lokführer, Heizer und den Zugführer. „Schöner ist es, wenn noch ein Schaffner dabei ist, wenn es ein langer Zug ist. Ehe der Zugführer durch ist, da schummeln sich auch einige durch.“

Neben den Fahrten versucht der Verein auch historische Fahrzeuge zu erhalten. Dazu gehören nicht nur die beiden dampfbetriebenen Maschinen, die zusätzlich im Schuppen stehen und neben denen auch der verunglückte Dieseltriebwagen noch ruht. „Er soll nach Österreich, weil sie das Drehgestell herausnehmen müssen“, beschreibt der 59-Jährige. Bei dem Unfall habe es einen Bremszylinder abgerissen. Per Tieflader gehe nun es nun fernab der Schiene zur Reparatur.

Zur alten Technik gehören auch die Bahnanlagen. „Der Bahnhof Mügeln, der ist ja so schön geworden, das Geoportal muss man sich auch mal von innen angucken“, schwärmt Springer. „Vor zwei Jahren haben wir den Bahnhof noch mit ausgeräumt. Wir machen nicht nur das Fahren, sondern auch Freischnitte auf der Strecke mit“, beschreibt er.

„Ehrenamtliche Mitarbeiter sind wir alle hier“, stellt er die Lokbesatzung vor. „Schmidti ist zum Beispiel Vorstandsmitglied und ich in der stellvertretende Vorsitzende des Vereines. Wir sind jetzt im Schnitt 50 Mitglieder“, sagt er und erzählt im nächsten Atemzug von den Verlusten, die der Verein im letzten Jahr erlitten hat: ein Lokführer ist gestorben, einer der Heizer habe einen Schlaganfall erlitten, berichtet er, bevor Eddy schon wieder nach oben muss, weil mit dem Wasserkran Wasser aufgefüllt werden soll.

Werner Springer erfüllte sich Ende der 1990er seinen Traum vom Lokführerschein: 6500 Mark investierte er in die Prüfung. Bei den Dampffahrten ist er ehrenamtlich tätig. Quelle: Manuel Niemann

Der Nachwuchs fehlt

„Wir sind froh, wenn wir junge Leute haben“, sagt er mit Blick auf den Jüngsten in Uniform. Nachwuchs fehle „mörderisch viel“, „Computer wird bestimmt schneller gespielt als eine Dampflok. Es ist aber auch ein Haufen Arbeit – das Fahren ist ja nur ein geringer Teil des Spaß’ daran.“ Zwei Stunden Vorbereitung, zwei Stunden Nachrüstung, sagt er, kommen da schnell zusammen.

„Es wird noch abgeschmiert, nachgeguckt, mal eine Schraube nachgezogen – es ist eine alte Dame, die muss man früh streicheln, das ist nun mal so. Sie ist Baujahr 1912, aber in den 1960er-Jahren rekonstruiert worden und hat einen neuen Kessel bekommen.“

Immer zum Jahresende wird dem „Wilden Robert“ noch einmal eingeheizt, per Dampfantrieb geht es dann durch den Süden Nordsachsens, während sich die Passagiere bei einem Glühwein aufwärmen können. In unserer Bildergalerie nehmen wir euch mit auf die Fahrt.

Bahn ist Familiensache

Seit dem 1. August 2018 sei die Lok wieder in Betrieb und habe noch ihre „Wehwehchen und Kinderkrankheiten“. Zum sachten und vorsichtigen Umgang mit der alten dampfgetriebenen Maschine kommen noch die Fahrtzeiten ohne Bahn, die nicht nur Werner Springer auf sich nimmt. Wenn er Dienst habe, sei ein Tag da nichts. Denn Springer kommt aus Auerswalde, einem Ortsteil von Lichtenau im Landkreis Mittelsachsen, zwischen Mittweida und Chemnitz gelegen, wo er im Maschinenbau arbeitet.

„Dann gibt es noch Vorstandssitzungen und dies und jenes und ein Grundstück und Familie hat man ja auch noch“, damit sei sein Leben erfüllt. Auch seine Frau sei ein Eisenbahnerkind: „Der Schwiegervater war im Gleisbau Radebeul tätig, da war er 14 Tage da, 14 Tage nicht da.“

Ebenso sei Heizer René Schmidtgen angereist, er komme zwar aus der Ecke, aber sei wegen der Arbeit in die Nähe von Berlin gezogen. „Manche sind auch aus Dresden.“ „Ich komme jetzt aus Nauen, westlich von Berlin“ bestätigt der 35-Jährige Schmidtgen. Ursprünglich stamme er aus Döbeln, seit 2015 arbeite er ehrenamtlich als Heizer, im Verein sei er aber schon viel länger.

Da nimmt die Lok schon wieder Fahrt auf, bereit angekoppelt zu werden und in Richtung Oschatz aufzubrechen.

Von Manuel Niemann

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