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Oschatz Punk in der DDR: Geralf Pochop widmet Subkultur ein Buch
Region Oschatz Punk in der DDR: Geralf Pochop widmet Subkultur ein Buch
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15:39 13.12.2019
Geralf Pochop als Punk und heute. Der 55-Jährige stammt aus Halle und lebt inzwischen in Nordsachsen. Quelle: Wolfgang Sens/privat Montage: Wolfgang Sens
Nordsachsen

Für Geralf Pochop ist es die 28. Lesung zum Thema „Punk in der DDR“. „Ich bin natürlich nicht als Punk auf die Welt gekommen“, erzählt er den Zuhörern im ehemaligen Torgauer Jugendwerkhof. „Ich war ein normaler Junge. Doch auch zu dieser Zeit sind Sachen passiert, wo man ins Grübeln kam.“

Er erinnert sich an eine Situation in seiner Schulzeit: „In der dritten Klasse, an einem Montag im Jahr 1973, lernte ich, wie das Leben mit Lügen in der DDR funktionierte. Am Sonntag davor eroberte ein kleines schwedisches Mädchen mit Superkräften und einem anarchistischen Geist die Herzen aller deutschen Kinder, die die Möglichkeit hatten, Westfernsehen zu schauen. Der Name des Mädchens: Pippi Langstrumpf.“ Es gab in der Schule kaum ein anderes Thema. Die Lehrerin fragte, was die Schüler am Wochenende gesehen haben. Alle riefen „Pippi Langstrumpf“.

„Nur die drei Stasikinder erzählten irgendwas von Pittiplatsch. Erst war Totenstille. Kurz darauf brach ein Donnerwetter vom Ausmaß eines größeren Tsunamis über uns her. Was wir uns einbilden würden, Fernsehen vom kapitalistischen, imperialistischen, kriegstreibenden Klassenfeind zu sehen, wo wir doch alle wüssten, dass in der BRD alle Kinder hungern und Pippi Langstrumpf die kapitalistischen Kinder nur darauf vorbereiten würde, unser friedliebendes, sozialistisches Heimatland DDR, das so viel für seine Kinder tut, anzugreifen.“

Das Fazit der Schüler: Nie über Westfernsehen erzählen. Und: „Irgendwas kann mit dem Sozialismus nicht stimmen, wenn ein so tolles Mädchen wie Pippi Langstrumpf ein Aggressor gegen die DDR sein soll.“ Fortan wurde auf die Frage, was denn geschaut wurde, nur noch „Pittiplatsch“ geantwortet.

Punk erobert 1977 auch realsozialistische Kinderzimmer

1977 gilt als Geburtsstunde des Punk. Punkrock kam ins Westradio und so auch in die Kinderzimmer in der DDR. Auch Geralf Pochop, der ursprünglich aus Halle stammt, konnte so seine ersten zwei Lieder von den Sex Pistols aufnehmen – und war begeistert. Es war was Verrücktes und Neues.

1982 hieß es dann, dass in der Lutherkirche Punkbands spielen. Geralf Pochop konnte es nicht glauben. Vor der Kirche saßen Jugendliche mit langen Haaren – wie immer bei solchen kirchlichen Veranstaltungen. Es sah nichts nach Punk aus. Bis er etwa ein Dutzend Jugendliche erblickte, die eindeutig zur Punk-Szene gehörten.

Im Gemeinderaum erlebte er dann sein erstes Punkkonzert. Während des Konzerts der Leipziger Band Wutanfall wurde etliche Male der Strom der Anlage gekappt und dem Sänger mehrfach das Mikrofon entrissen. Die Punks wurden aufgefordert, sich im Schneidersitz vor die Bühne zu setzen. So war es bei den Liedermacher-Abenden üblich. Alle ließen sich nach und nach auf dem Boden nieder, doch sprangen schnell wieder auf, als die Band weiterspielte. Dasselbe Spiel erneut. „Ich war der glücklichste Mensch der Welt.“

Bei Punkkonzerten ging es hoch her. In den Augen der Staatsmacht war die Unangepasstheit der Szene aber stets verdächtig. Quelle: privat

Teenager als Staatsfeinde

Mehr und mehr eroberten die Punks die Bühne. Pochop: „Der Chef der Staatssicherheit empfand ab Mitte 1983 die Punks als die Hauptbedrohung der DDR und stufte Punk als Staatsfeind Nummer eins ein. Die Punkszene bestand damals aus pubertierenden Kids zwischen 13 und 19 Jahren und die waren sehr spaßorientiert. Sie wollten fetzig aussehen und cool sein.

Die Szene war zudem extrem klein. Sie wollten Punk-Musik hören und auffallen. Sich mit dem Staat anzulegen, war nicht das Hauptziel. Es gab aber einen Befehl, mit dem Härte gegen Punk befohlen wurde. Man solle die Samthandschuhe ausziehen und mit diesen ,Figuren’ nicht zimperlich umgehen.“

Staatliche Repressionen gegen die Szene

Auch aus Geralf Pochops Bekanntenkreis verschwanden drei Personen in den Jugendwerkhof. Und das alleine wegen ihres Aussehens. Öffentliche Räume waren für Punks gesperrt. Als Punk konnte man bis zu 500 Mark Ordnungsstrafe pro Sichtung bekommen. „Das konnte natürlich keiner bezahlen. Wenn man im Monat zehnmal gesehen wurde, hatte man schon 5000 Mark Ordnungsstrafe am Hals“, so der Autor.

Auch Konzerte wurden versucht zu verhindern. „Wir wurden ständig verhört. Damals haben wir die alten Männer in ihren hässlichen Klamotten, die uns gegenübersaßen und nicht mal das Wort Punk richtig aussprechen konnten, nur belächelt. Wenn ich heute in meinen Akten lese, wer dort vor mir saß, ausgebildete Geheimdienstoffiziere, kommt mir nachträglich das Grauen.“

DDR sieht Sicherheit und Ordnung in Gefahr

Ende 1983 sollte ein nächstes Punk-Festival in der Christuskirche stattfinden. Es wurde mit allen Mitteln versucht, dies zu verhindern. Die Stasi sammelte jeden ein, der irgendwie nach „Subkultur“ aussah. Jeder wurde einzeln zum Verhör gerufen. „Mir wurde vorgeworfen, dass ich am Samstag die öffentliche Sicherheit und Ordnung der DDR gefährden wolle, weil ich plane, eine illegale Veranstaltung in der Christusgemeinde zu besuchen.

Das Verhör war mehr als Warnung gedacht. Zum Schluss gab er mir einen vorbereiteten Wisch zum Unterschreiben, in dem ich versichern sollte, dass ich am Sonnabend nicht in die Christusgemeinde gehen würde. Ich fragte, was wäre, wenn ich nicht unterschreibe?“ Die Antwort kam prompt: Vorbeugehaft bis nach der Veranstaltung. Pochop unterschrieb. „Zu unterschreiben, dass ich nicht hingehen würde, war die einzige Möglichkeit, um hingehen zu können.“

Der Samstag kam. Mit Freunden versuchte er, zum Festival zu gelangen. Doch als sie aus der Straßenbahn an der Christusgemeinde aussteigen wollten, lauerten dort Stasi-Leute und hielten die Straßenbahntüren zu. Sie kamen nicht raus. Auch an den nächsten Stationen war dies so. Es ging zum Bahnhof. Auch da war alles voller Volkspolizei, Transportpolizei und Staatssicherheitsmitarbeiter. Jeder, der aussah wie ein Punk, wurde geschnappt.

Volkspolizei und Stasi waren präsent, wenn die Punks feiern wollten. Quelle: privat

Orgel als Deckmantel

Auch mit dem Taxi dorthin zu fahren, war schwierig. Die Taxifahrer in Halle hatten den Auftrag, nicht zur Christusgemeinde zu fahren. Mit einem Trick und einer anders genannten Adresse gelang es ihnen schließlich doch noch. Alle haben sich gefreut. Doch diese Euphorie endete schnell. Denn es war niemand da. Weder Bands noch Besucher. „Es war sozusagen ein voller Erfolg der Staatssicherheit“, so der heutige Torgauer.

Später ließ man sich diesbezüglich etwas einfallen. Es wurde ein „Orgelkonzert“ veranstaltet. Keine Punks waren auf der Straße. Aber dafür ziemlich viele Bauarbeiter – an einem Samstag. Nach ein paar Orgelklängen gehörte die Bühne den Punkbands und unter den Bauarbeiterhelmen kamen die bunten Haare zum Vorschein.

Entführung durch Stasi

Die Staatssicherheit versuchte massiv, durch IM-Anwerbung in die Szene reinzukommen. „Bei mir wurde das Ende 1986 auch versucht“, erinnert sich Geralf Pochop. Neben ihm hielt ein Auto mit quietschenden Reifen. Vier Männer zerrten ihn hinein und fuhren ihn in einen Wald am Rande der Stadt. Dort musste er aussteigen. Er hatte schon viele Stasiverhöre erlebt, doch das war eine völlig neue Dimension. Er hatte Angst.

Zuerst versuchten sie, ihn im ruhigen Ton als Informanten für die Stasi anzuwerben. Als er verneinte begannen die Männer, ihm mit Haft oder dem Einzug in die NVA zu drohen, und wollten ihm auch danach das Leben weiter schwermachen.

Und obwohl er am ganzen Körper zitterte, unterschrieb er nicht. Er hoffte, nicht zusammengeschlagen zu werden. Nach einer gefühlten Ewigkeit stiegen die Männer wieder ins Auto und fuhren davon. Aus Angst vor den Männern versteckte er sich im Wald und lief erst in der Dämmerung nach Hause.

Geralf Pochop war zu DDR-Zeiten Punk. Über seine Erlebnisse berichtet der Torgauer in seinem Buch das Anfang Dezember erschienen ist. Quelle: Wolfgang Sens

Isolationshaft nach Ausreiseantrag

Doch das war erst der Anfang. Er wurde mehrfach bedrängt und auch ein weiteres Mal in ein Geheimdienstbüro in einem Abrisshaus entführt. Als sie ihn schließlich gehen ließen, entschloss er sich, einen Ausreiseantrag zu stellen.

Somit katapultierte er sich selbst an die Spitze der verfolgungswürdigen Punks in Halle. Er sollte für sechs Monate in Haft. Mehrere Wochen verbrachte er in einer Isolationszelle, schließlich kam er in eine Zelle mit Schwerverbrechern. Mit etwas Glück überstand er diese Zeit halbwegs unversehrt.

Raus aus der DDR

Als er wieder aus dem Gefängnis kam, wollte er nach wie vor raus aus der DDR. Sein Ausreiseantrag wurde aber nicht bearbeitet. Er fragte einen Freund, der inzwischen in der BRD lebte, ob er ihm nicht ein Mädel rüberschicken könne, das ihn rausheiratet.

„Tatsächlich kam die Antje aus Braunschweig, die mich heiraten wollte“, erinnert er sich heute mit einem Lachen. Zuerst gab es ein paar „Beweisfotos“ von den „frisch Verliebten“, die in den Westen geschickt wurden, damit keiner eine Scheinehe vermutete.

Plötzlich war die Grenze offen

Doch bis zur Hochzeit kam es gar nicht, denn die letzte DDR-Wahl stand bevor. Und so kam es, dass er schließlich in einem Sonderzug in den Westen saß. „Man wollte so viele Oppositionelle wie möglich loswerden, damit die Wahl nicht gestört wurde. Damit wir nicht beweisen konnten, dass ihre Wahl gefälscht wurde. Diese krasse Grenze, an der Leute erschossen wurden, war plötzlich ganz leicht zu überwinden. Und dann war ich im Westen!“

Für Geralf Pochop war dies alles eine sehr aufregende Zeit mit vielen schönen, aber auch angsteinflößenden Erinnerungen. Die Besucher der Lesung – eine Gemeinschaftsveranstaltung vom Dokumentations- und Informationszentrum und von der Gedenkstätte Jugendwerkhof Torgau – waren begeistert und kamen auch im Anschluss mit ihm ins Gespräch.

Geralf Pochops Buch „Untergrund war Strategie. Punk in der DDR: Zwischen Rebellion und Repression“ erschien im Hirnkost Verlag (ISBN: 978-3-945398-83-8) sowie in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung.

Von Kristin Engel

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