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Oschatz Jürgen Köhler vollendet in Oschatz mit Schornstein-Abriss sein Berufsleben
Region Oschatz Jürgen Köhler vollendet in Oschatz mit Schornstein-Abriss sein Berufsleben
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16:01 27.06.2019
Schornsteinbauer Jürgen Köhler in Aktion. Quelle: Frank Hörügel
Oschatz

Als der Neubau einer Filzfabrik der Firma Ambrosius Marthaus an der Lichtstraße am 13. Juni 1913 fertig gestellt wurde, ragte der nagelneue Schornstein des Heizhauses stolze 70 Meter in die Höhe. Über ein Jahrhundert später ist nur noch ein kläglicher Rest davon übrig. Im Auftrag der Alte Filzfabrik GmbH & Co. KG, der das Gelände seit 2011 gehört, wird das schlanke Bauwerk derzeit abgerissen. Laut Prokurist David Pfennig soll somit verhindert werden, dass lose Steine aus der maroden Esse herunter fallen – und im schlimmsten Fall Menschen verletzen.

Für Jürgen Köhler ist der Schornstein der Oschatzer Filzfabrik nicht irgendein Schornstein. „Das ist der letzte Schornsteinabriss in meiner Verantwortung“, sagt der 64-Jährige. Er ist seit 1982 Inhaber der Firma Köhler-Bau aus Lampertswalde (bei Großenhain) und geht zum Jahresende in Rente. Etwa 200 Schornsteine hat er in den vergangenen 37 Jahren abgerissen. Zusammen mit seinem Sohn Jan (38) macht er jetzt die Esse der Filzfabrik dem Erdboden gleich.

„Mach dich selbstständig, so lange es geht“

Dass sich Jürgen Köhler schon zu DDR-Zeiten selbstständig machen konnte, hatte er einem Kurswechsel der Regierung zu verdanken. Nachdem private Handwerker dem DDR-Regime bis dahin immer ein Dorn im Auge gewesen waren, wurden sie nach 1976 erstmals wieder vom Staat gefördert. Grund: Das Regime wollte damit den wachsenden Bürgerzorn wegen der schlechten Versorgungslage bei Konsumgütern und Dienstleistungen besänftigen.

Jürgen Köhler mit seinem Lada und dem Hänger voll Rüstzeug. Quelle: Frank Hörügel

Der gelernte Maurer aus Parchim, der mittlerweile beim Spezialbaukombinat Magdeburg als Brigadier einer Jugendbrigade arbeitete, ergriff die Gelegenheit beim Schopf. „Die alten Hasen in meinem Betrieb haben gesagt: Mach dich selbstständig, so lange es noch geht“, erinnert sich Köhler. 1981 zog er sein Meisterstück in die Höhe – einen 30 Meter hohen, eckigen Schornstein in einer Dresdener Gärtnerei. Damals beförderte Jürgen Köhler das Material noch mit Muskelkraft über einen Flaschenzug nach oben, der an einem Holz-„Galgen“ befestigt war. Hubsteiger gab es noch nicht. 1982 durfte er dann als selbstständiger Handwerksmeister loslegen, die ersten Aufträge waren Abbrüche von Schornsteine bis zu einer Höhe von 50 Metern.

Blick in den Schlund des Filzfabrik-Schornsteins. Quelle: Frank Hörügel

Wenn Jürgen Köhler bei seinen Auftraggebern anrückte, rieben die sich oftmals verwundert die Augen. Denn alles, was der Meister dabei hatte, waren sein Lada und ein normaler Auto-Anhänger, auf dem das gesamte Rüstzeug verstaut war. Höhenangst kennt Köhler nicht. „Als ich angefangen habe, musste ich gleich in 80 Meter Höhe arbeiten, das war kein Problem. Und die Angst, dass die Steigeisen am Schornstein beim Auf- oder Abstieg heraus reißen könnten, hat sich irgendwann gegeben.“ Auch bei der Reparatur eines 250 Meter hohen Beton-Schornsteins im Kraftwerk Boxberg – sein höchster Schornstein – blieb Köhler schwindelfrei.

Bloß nicht mehr bewegen

Die gefährlichste Situation erlebte der Lampertswalder dann allerdings auf einem abrissreifen 35 Meter hohen Schornstein-Zwerg in Walda bei Wildenhain, auf dem sich ein Storchennest befand. „Erst beim Abbau des Storchennestes habe ich gemerkt, wie dünn die Schornsteinwange oben war.“ Statt normalerweise 18 Zentimeter war das Mauerwerk hier nur sechs Zentimeter stark. „Ach, du Scheiß, habe ich gedacht. Bloß nicht mehr bewegen. Ich bin dann ganz langsam runter gekrabbelt.“ Jürgen Köhler hatte Glück, die Schornsteinwand zerbröselte nicht unter seinem Gewicht.

Abrissroboter ersetzen Arbeitsplätze

Als das Geschäft nach der Wende richtig brummte, beschäftigte Köhler bis zu 16 Leuten, weihte Ende 1998 ein neu gebautes Firmengebäude in Lampertswalde ein. Heute arbeitet der 64-Jährige nur noch zu zweit mit seinem Sohn Jan zusammen. Das hat vor allem zwei Gründe. Nachdem sich das Unternehmen vor ein paar Jahren drei Abrissroboter angeschafft hat, wurden weniger Leute gebraucht. Und das Geschäft mit dem Schornsteinabriss ist ein Auslaufmodell. Letztmalig wurde im Jahr 1989 in Bad Liebenwerda ein neuer Schornstein hochgemauert, danach folgten nur noch Edelstahl-Schornsteine. „Und die paar gemauerten Schornsteine, die jetzt noch stehen, die stehen auch noch 50 Jahre“, vermutet der Spezialist. Die Firma Köhler hat sich deshalb auf den Abriss von Öfen in der Stahlindustrie spezialisiert.

Schornsteinbauer Jan Köhler übernimmt das Unternehmen seines Vaters. Quelle: Frank Hörügel

Sohn Jan Köhler, der bei seinem Vater Maurer gelernt und sich im Jahr 2001 mit der Firma Bauservice Köhler selbstständig gemacht hat, wird die Firma seines Vaters ab dem nächsten Jahr übernehmen. „Körperlich könnte ich zwar noch, aber irgendwann muss ja mal Schluss sein. Meine zwei Enkel brauchen ihren Opa“, sagt der Senior-Chef. An Zeit für seine Enkel hat es Jürgen Köhler in den vergangenen Jahren immer gefehlt. „Es gab nie einen Tag ohne Arbeit. Im Gegenteil: Es gab immer zuviel davon.“ Nach dem Abriss des Schornsteines auf dem Gelände der Oschatzer Filzfabrik ist diese anstrengende Zeit für Jürgen Köhler vorbei.

Von Frank Hörügel

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