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Oschatz Oschatzer Bauer rettet italienischem Kriegsgefangenen das Leben
Region Oschatz Oschatzer Bauer rettet italienischem Kriegsgefangenen das Leben
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16:44 01.02.2019
So sah es auf dem Bauernhof der Familie Merkel in Kleinragewitz aus. Auf dieser undatierten Aufnahme könnten auch die Kriegsgefangenen mit abgelichtet sein. Eventuell kann sich Basilo Genovese an diese Aufnahme, die er jetzt am Wochenende erstmals zu sehen bekommt, erinnern. Quelle: Fotos: privat
Kleinragewitz/Oschatz

Die Ungewissheit macht ihm sein ganzes, langes Leben zu schaffen. „Wer hat mich damals gerettet?“, fragt sich Basilo Genovese seit 74 Jahren immer wieder. Im vergangenen Jahr hielt der heute 98-Jährige die Ungewissheit nicht mehr aus und wandte sich mit einem Hilferuf in der italienischen Zeitung Barcellona News an die Öffentlichkeit. Der Hilferuf wurde erhört. Seine Retter waren höchstwahrscheinlich die Landwirte Merkel aus Kleinragewitz bei Oschatz.

Arbeitslager der Nazis überlebt

Basilo Genovese lebt heute im sizilianischen Barcellona Pozzo di Gotto bei Messina. Er ist einer der italienischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg die Arbeitslager der Nazis überlebt haben. Nach der Absetzung Benito Mussolinis als italienischer Ministerpräsident im September 1943 endete die Allianz mit Hitler-Deutschland abrupt. „Von da an wurden die Italiener als Feinde Deutschlands betrachtet“, weiß die Heimatforscherin Gabriele Teumer aus Oschatz.

Unmenschliche Bedingungen im Lager

Wenn sie nicht mit den Deutschen kooperierten, wurden die italienischen Soldaten in Arbeitslager gesteckt. Basilo Genovese war einer von ihnen. Im September 1943 kam er in ein Lager in Oschatz, wo die Kriegsgefangenen unter unmenschlichen Bedingungen hausten. Pro Tag bekamen sie nur 200 Gramm Suppe und Brot. „Der Hunger war unser ständiger Begleiter, neben der Angst und Erschöpfung“, erinnert sich der 98-Jährige. Zu Weihnachten 1943 wurde es ganz besonders schlimm. Basilo wurde zusammengeschlagen und überlebte schwer verletzt. Ein französischer Arzt verschrieb ihm Ruhe. Der damals 23-Jährige wurde wahrscheinlich auf den Hof der Familie Merkel verlegt. „Dort war ich immer noch ein Gefangener und arbeitete viele Stunden am Tag. Aber man behandelte mich als Mensch. Wäre ich im Lager geblieben, hätte ich gewiss nicht überlebt“, wird Genovese in dem italienischen Zeitungsartikel zitiert. Nach der Befreiung durch die Amerikaner im Mai 1945 kehrte der Italiener in seine Heimat zurück.

Ein Foto von Familie Merkel als Erinnerung

Die Erlebnisse in Deutschland beschäftigen ihn bis heute. „Die Narben sind zu tief“, sagt Genovese. Ein Foto der Familie Merkel – diesen Namen hat sich Basilo Genovese bis heute gemerkt – ist ihm als einzige Erinnerung an seine Retter geblieben. Nur, wer sind diese Merkels?

Durch Zufall erfuhren der MDR-Journalist Lars Tunçay und drei Journalismus-Studentinnen von der Universität Halle vom Hilferuf des hochbetagten Italieners. Sie nahmen Kontakt mit der Oschatzer Heimatforscherin Gabriele Teumer auf, die seit längerem intensiv zum Kriegsgefangenenlager Stalag IV G in Oschatz (1939 bis 1945) recherchiert. „Ich habe in alten Adressbüchern von Oschatz nachgeschlagen: 1927 gab es hier noch keine Familie Merkel, 1933 standen sie drin“, erzählt sie. Das passt: Im Jahr 1933 kaufte Gerhard Merkel das Gut in Kleinragewitz bei Oschatz.

Gerhard Merkel in Stalingrad

Gerhard Merkel wurde im Zweiten Weltkrieg als Soldat an die vorderste Front nach Stalingrad kommandiert. Hier trat er 1942 auf eine Mine, die ihm das rechte Bein wegriss. 1944 kehrte er mit einer Prothese zurück auf den Hof in Kleinragewitz, wo er bis zu seinem Tod 1993 lebte. „Wir hatten damals drei Kriegsgefangene“, sagt sein Sohn Klaus Merkel, der 1944 geboren wurde und diese Zeit von den Erzählungen seines Vaters kennt.

Die Kriegsgefangenen lebten in Zimmern über dem Pferdestall, wurden von den Merkels gut behandelt und ausreichend mit Lebensmitteln versorgt. Mittags aßen sie zusammen mit den Merkels in der Leutestube.

Kriegsgefangene retten Merkels das Leben

Als dann im Mai 1945 die Russen auf Beute- und Rachetour vor dem Merkelschen Hoftor standen, stellten sich die Kriegsgefangenen vor die Hofeigentümer. „Nix zappzarapp (umgangssprachlich für Stehlen, d. Red.). Hier gute Menschen.“ Mit diesem Satz retteten die Kriegsgefangenen den Merkels das Leben und sicherten den Fortbestand des Hofes. „Einer der Kriegsgefangenen hat uns noch jahrelang jedes Weihnachten eine Karte aus Serbien geschrieben“, erinnert sich Klaus Merkel.

Er hat sich die soziale Ader seiner Vorfahren bewahrt. Seit fünf Jahren beschäftigt der Landwirtschaftsbetrieb einen Polen. „Der sitzt bei uns jeden Mittag mit am Tisch. Das kenne ich gar nicht anders“, sagt Klaus Merkel.

Enkel froh über Unterstützung

Mittlerweile weiß Basilo Genovese, dass seine Retter mit hoher Wahrscheinlichkeit die Merkels aus Kleinragewitz waren. Die Journalismus-Studentin Lisa Ossowski hält den Kontakt zu Genoveses Enkel Nicolò. „Wie sein Großvater auf die Nachricht reagiert hat, weiß ich leider nicht. Er ist erkrankt und kann schlecht sprechen. Sein Enkel hat sich auf jeden Fall gefreut und gesagt: Total cool, dass ihr uns unterstützt.“ Enkel Nicolò will an diesem Wochenende seinen Großvater besuchen und ihm die alten Fotos vom Bauernhof in Kleinragewitz zeigen, die Lisa Ossowski am Mittwoch beim Besuch bei Familie Merkel abfotografiert hat. „Es gibt noch ein paar kleine Unstimmigkeiten“, sagt die Studentin. Die können erst restlos ausgeräumt werden, wenn Basilo Genovese auf den alten Fotos den Bauernhof Merkel in Kleinragewitz als seinen Arbeits- und Wohnort während der Kriegsgefangenschaft erkennt.

Von Frank Hörügel

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