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Oschatz Todkranke Oschatzerin wird mit Wünschewagen an die Ostsee gefahren
Region Oschatz Todkranke Oschatzerin wird mit Wünschewagen an die Ostsee gefahren
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06:00 09.03.2019
Erna Boike mit Anja Pipale und Olaf Kopp im Wünschewagen Oschatz. Fred Künzel steuert den Rettungswagen (kl. Foto). Quelle: Fotos: Frank Hörügel
oschatz

Vor Erschöpfung fallen ihr immer wieder die Augen zu, dennoch lächelt die 87-Jährige glücklich: Die todkranke Krebspatientin Erna Boike ist am Donnerstagabend nach einem Zwei-Tages-Ausflug an die Ostsee wieder in Oschatz angekommen, wo sie seit fünf Jahren im Diakonie-Seniorenpflegeheim „Helene Schweitzer“ lebt. „Meine Mutter leidet an Knochen-Krebs im Endstadium. Sie wollte unbedingt noch einmal das Meer sehen“, sagt ihre Tochter Regina Regener (61).

Traum mit Wünschewagen erfüllt

Erfüllt wurde Erna Boike dieser Wunsch mit einem sogenannten Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) Leipzig. Dabei handelt es sich um einen ganz besonderen Transporter. Der komfortabel ausgestattete Rettungswagen hat Platz für mehrere Personen und ist seit Ende 2016 in Sachsen unterwegs. „Um Menschen in ihrer letzten Lebensphase einen Herzenswunsch zu erfüllen“, bringt es Thomas Höhne vom ASB-Regionalverband Leipzig auf den Punkt. Der Rettungswagen hat spezielle Stoßdämpfer, eine Musikanlage, einen LED-Sternenhimmel und eine verspiegelte Rundum-Verglasung für den Panorama-Blick. An Bord ist eine moderne notfallmedizinische Ausstattung, so dass im Notfall medizinische Hilfe geleistet werden kann. Mindestens ein Rettungssanitäter sitzt immer im Wagen. Das Projekt wird von Ehrenamtlichen durchgeführt und ausschließlich aus Spenden finanziert.

In Ostpreußen nahe der Ostsee geboren

Erna Boike wurde in der Gemeinde Taabern in Ostpreußen unweit der Ostsee geboren. Als 14-Jährige musste sie Anfang 1945 kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges ihre Heimat verlassen und landete auf der Flucht in Sachsen. Das Geräusch der Ostseewellen und den Geruch des Meeres hat sie ihr Leben lang nicht vergessen. Nach ihrer Flucht aus Ostpreußen war die Oschatzerin nur noch einmal an der Ostsee: zur Kur nach der Geburt ihres ersten Sohnes im Jahr 1955 im Seebad Heringsdorf auf Usedom.

Anja Pipale ist Alltagsbegleiterin und hat im Fernsehen von der Wünschewagen-Aktion erfahren. „In einem Gespräch vor etwa einem dreiviertel Jahr zeigte mir Erna Boike ein Foto von Heringsdorf und sagte, dass sie gern noch mal an die Ostsee möchte. Da habe ich mir gedacht: Wünsche sind zum Erfüllen da“, erzählt die 41-Jährige. Sie setzte sich mit dem ASB in Verbindung – und Erna Boike wurde für einen Ausflug mit dem Wünschewagen ausgewählt.

Im Rettungswagen nach Graal-Müritz

Am Mittwochvormittag steuerten die beiden ehrenamtlichen Mitarbeiter vom ASB LeipzigOlaf Kopp (41) und Fred Künzel (54) – mit dem umgebauten Rettungswagen das Oschatzer Pflegeheim an. Zusammen mit Alltagsbegleiterin Anja Pipale brachten sie Erna Boike in dem Fahrzeug so in Positur, dass sie einen guten Blick nach draußen hatte – und los ging’s. In Graal-Müritz konnten die Vier in einem ASB-Heim übernachten. „Wir haben Erna dann warm eingepackt und sie mit dem Rollstuhl auf die Seebrücke von Graal-Müritz geschoben“, sagt Anja Pipale. Der letzte Wunsch von Erna Boike war erfüllt. „Sie hat viel gelacht“, freut sich die 41-Jährige.

Ausflug nach Warnemünde

Für den Donnerstag hatte sich Erna Boike einen Ausflug ins knapp 200 Kilometer von Graal-Müritz entfernte Heringsdorf gewünscht, wo sie 1955 zur Kur war. Doch daraus wurde nichts. In der Nacht zum Donnerstag wurde die Krebspatientin so stark von Schmerzen geplagt, dass ihr Morphium gespritzt werden musste. Anja Pipale: „Bis nach Heringsdorf hätte sie es nicht geschafft.“ Als Alternative fuhr der Wünschewagen deshalb ins nahe Graal-Müritz gelegene Warnemünde, wo Erna Boike einen Blick auf den Hafen, den Leuchtturm und den Teepott werfen konnte.

Andrea Hönicke ist die Leiterin des Diakonie-Pflegeheimes in Oschatz (75 Bewohner). Die 44-Jährige war nach der Rückkehr am Donnerstagabend froh, dass der Ausflug mit dem Wünschewagen so gut geklappt hat und Erna Boike wieder wohlbehalten in Oschatz angekommen war. „Seit September ist die Krankheit bei ihr ganz schnell voran geschritten. Ich finde es toll, dass ihr letzter Wunsch erfüllt werden konnte und alle an einem Strang gezogen haben“, sagt sie.

Mit einem Lächeln belohnt

Die beiden ehrenamtlichen ASB-Mitglieder Olaf Kopp und Fred Künzel hatten für den Zweitagesausflug extra Urlaub genommen – und auch von ihren Arbeitgebern genehmigt bekommen. „Ich finde es toll, dass wir kurzfristig Urlaub machen konnten“, sagt Fred Künzel, der als Triebfahrzeugführer arbeitet. Warum opfert er für die ehrenamtlichen Touren mit dem Wünschebus seinen Urlaub? „Das Lächeln ist das Schönste, was es als Lohn gibt“, sagt Fred Künzel. Erna Boike hat ihm ihr Lächeln geschenkt.

Von frank hörügel

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