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Oschatz Oschatzer Tätowierer: Zille sticht zu
Region Oschatz Oschatzer Tätowierer: Zille sticht zu
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11:17 10.04.2019
Zille bei der Arbeit. Quelle: kristin engel
Oschatz

Konzentriert sitzt Rene Grau über einem Bild. Das Motiv hat er selbst zusammengestellt – und sein Kunde war auf Anhieb begeistert. Das Bild der Sanduhr in der Hand spiegele einen wichtigen Teil seines Lebens wieder, mehr möchte Raik dazu aber nicht sagen. Viele Kunstwerke zieren bereits seine Haut. Der Künstler bei allen Bildern: Zille – Rene Grau.

Bevor es überhaupt zum tätowieren kommt, muss alles gründlich desinfiziert werden. Die Liege ist bereits vorbereitet, die Handschuhe dürfen nicht fehlen. Das Tattoo soll auf der Innenseite des Oberarms landen. Eine schmerzhafte Stelle, wie Raik, dessen Frau und Kind draußen auf ihn warten, bald feststellen muss. Ein bisschen Angst sei immer dabei, doch für Raik ist es auch zu einer kleinen „Sucht“ geworden, immer neue Kunstwerke auf seiner Haut zu platzieren.

Künstlerische Ader

Tätowierer Zille hatte schon immer eine künstlerische Ader. Vor 13 Jahren entschied er sich schließlich, den Beruf des Lackierers und Malers hinter sich zu lassen und sich ganz mit den feinen Linien des Tätowierens zu befassen. Für ihn ist es eine Lebenseinstellung. Freiheit. Um sein Handwerk zu erlernen, hatte er eine Mentorin aus München. 2006 eröffnete er seinen eigenen Laden in Altoschatz, zog 2008 schließlich nach Oschatz in die Strehlaer Straße. Doch nicht nur hier hat er ein Geschäft. Ein zweites befindet sich in Arnstadt in Thüringen. In beiden ist er bereits ein Jahr im Voraus ausgebucht. „Viele Leute vergessen noch immer, dass das Tätowieren keine Modeerscheinung ist“, sagt Zille. „Tätowierungen gibt es fast seit es die Menschheit gibt. Leider gibt es heute aber sehr viele schwarze Schafe – die ,Garagentätowierer’, auch Scratcher genannt. Eine richtige Hygienekontrolle ist wichtig, doch das gibt es dort nicht.“ Zille selbst hat sich seinen guten Ruf gewissenhaft aufgebaut.

Noch immer gibt es Vorurteile

Noch immer haben Leute mit Tätowierungen mit Vorurteilen zu kämpfen. Gefängnis, Armee, Seeleute sind da die ersten Begriffe, die vielen Leuten in den Sinn kommen. Aber die Zeiten haben sich gewandelt. „Die Toleranz wurde über Jahre hinweg aufgebaut. Doch noch immer gibt es sehr viel Ablehnung. Diejenigen, denen es nicht gefällt, sollen eben nicht hingucken“, betont Tätowierer Zille – und Raik stimmt zu.

Zille rasiert sorgfältig alle feinen Härchen an der entsprechenden Stelle von Raiks Oberarm ab. Der Stencil – also die groben Umrisse des entstehenden Tattoos – wird auf die Fläche aufgetragen. Auch Tattoobutter wird während der Behandlung regelmäßig auf der Stelle verteilt, um die Haut geschmeidig zu halten und sie zu beruhigen.

So wie Raik wollen viele Leute großflächige Schwarz-Weiß-Bilder. „Doch eigentlich ist alles dabei. Mit Farbe, schwarz-grau-weiße Bilder, große, kleine. Eben querdurch.“ Zilles ganz persönlicher Schwerpunkt liegt auf Porträt und Realistik. Das ist die Königsklasse in diesem Bereich. „Ein Gesicht ist eine Persönlichkeit. Jedes Gesicht sieht anders aus. Eine Blume ist hingegen nur eine Blume“, so der 42-Jährige. Hier hat er bereits diverse Auszeichnungen erhalten. So unter anderem durch ein realistisches Popeye-Motiv in 3D. Später ist auf dem selben Mann eine ganze Popeye-Serie entstanden, mit Schiff und Olivia. Letztere stellte eine Herausforderung dar. Denn Olivia gab es nicht als 3D-Vorlage. So stellte sich kurzerhand eine Kundin als Modell zur Verfügung. Diese Werke sowie viele weitere Bilder von Zille sind inzwischen auch in verschiedenen Tattoo-Zeitschriften zu sehen.

Schmerzen am Arm

Etwa sechs Tattoo-Conventions besucht er und zwei bis drei Wettkämpfen stellt er sich im Jahr. Dabei bevorzugt er die Kategorie „best Color“. So stehen über 20 Auszeichnungen in der Vitrine, oft erhielt er den ersten Platz. Er war bereits auf der internationalen Tattoo-Convention in Südamerika und in Irland. Und am ersten Mai-Wochenende in Erfurt stellt er sich wieder einem Wettbewerb. Tätowieren ist sein Handwerk.

Zille macht sich bei Raik an die Arbeit. Die verschiedenen Schwarztöne sind vorbereitet. Und die Farbe gelangt mit den ersten Nadelstichen in die Haut seines Kunden. Noch verzieht Raik nur leicht das Gesicht. Er kennt sich mit den Schmerzen aus.

Raik selbst liebt die Realistik. Doch bei der Kundschaft von Zille waren wirklich schon viele Wünsche dabei. Der Oschatzer nimmt sich auch die Freiheit heraus, Tattoos abzulehnen. Zum Beispiel die, die er selbst nicht vertreten kann, aber auch Trends wie die UV-Tattoos, da er den Tätowiermittelverordnungen unterliegt. Er empfiehlt auch seinen Kunden, dass Tattoo oder die gewünschte Stelle noch einmal zu überdenken, wenn er merkt, dass es unästhetisch aussehen könnte. Gar nicht gern sieht er auch die Klassiker Pusteblume, Unendlichkeitszeichen oder Namen. „Es ist frustrierend, wenn man seine eigenen Tattoos covern muss, nur weil die Leute sich von ihrem Partner getrennt oder mitbekommen haben, dass es die Unendlichkeit einfach nicht gibt.“

Mittlerweile wollen auch immer mehr Frauen Kunstwerke auf ihrer Haut verewigt haben. Hier seien besonders die floralen Tattoos, Mandala, Dotwork und Realistik gewünscht. Meistens miteinander verbunden. „Männer sind da anders. Sie wollen lieber viele Einzelmotive. Männer gehen auch nicht so weit wie Frauen.“

Auf der Innenseite des Oberarms von Raik sind die Konturen gemacht. Auch die Finger, die die Sanduhr halten, sind bereits vollständig zu erkennen. Nun geht es an das Innere der Uhr. Raik kneift die Augen zusammen und presst die Zähne gegeneinander. Eine schmerzhafte Stelle hat er sich für sein neues Tattoo ausgesucht. Neben dieser seien auch der Rippenbogen, die Unterbrust, der Bauch, der Fußrücken und die Kniekehle nicht zu empfehlen, sagt Zille. Wichtig sei es, vor der Behandlung ordentlich zu essen und viel zu trinken – natürlich alkoholfrei!

Nach knapp zwei Stunden muss Zille abbrechen. Die Schmerzen scheinen zu stark zu werden. Raik ärgert sich. Noch nie musste er vor Vollendung eines Tattoos aufhören. Umso glücklicher ist er, bereits einen Folgetermin zu haben und so nicht noch ein Jahr auf die Fertigstellung warten zu müssen. Dafür muss ein weiteres neues Tattoo eben etwas warten. Welches das sein wird, weiß er noch nicht. Gut könnte er sich etwas von da Vinci, die vier apokalyptischen Reiter oder einen Adler, der eine Schlange hält, vorstellen. Mit einer speziellen Tattoo-Folie, die drei bis vier Tage auf der Haut bleiben muss, wird das Tattoo überklebt. Das Ergebnis – auch wenn es noch nicht vollständig ist – kann sich sehen lassen.

Wie viele Tattoos Zille bereits gestochen hat, kann er nicht sagen. Wahnsinnig viele seien es gewesen. Doch einen Wunsch hätte er noch. Ein Tattoo von Johnny Depp. „Nicht als verrückten Hutmacher. Das hatte ich bereits. Viel lieber wäre mir eins von ihm als Person. Oder sogar als Captain Jack Sparrow. Ja, das wäre eine tolle Herausforderung.“

Von Kristin Engel

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