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Oschatz Klingenhainer hofft auf Duldung für schwangere Freundin
Region Oschatz Klingenhainer hofft auf Duldung für schwangere Freundin
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06:15 20.01.2020
Paul Schneider und seine Freundin Glauciane hoffen auf eine Duldung der Brasilianerin bis das gemeinsame Kind auf der Welt ist. Quelle: Jana Brechlin
Klingenhain/Riesa

Paul Schneider wird Vater. Eigentlich ein Grund zur Freude. Doch so richtig genießen kann der 39-jährige Klingenhainer diese Zeit aber nicht. Denn seine brasilianische Freundin, mittlerweile werdende Mutter, hat offizielle Post bekommen: Sie soll bis zum 26. Januar ausreisen – trotz fortgeschrittener Schwangerschaft und gesundheitlicher Probleme.

Seit vier Jahren pendeln zwischen zwei Kontinenten

Seit vier Jahren sind der selbstständige Baudienstleister und die Brasilianerin ein Paar. Vier Jahre, in denen sich die beiden wechselseitig besucht haben und meist mehrere Wochen pro Jahr zusammen verbrachten. So kam Glauciane da Silva Gomes auch im Juni vergangenen Jahres erneut mit Touristenvisum nach Deutschland. Bisher war die 22-Jährige stets nach 90 Tagen – so lange dürfen Besucher bleiben – wieder ausgereist.

„Diesmal wollte sie gern länger bleiben und hier auch einen Sprachkurs machen“, blickt Paul Schneider zurück. Dazu kam es aber nicht, die nötigen Papiere zur Berechtigung eines Kurses konnten nicht in der angegebenen Frist vorgelegt werden, außerdem hatte das Paar wiederholt mit zwei Ämtern zu tun: Schneider ist aus Klingenhain, hat aber auch ein Haus in Riesa, wo er zurzeit gemeinsam mit Glauciane wohnt – also stand er wechselnd mit den Landkreisen Nordsachsen und Meißen in Kontakt. „Wir haben uns zuerst keine großen Gedanken gemacht, aber dann wurde das Ganze kompliziert, räumt er ein.

Werdende Mutter musste ins Krankenhaus

Als absehbar war, dass seine Freundin nicht länger als es das Touristenvisum zuließ, in Deutschland bleiben konnte, habe man einen Flug gebucht und die Tasche gepackt. Doch dann seien gesundheitliche Probleme aufgetreten. Die werdende Mutter musste wegen drohender Plazentaablösung im Krankenhaus behandelt werden. „Dort wurde uns dann deutlich gesagt, dass wir eine Reise vermeiden sollen, um die Gesundheit von Mutter und Kind nicht zu gefährden“, erzählt der 39-Jährige.

Seitdem habe man Kontakt zur Ausländerbehörde, um eine Duldung für die Brasilianerin zu erreichen. Er sei bis dahin schon immer für alle Kosten, etwa für die Krankenhausbehandlung, aufgekommen und habe auch eine offizielle Verpflichtungserklärung für seine Freundin übernommen. „Ich zahle hier alles selbst, wir liegen keinem auf der Tasche“, versichert er. Hinzu seien wiederholt Kosten für die Übersetzung der brasilianischen Papiere gekommen. Für eine Weile sei es ruhig gewesen. „Wir haben – ehrlicherweise – beim Amt auch nicht nachgefragt.“ Schließlich sei im Januar Post gekommen, das Glauciane bis zum 26. Januar ausreisen soll. Seitdem hat der Klingenhainer viel telefoniert, damit sein Kind – das Paar erwartet einen Jungen – im März hier zur Welt kommen kann.

Hoffnung auf Duldung im Ausnahmefall

Jetzt, wenige Tage vor Ablauf der Frist, kam doch noch Bewegung in die Angelegenheit. „Wir haben jetzt einen Termin bei der Ausländerbehörde. Dort sieht man nun offenbar von einem medizinischen Gutachten, für das wir auf die Schnelle niemanden finden konnten, ab. Eine Einschätzung der behandelnden Frauenärztin, die dringend Schonung empfiehlt, reicht aus“, ist Schneider erleichtert. Jetzt hoffe man eine Duldung im Ausnahmefall für die Brasilianerin zu erreichen, und wenn Mutter und Kind reisefähig sind, soll es im Frühjahr zurück nach Südamerika gehen.

Dann will auch der Klingenhainer seine Brücken in Deutschland bald abbrechen. „Wir hatten uns ursprünglich schon gewünscht, hier in Deutschland ein Leben als Familie aufzubauen“, räumt er ein. Doch mittlerweile sei man ziemlich entmutigt. Dabei habe er bereits vor Jahren günstig ein Haus in Riesa erwerben können, das schrittweise saniert werden sollte. „Ich wollte hier Wohnungen ausbauen und vermieten.“ Doch inzwischen seien seine Reserven aufgebraucht. Er werde versuchen, das Gebäude wieder zu verkaufen, genauso wie sein Auto und die Maschinen, die er im Laufe der vergangenen Jahre angeschafft hat.

Klingenhainer will seinaltes Leben abwickeln

Dass dabei viel hängenbleibt, damit rechnet Paul Schneider nicht. „Das wird ein Nullsummenspiel“, schätzt er ein. Er müsse nun sein Leben in Deutschland abwickeln und wolle die Zukunft seiner Familie in Brasilien planen. Dabei falle es ihm schwer, hier alle Brücken abzubrechen. „Aber einer muss seine Heimat aufgeben“, ist sich das Paar einig. Glauciane da Silva Gomes freut sich jedenfalls, nach so langer Zeit ihre Familie wiederzusehen. „Hier bin ich viel alleine und dort habe ich meine Mutter und meine Schwester, die vor zwei Monaten auch ein Kind bekommen hat.“

Die werdenden Eltern hoffen nun auf eine ruhige Zeit, in der sie sich vorbehaltlos auf ihren Nachwuchs freuen können. Seit einigen Tagen steht bereits eine Babyschale in der Wohnung. „Das ist das erste, was wir für das Kind angeschafft haben, bisher war so viel zu tun, dass der Nestbau zu kurz gekommen ist.“

Andere Paare in ihrer Situation hätten hoffentlich mehr Glück, meinen beide. „Ich kann nur jedem, der in so einer Beziehung ist, raten, genau auf alle Fristen zu achten und beim Schriftverkehr mit den Ämtern nicht den Überblick zu verlieren“, meint Paul Schneider. Das mache alles nur noch komplizierter. Deshalb hätten sich beide entschlossen, ihre Geschichte zu erzählen. „Vielleicht sind andere mal in einer ganz ähnlichen Lage und können daraus lernen.“ Sie jedenfalls seien froh, wenn alle Unklarheiten beseitigt sind und sie als Familie zur Ruhe kommen können, sagt er.

Von Jana Brechlin

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