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Oschatz Schloss Leuben: Neues Leben für barocke (T)räume
Region Oschatz Schloss Leuben: Neues Leben für barocke (T)räume
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08:00 26.03.2019
Mit detektivischem Gespür: Arnulf Dähne bei den Restaurierungsarbeiten auf Schloss Leuben. Quelle: Manuel Niemann
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Leuben

Die rechte Hand von Arnulf Dähne ruht scheinbar auf dem Malstock, während er mit dem Pinsel ganz sachte auf die Wand tupft. Mit der linken Hand führt er den Stab, an dessen Ende sich ein Stoffknauf findet, mit dem er den Stab an der Wand aufgesetzt hat.

„Der ist nur dafür da, dass ich nichts kaputt mache“, sagt er, während er neue Farbe auf die alte Wandbemalung tüpfelt. Dähne ist Diplomrestaurator und saniert mit seinem Kollegen Siegfried Letsch sowie studentischen Helfern das, was vom barocken Farbspiel an den Wänden von Schloss Leuben noch geblieben ist.

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Wechselvolle Schloss-Geschichte

In dem Schloss im Oschatzer Ortsteil erinnert auf den ersten Blick nichts mehr an den Prunk des 18. Jahrhunderts: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Barockschloss enteignet, diente erst als Flüchtlingsunterkunft, später als Schule. Ab Mitte der 1970er-Jahre stand es leer und verfiel.

Investoren, die das Schloss 1990 als Spekulationsobjekt erworben hatten, verkauften es schließlich 2004 an den neu gegründeten Leubener Schlossverein. Seit 2017 befindet sich das Gebäude wieder in adligem Besitz: Gleich drei Generationen der Familie von Sahr-Schönberg wollen zukünftig hier wohnen.

Leo und Marion Sahrer von Sahr von Schönberg wollen künftig mit ihrer Familie in dem Schloss leben. Quelle: Manuel Niemann

Schloss Leuben soll Familiensitz werden

Die Familie hat sich verpflichtet, dass Teile des Gebäudes für die Öffentlichkeit zugänglich sein werden. Dafür werden die Eingangshalle und der dahinter liegende Gartenraum dienen, sowie die gleich geschnittenen Räume in der oberen Etage.

Einen barocken Raumeindruck werden Besucher dort nur bedingt erhalten. In den meisten Räumen ist das Ziel der Restauratoren, auf die alten Befunde hinzuweisen und sie in modernisierten Räumen zu präsentieren.

Anders in dem kleinen, an der Seite gelegenen Raum im Erdgeschoss, in dem Dähne gerade arbeitet: Das Kaminzimmer. Ob es einst das Musikzimmer der Dame oder auch das Rauchzimmer des Herren war, kann Dähne nicht zweifelsfrei sagen.

„Aber die kleinen Zimmer, wenn sie mit Ofen ausgestattet waren, sind keine untergeordneten, sondern herrschaftliche Zimmer“, erklärt er. Üblicherweise seien sie eher im Obergeschoss zu finden, aber weil an das Schloss ein Garten grenzte, drücke sich hier eine relativ moderne Einstellung aus. „Das war hier ein sehr gehobener Wohnbereich.“

Barockes Kaminzimmer wird weitgehend restauriert

„Das wird der einzige Raum, der weitestgehend rekonstruiert wird“, erklärt Marion von Sahr, die neue Schlossherrin. „Sonst wollen wir die Befunde, die da sind, zeigen und das farbliche Drumherum einfach nur anpassen.“ Ein Problem dabei: Die Räume wurden bereits mehrfach neu gestaltet und übermalt.

Die verschiedenen Fassungen – meist sind es drei – liegen zum Teil übereinander. Sie sind unterschiedlich aufwendig. So verfügen manche über Sockelmalereien, manche hatten auch zwischenzeitlich Verkleidungen. „Im Gartensaal sind es sogar vier“, sagt Marion von Sahr. „Die ganz besonders wichtigen Räume, die auch schneller abgewohnt waren, haben sie häufiger angepasst. Aber in einer relativ kurzen Zeit: Zwischen 1730/40 bis 1810 ist das durch gewesen“, erklärt Arnulf Dähne.

Studenten und Praktikanten sammeln wertvolle Praxis

Bereits im vergangenen September hat er mit Studenten im Rahmen eines internationalen Sommerseminars die Wände wortwörtlich abgeklopft und mit dem Skalpell untersucht, was auf den Wänden die Zeit überdauert hat.

Statt auf irgendeine Baustelle zu gehen, versucht Dähne, der selbst in Dresden, Stuttgart und in Pardubice lehrt, jungen Menschen anschauliche Praxiserfahrungen zu geben. So sind immer wieder Praktikanten, die das Altenburger Praxisjahr für Kunstgut- und Denkmal-Restaurierung absolvieren, in Leuben auf der Baustelle.

Studenten und Praktikanten helfen dem Restaurator bei der Arbeit in den Schlossräumen. Quelle: Manuel Niemann

Restauration beginnt mit Detektivarbeit

Der Bestand wird Raum für Raum untersucht. Schicht für Schicht wird analysiert, was eine eigene Fassung sein könnte oder was zusammengehört. Was ist eine Grundierung? Was ist ein Überzug? Gab es eine Verkleidung oder gar Tapete? „Man muss alle Indizien zusammentragen und meistens kommen die letzten Wahrheiten erst in der Bearbeitung.“

So kommt es, dass sich Dähne gerade fragt, ob das Kaminzimmer einmal mit dünnen Textilien bespannt war. Nägelchen hat er gefunden, aber keine Leisten. „Wenn sie es bespannt hatten, dann hatten sie wirklich nur nackt den Stoff aufgenagelt – ohne Leisten oder nur mit so dünnen, dass diese nur Zierrat waren, keine Trägerleisten, wie man sie klassisch kennt. Hier wissen wir wirklich nicht, wie es ausgesehen hat.“

Noch ist das Schloss im Oschatzer Ortsteil Leuben eine große Baustelle. Quelle: Manuel Niemann

Rekonstruktion anhand des Vorhandenen und dem Geschmack der Zeit

Wie erhalten aber die Wände wieder eine Bemalung, wenn das alte Dekor zu weiten Teilen abgetragen wurde? An vielen Stellen bedeute das, neu zu malen, sagt Dähne.

Um das Verlorene wiederherzustellen, könne er sich an den relativ strengen Regeln orientieren, denen die Malerei in dieser Zeit unterlag. Der Farbkanon, die Aufteilung von Licht- und Schattenlinien oder auch geometrische Aufteilungen ließen sich mit anderen Bauten aus dieser Zeit vergleichen. „Insofern ist es leichter, das zu deuten. Aber um es zu ergänzen, finden wir fast alles auch noch am Bestand des Schlosses.“

Beim Kaminzimmer haben sich die Restauratoren dafür entschieden, die zweite Fassung des Raumes wiederherzustellen, statt sie abzunehmen oder zu überdecken. Dähne nimmt an, sie müsse zwischen 1770 und 1780 entstanden sein, aber sicher sei das nicht.

Auch wenn die Erstfassung vermutlich etwas auffälliger war, von ihr gibt es einfach zu wenige Befunde. „Es gibt Bereiche, wo man noch toll sehen kann, was sie damals an Detaildekoration wie Strukturierungen und Marmorierungen eingemalt haben.“

Nur noch Reste zeugen im Schloss vom einstigen Glanz. Quelle: Manuel Niemann

Alte Farben werden experimentell hergestellt

Selten gelinge es, die Farbe für die Ergänzungen sofort richtig zu mischen. Dähne experimentiert dabei auch mit verschiedenen Techniken und Bindemitteln:„Ich vermute, das ist eine Kaseinfarbe gewesen. Aber ich scheue mich noch ein bisschen“, geht er arg ins Fachspezische, um es dann herunterzubrechen:

„Kasein: Das ist der berühmte Käseleim: Das ist Quark mit Kalk. Zusammen mit der Farbe ergibt das vermutlich das, womit hier alles einmal bemalt war. Das weiß kein Mensch mehr: Man kann sich so billig Farbe herstellen“, lacht er.

Arnulf Dähne greift zum Malstock, um seine Hand ruhig zu halten. Quelle: Manuel Niemann

Farben müssen erst austrocknen

Damit man sein Werk mit dem Heißdampfer vielleicht noch einmal abnehmen kann, überlege er zudem, noch eine Zwischenschicht aufzutragen: „Weil das Wichtige ist ja das Original, nicht das, was ich darüber male.“ Meist müsse ohnehin noch einmal gepinselt und getüpfelt werden, denn nach dem Trocknen wirke manche Farbe wieder ganz anders.

„Das macht das Ganze immer etwas tückisch.“ Zwar habe er zum Simulieren einen Föhn dabei, aber der helfe nur bedingt: „Es braucht mitunter eine halbe Woche, bis die Farben ganz trocken sind. Du siehst erst vier, fünf Tage später, wie es eigentlich aussieht. Das ist zum Verrücktwerden.“

Dann seien auch noch Korrekturen und kosmetische Maßnahmen möglich, indem er noch einmal rübergehe oder mit Puder arbeite: „Es hat auch schon viel von Maskenbildnern“, sagt Dähne über sein Handwerk. Nur dass er statt Gesichtern Architektur vor sich habe.

Von Manuel Niemann