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Polizeiticker Nach Gewaltexzess: Staatsschutz ermittelt in Kühren
Region Polizeiticker Nach Gewaltexzess: Staatsschutz ermittelt in Kühren
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18:30 01.11.2018
Polizeieinsatz im Wurzener Ortsteil Kühren: In einem Hinterhaus wurde ein Mann zusammengeschlagen. Quelle: Frank Schmidt
Wurzen/Kühren

Eine junge Mutter konnte es auch zwei Tage nach dem Gewaltexzess noch nicht glauben: „Hier bei uns in Kühren?! Sonst passiert so was nur in der Großstadt!“ Sie mache sich große Sorgen, dass derlei Konflikte nun auf dem Dorf ausgetragen würden. Und das ausgerechnet zu Halloween, wo kleine Kinder von Haus zu Haus gehen und um Bonbons betteln. „Kein Wunder, dass diesmal kaum einer geklingelt hat ...“

Die Polizei sichert in einem Hinterhaus der Hauptstraße in Kühren bei Wurzen Spuren der Tat. Quelle: Frank Schmidt

Die Täter von Kühren sind flüchtig

Süßes oder Saures?! Daran dachte am Grusel-Dienstagabend niemand in Kühren. Wie berichtet, lauerten in der Hauptstraße mehrere Personen ihrem späteren Opfer auf, um es gegen 19 Uhr krankenhausreif zu schlagen. Die Polizei rückte an, sicherte Spuren und fahndet seitdem nach den Tätern. Augenzeugen wollten fünf bis acht Schläger gesehen haben, die offenbar fliehen konnten. Im Sozialen Netzwerk Facebook sind Fotos der schweren Verletzungen des Opfers aufgetaucht. Die vermummten Angreifer hätten den Mann mit Schlagstöcken derart zugerichtet, dass man von versuchtem Mord sprechen könne. Eine verbale Auseinandersetzung im Vorfeld habe es nicht gegeben, hieß es.

„Ich war zu einer Geburtstagsfeier, habe nichts mitbekommen“, sagt ein gelernter Schlosser. Nee, so was Brutales habe es in Kühren noch nie gegeben: „Als wir jung waren, zofften wir uns höchstens mal um Mädels. Da setzte es vielleicht mal eine dicke Lippe. Das war’s dann. Am Ende traf man sich an der Theke und alles war vergessen.“

Uwe Voigt von der Polizeidirektion Leipzig bestätigt: „Wir haben den Fall komplett an das Extremismus- und Terrorabwehrzentrum in Dresden gegeben.“ Gegenwärtig ermittele man in alle Richtungen, sagt Tom Bernhardt vom Landeskriminalamt. Ein politisch motivierter Hintergrund der Tat werde geprüft. Weder bestätigen noch dementieren wolle er Medienberichte, wonach das Opfer bei der Randale am 11. Januar 2016 im Leipziger Szeneviertel Connewitz dabei gewesen sei.

Verbindung zu Ausschreitungen in Leipzig-Connewitz stehen im Raum

Die an den Ausschreitungen von Connewitz mutmaßlich Beteiligten sind längst potenzielle Ziele für Vergeltungsaktionen. So hatten Unbekannte bereits im November 2016 die Wohnung eines angeblichen Täters in Großzschocher gestürmt und verwüstet. Dieser werde „nicht das letzte Nazischwein sein, das für faschistische Organisation und Angriffe wie den am 11.1. zur Rechenschaft gezogen wird“, hieß es danach in einem Bekennerschreiben auf dem linksextremen Portal Indymedia.

Wochen später ereignete sich damals der nächste Anschlag: In Neukieritzsch fackelten Unbekannte das Auto eines Mannes ab. Auch da folgte ein Bekenntnis zur Selbstjustiz: Staatliche Institutionen hätten „scheinbar wenig Interesse an einer Anklage der Täter vom Überfall auf Connewitz“, so die anonymen Verfasser. Auch die Veranstalter der Wurzener Antifa-Demo Mitte 2017 bezogen sich in Aufrufen immer wieder auf die Ereignisse des 11. Januar 2016. Es hieß, mehrere Tatbeteiligte kämen aus dem Muldental.

Staatsschutz sucht Zeugen zu Vorfall in Kühren

Nun also die gefährliche Körperverletzung in Kühren. Derzeit gebe es noch keine konkreten Hinweise auf den oder die Täter, sagt Tom Bernhardt vom Landeskriminalamt. Um Mithilfe bittet der Staatsschutz jetzt Zeugen, die zur Tatzeit im Bereich der Hauptstraße verdächtige Personen und Fahrzeuge gesehen oder Sonstiges beobachtet hätten: „Hinweisgeber werden gebeten, sich bei der Kriminalpolizei in Leipzig unter der Telefonnummer 0341/ 96646666 oder jeder anderen Polizeidienststelle zu melden.“

Bewohner im Wurzener Ortsteil sind eingeschüchtert

Unterdessen geht die Angst um in Kühren. Bewohner sind eingeschüchtert, wollen lieber nichts sagen: „Ich halte mich da raus.“ Oder: „Meinen Namen will ich in der Zeitung nicht lesen.“ Andere wollen weder etwas gehört noch gesehen haben: „Ich hatte mein Hörgerät nicht drin. Außerdem haben wir Schallschutzfenster wegen der B 6.“ Wiederum andere schenkten dem über Kühren kreisenden Hubschrauber keine Bedeutung, weil sie glaubten, im nahe gelegenen Altersheim sei mal wieder ein Bewohner abgängig.

„Wo leben wir eigentlich?“, platzt es aus einem Kührener heraus. Ihn erinnere die Logik von Aktion und Reaktion an die 30er-Jahre, als sich Rechte und Linke offene Straßenkämpfe lieferten. Es sei einzig Sache von Polizei und Justiz, Dinge aufzuklären und gegebenenfalls zu sanktionieren. „Gewalt, von wem und gegen wen auch immer, hat hier keinen Platz!“

Von Haig Latchinian

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