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Polizeiticker Minutenprotokoll: Der Fluchtversuch des Terrorverdächtigen in Halle
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Minutenprotokoll: Der Fluchtversuch des Terrorverdächtigen in Halle

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12:53 10.06.2020
Stephan B. ist über einen 3,40 Meter hohen Zaun geklettert. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/
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Magdeburg

Der Terrorverdächtige von Halle, Stephan B., konnte am 30. Mai aus einem eingezäunten Bereich der JVA Halle entwischen und sich fünf Minuten lang frei im Gefängnis bewegen. Der Gefangene rüttelte an Türen und einem Gullydeckel, konnte aber nicht fliehen und wurde schließlich auf dem Innenhof der JVA „Roter Ochse“ gefasst werden. Am Dienstag legte Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) einen ausführlichen Bericht zu dem Vorfall vor. Der Fluchtversuch im Minutenprotokoll

13.06 Uhr: Zwei Wächter holen B. aus seiner kameraüberwachten Zelle im Hafthaus 2, um ihn in den Innenhof zu bringen. In einem Bereich dort soll er seine sogenannte Freistunde, eine Stunde an der frischen Luft, verbringen. Nach Anweisung des Justizministeriums müssten ihn dabei eigentlich drei Wächter begleiten. Der rund 150 Quadratmeter große Hof ist komplett von einem 3,40 Meter hohen Zaun sowie einer Häuserwand und dem Giebel eines weiteren Hafthauses umschlossen.

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13.07-13.10 Uhr: B. wird im Freien jetzt nur noch von einem JVA-Bediensteten bewacht; statt wie vorgeschrieben von drei Bediensteten. Dabei verhält sich der Terrorverdächtige unauffällig.

13.10 Uhr: Der letzte bei B. verbliebene Wächter geht zu einer Gruppe Gefangener, die auf einem nahe gelegenen Hof gerade Freistunde hat. B. ist in seinem Freistundenhof jetzt allein.

13.18-13.44 Uhr: Eine Bedienstete der JVA schaut sporadisch nach dem Gefangenen. Im Hafthaus 2.0, unter anderem in einem Dienstzimmer, geht derweil eine Gruppe Gefangener Malerarbeiten nach und wird dabei von einer JVA-Bediensteten bewacht, die dadurch nicht für die Überwachung von B. zur Verfügung steht. Das Ministerium hatte eigentlich angeordnet, dass sich während der Freistunden von B. keine anderen Gefangenen im Erdgeschoss und im Untergeschoss von Hafthaus 2.0 bewegen.

13.40 Uhr: Die Bediensteten, die die Bilder der Sicherheitskameras der JVA überwachen, müssen sich um einen technischen Defekt in einem Kommunikationssystem im Hafthaus 2.0 kümmern. Laut Ministerium bekommen sie den Fluchtversuch von B. dadurch nicht mit.

13.48 Uhr: Der Gefangene schaut sich nach allen Seiten um und sieht, dass er nicht bewacht wird. Er zieht sich am Zaun hoch, stützt sich dabei gegen eine Wand und hat den 3,40 Meter hohen Zaun in weniger als einer halben Minute überwunden.

Der Terrorverdächtige läuft zunächst zu einem Gullydeckel und versucht vergeblich, ihn zu öffnen. Laut Ministerium verläuft darunter ohnehin ein nur etwa zehn Zentimeter großes Rohr. Danach läuft B. in ein Gebäude, in dem normalerweise Gefangenentransporte zusammengestellt werden. In dem zu dem Zeitpunkt leeren Gebäude läuft der Verdächtige durch mehrere Räume und sucht nach Fluchtmöglichkeiten. Die gibt es laut Ministerium jedoch nicht: Alle Fenster dort sind vergittert, die Türen nach außen geschlossen. Der Gefangene kehrt schließlich in den Innenhof zurück.

13.50 Uhr: Die Wächter, die die andere Gruppe im Hof bei deren Freistunde bewachen, bemerken, dass B. nicht mehr in seinem Freistundenhof ist.

13.53 Uhr: Nach etwa drei Minuten Suche fassen drei JVA-Angestellte den Gefangenen im Innenhof und nehmen ihn in Gewahrsam. Er leistet dabei keinen Widerstand.

13.55 Uhr: Eine Wächterin meldet den Vorfall ihren Vorgesetzten. Die Sicherheitsmaßnahmen gegen B. werden daraufhin verschäft. Als „sonstiges Ereignis von schwerwiegender Bedeutung, das geeignet ist, in der Öffentlichkeit Aufsehen zu erregen“ schätzen die Beteiligten den Vorfall jedoch nicht ein. Hätten sie das getan, hätten sie dem Ministerium bis zum Morgen des 31. Mais Bericht erstatten müssen.

2. Juni: Durch die Fehleinschätzung der Beteiligten erfährt zunächst nicht einmal die Gefängnisleitung von dem Vorfall. Erst bei Dienstbeginn am ersten Tag nach Pfingsten, dem 2. Juni, hört die Leitung von dem Fluchtversuch und informiert anschließend das Justizministerium.

3. Juni: Das Ministerium verlegt den Gefangenen in das Hochsicherheitsgefängnis in Burg bei Magdeburg und lässt das beteiligte Wachpersonal der JVA Halle in andere Bereiche des Gefängnisses verlegen. Am Nachmittag informiert es schließlich die Öffentlichkeit über den Fluchtversuch.

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Von LVZ