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Oschatz Nordsachsens Feuerwehr im Feldbrand-Stress
Region Oschatz Nordsachsens Feuerwehr im Feldbrand-Stress
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10:15 18.07.2018
Feldbrand bei Delitzsch.
Feldbrand bei Delitzsch. Quelle: Wolfgang Sens
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Nordsachsen

Immer und immer wieder brannte es in den vergangenen Wochen auf Nordsachsens Feldern. Vier bis sechs, oft sogar noch mehr Feldbrände wurden täglich im Landratsamt registriert, wo die Einsatzmeldungen der einzelnen Feuerwehren zusammenlaufen. Einmal wurden innerhalb nur einer Woche sogar 47 Feld- und Waldbrände gezählt. Wir haben einmal mit den Feuerwehrleuten gesprochen, die bei größter Hitze unermüdlich im Einsatz waren und oft noch viel Schlimmeres verhinderten.

„So viele Einsätze stellen den Alltag auf den Kopf“

Sebastian Schuffenhauer und Töchterchen Merle. Quelle: Kristin Engel

„Ich selbst bin zwölf Mal zu Einsätzen in der Wache eingetroffen. Das war in der Zeit vom 27. Juni bis 9. Juli“, erzählt Sebastian Schuffenhauer, Kamerad der Oschatzer Feuerwehr. So viele Einsätze setzen zu und stellen auch den Alltag auf den Kopf. Der 34-Jährige ist Vertretungs-Hausmeister in Schule und Kita. „Ich bin froh, dass ich in der letzten Zeit nicht als Hausmeister eingesetzt wurde, so war es für mich auch kein Problem, bei so vielen Einsätzen dabeizusein. Doch auch wenn ich arbeiten bin, ist mein Arbeitgeber informiert, dass ich, wenn der Pieper losgeht, schnell verschwinden muss. Das ist auch in Ordnung, solange ich mein Soll auf Arbeit dennoch schaffe.“

Auch im Familienleben bringt das Feuer einiges durcheinander. „Mit drei Kindern allein zuhause kann das ganz schön anstrengend werden“, erzählt Ehefrau Claudia Schuffenhauer. „Wenn ich auf Arbeit muss, schwitzt man schon immer sehr, ob mein Mann auch pünktlich wieder daheim sein wird. Man hat sich gegenseitig die Klinke in die Hand gegeben. Kaum bin ich von Arbeit gekommen, musste er oft schon wieder los.“ Claudia Schuffenhauer gibt zu, dass es auch Momente gab, wo es ihr wirklich reichte, dass ihr Mann immer wieder verschwinden muss. „Man muss damit leben. Doch die letzte Einsatzserie ging wirklich schon an unsere Nerven.“ Auch die drei Kinder im Alter von einem, sieben und 13 Jahren hatten zuletzt nicht viel von ihrem Vater. „Die beiden Großen sind aber bereits aktiv in der Mini- und Jugendfeuerwehr. Sie verstehen zum Glück, was passiert, wenn ich dringend los muss“, so der Oschatzer, der ergänzt, dass es auch die Einsatzkräfte an die Grenzen ihrer Kräfte treibt. „Manchmal gab es zwischen zwei bis vier Einsätze am Tag. Teilweise waren dabei 20 bis 50 Hektar Land betroffen.“

Der schlimmste Einsatz war für den Oschatzer jedoch ein Feuer, das bereits vor den vielen Feldbränden ausbracht – der Deponiebrand am 21. Juni. „Dieser war sehr anstrengend. Es war kaum Löscherfolg zu sehen. Die enorm hohen Temperaturen erschwerten den Einsatz. Doch auch die Feldbrände hatten es in sich. Die Bauern haben sehr gut mitgeholfen. Sie haben Brandschneisen gezogen und Wasser herangefahren. Auch benachbarte Bauern kamen zu Hilfe.“ Und als Hobbywetterexperte kann er noch hinzufügen: „Es herrscht die schlimmste Dürre seit 30 Jahren.“

„Man hat sich unter den Kameraden also jeden Tag gesehen“

Sebastian Klaus Quelle: Christine Jacob

Fordernd waren die vielen Feldbrände auch für die Kameraden in und um Delitzsch. Zwischen dem 21. Juni und dem 6. Juli hat Sebastian Klaus, ehrenamtlicher Gemeindewehrleiter aller Delitzscher Ortswehren, 16 Einsätze in diesen zwei Wochen gezählt. Zehn der Einsätze waren Feld-, Flächen- und Waldbrände, dazu kam das „Alltagsgeschäft“ wie ausgelöste Brandmeldeanlagen, Türöffnungen, Tragehilfen, die Absicherungen zum Delitzscher Stadtfest ... „Man hat sich unter den Kameraden also jeden Tag gesehen, manchmal mehrmals am Tag“, sagt der 37-Jährige. „Ich habe Vertrauen in die Kameraden und weiß, was wir alle leisten können. Aber wenn wir nicht so viel motiviertes ,Personal‘ hätten, wären die Grenzen erreicht.“

Zu Delitzsch zählen über 49 Quadratkilometer landwirtschaftliche Flächen, über 13 Quadratkilometer Wald. „Das ist schon eine Hausnummer“, sagt der Beamte im feuerwehrtechnischen Dienst. „Es sind Areale ohne Löschwasserversorgung, darum muss man sich schon Gedanken machen.“ Da reichen dann mitunter auch vier große wasserführende Löschfahrzeuge nicht aus, müssen andere Wehren dazu alarmiert werden, um genug Wasser an die Einsatzstelle zu bekommen. „Wir können es uns nicht leisten, die wasserführenden Autos zu reduzieren“, so der Gemeindewehrleiter.

Doch nicht nur, weil er sich als „Chef“ aller rund 220 Kameraden in Delitzsch und den Ortsteilen solche Gedanken macht und machen muss, war die Zeit der Feldbrände eine stressige: „Ich hatte zwar Glück und Urlaub“, berichtet der Familienvater, „aber es ist dennoch belastend für die Familie, wenn man während des Urlaubs immer wieder wegrennt.“ Immerhin kann niemand wissen, wie lange so ein Einsatz dauert. Und niemand weiß, wann der nächste kommt. Geht der Pieper, wird stehen- und liegengelassen, was gerade getan wird und geht es unverzüglich zum Gerätehaus. Allein das stresst, erst recht wenn es mehrmals am Tag so geht.

Viele seiner Kameraden hätten es aber noch schwerer gehabt, mussten ihre Arbeitsstellen verlassen. „Man muss da auf Verständnis hoffen“, sagt der 37-Jährige. Es würde leider immer wieder Fälle geben, in denen Kameraden dann auf der Arbeit mit Diskussionen konfrontiert sind. „Mehr Verständnis der Arbeitgeber wäre gut, wir sind als Feuerwehr auf die Unterstützung der Unternehmen angewiesen, dass sie die Kameraden problemlos freistellen“, hofft Sebastian Klaus.

„Da kommt man schon an die Grenzen“

Marcus Lehmann Quelle: Ilka Fischer

Der Regen der vergangenen Tage lässt Marcus Lehmann aufatmen. Der 45-Jährige ist seit 1990 Feuerwehrmann in Eilenburg. Daher kann er gut einschätzen: „Dieses Jahr ist schon extrem.“ Schon bis jetzt seien es über 200 Einsätze gewesen. „Gerade in den heißen Tagen mussten wir täglich ein bis zweimal wegen Feld- und Waldbränden ausrücken. Da kommt man schon an die Grenze“, gesteht der Eilenburger. Dabei hat er noch das Glück, dass er gleich neben dem Eilenburger Feuerwehrdepot am Schützenplatz wohnt. Auch seinen Arbeitsplatz als Altenpflegerhelfer hat der Löschmeister, der bei der K & S Seniorenresidenz Dauernachtwachen schiebt, in Sichtweite.

Doch die Brände hätten ihm seinen Nachtschlaf am Tage schon des Öfteren geraubt. „Da ist es ja fast ein Glück, dass ich derzeit drei Wochen frei beziehungsweise Urlaub habe“, so der Löschmeister. Das Fitnessstudio in Ost, das er in seiner Freizeit gern besucht, oder auch die Ferienerlebnisse mit seiner jüngsten elfjährigen Tochter würden da hinten angestellt. Dass sie viel Verständnis dafür hat, freut den Truppführer. Das würde er sich allerdings auch von der Bevölkerung wünschen. „Wir müssen uns mitunter schon einiges anhören, weil wir mit Blaulicht und Martinshorn durch die Straßen düsen.“ Dabei sei das doch auch eine Frage der Sicherheit.

„Wenn der Meldeempfänger piept, mache ich schnell los“

Franz Engelhardt Quelle: Steffen Brost

Der Bad Dübener Franz Engelhardt ist Feuerwehrmann aus Leidenschaft. Schon mit zwölf Jahren trat der heute 20-Jährige der Jugendfeuerwehr bei und wurde mit 16 Jahren in die Reihen der Kameraden aufgenommen. Seitdem fuhr er dutzende Einsätze. In diesem Jahr erlebte der junge Mann bereits zehn Einsätze bei Wald- und Feldbränden rund um Bad Düben. Denn die Dürre sorgt dafür, dass auch die Dübener Feuerwehrleute im Dauereinsatz sind. „Wenn der Meldeempfänger piept, mache ich schnell los. Egal ob ich auf Arbeit oder zu Hause bin. In der Regel brauche ich zwei bis drei Minuten bis zum Gerätehaus. Dann springe ich in die Einsatzsachen und werde auf ein Fahrzeug eingeteilt. So war es auch bei allen Wald- und Feldbränden der vergangenen Tage. Schon bei der Anfahrt zum Ereignisort macht man sich so seine Gedanken. Man weiß ja durch den Meldeempfänger in etwa, was los ist“, schildert Engelhardt.

Auch an den Wochenenden muss man immer mit Alarm rechnen. Im Einsatz war Engelhardt beispielsweise auch am vergangenen Wochenende. Während die Bad Dübener Feuerwehrkameraden die Blaulichtbar am Stadtstrand am Paradeplatz betreuten, wurde kurz nach Mitternacht am Sonntag zum Einsatz gerufen. Auf der Ortsverbindungsstraße von Görschlitz nach Laußig brannte ein Waldstück.

„Das war schon ziemlich oft dort. Da fragt man sich schon, warum brennt es immer wieder an der gleichen Stelle. Zündelt hier jemand? Das sind solche Fragen, die einen beschäftigen. Angst habe ich aber nicht. Das sollte man auch nicht, nur Respekt muss man haben“, sagte der junge Mann. Mit schweren Atemschutzgerät bahnte sich der Bad Dübener am Sonntag mit einem weiteren Kameraden den Weg in den brennenden Wald. „Die Rauchentwicklung war so stark, dass wir Atemschutz anlegen mussten. Da kommt man bei diesen Temperaturen schon ganz schön ins Schwitzen.“

Von Kristin Engel, Christine Jacob, Ilka Fischer, Steffen Brost