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Polizeiticker Plädoyers im Mordfall Sophia: Angehörige vermissen „Licht in schrecklicher Finsternis“
Region Polizeiticker Plädoyers im Mordfall Sophia: Angehörige vermissen „Licht in schrecklicher Finsternis“
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16:42 10.09.2019
Blick in den Gerichtssaal am Bayreuther Landgericht. Im Vordergrund rechts: Verteidiger Karsten Schieseck, der Angeklagte Boujemaa L. und sein Dolmetscher. (Archivfoto) Quelle: Daniel Karmann/dpa
Bayreuth

Kurz vor Urteilsverkündung im Prozess um die getötete Leipziger Studentin Sophiahat sich die Familie des Opfers im Gerichtssaal noch einmal direkt an den Angeklagten gewandt. „Ist Licht in die schreckliche Finsternis gekommen?“, fragte Sophias Vater am Dienstag in Bayreuth erst in die Runde, ehe er dem wenige Meter entfernt sitzenden Boujemaa L. mit gefasster Stimme zurief: „Warum verschweigen sie uns die Wahrheit? In ihren Antworten ist keine Spur der Wahrheit.“ Der Angesprochene senkte den Kopf und begann wieder einmal zu schluchzen. So still war es selten im voll besetzen Auditorium.

Die Wahrheit, die Sophias Vater so vehement einforderte, war am Dienstag eine von drei Versionen der grausamen Tat. Es ist der Tag der Plädoyers von Anklage und Verteidigung, dem Ringen um die Deutungshoheit über Fakten und Beweise. Unstrittig ist in allen Sichtweisen die Schuld des Lastwagenfahrers, der Sophias Tötung zum Prozessauftakt bereits eingeräumt hatte.

Inzwischen geht es vielmehr noch um die Frage nach dem Warum und dem Wie – und um ein angemessenes Strafmaß. Boujemaa L. bestreitet vehement, sich auch an der 28-Jährigen vergangen zu haben.

Bruder zeigt Angeklagtem Foto des Opfers

Die als Nebenkläger auftretende Familie sieht das anders, geht davon aus, dass der Lkw-Fahrer Sophia im Sommer 2018mindestens sexuell bedrängt, nach Zurückweisung mit einem Laptop bewusstlos geschlagen und gefesselt habe, mit ihr im Fond des Lkws tagelang umher fuhr, ehe er ihr in Frankreich mit einer Eisenstange den Schädel zertrümmerte und ihren Leichnam am Straßenrand in Spanien entsorgte.

Wegen des Mordes an Sophia Lösche aus Leipzig steht ein Lkw-Fahrer aus Marokko vor dem Landgericht in Bayreuth. Ein Rückblick auf den Fall.

Sophias Bruder Andreas zeigte am Dienstag demonstrativ ein Foto von seiner Schwester – wohl in der Hoffnung auf eine Reaktion bei Boujemaa L. „Schauen sie es sich an. Das ist keines der Fotos, die sie wieder von ihrem Handy gelöscht haben.“ Wieder Schluchzen auf der Anklagebank. Für Sophias Familie gehört zur Wahrheit: Es war ein heimtückischer Mord, um die Konsequenzen eines sexuellen Übergriffs zu verschleiern.

Staatsanwältin fordert lebenslange Haftstrafe

Um gelöschte Fotos und Videos ging es anfangs auch im Plädoyer der Oberstaatsanwältin, der zweiten Tatversion. Sandra Staade rekonstruierte minutengenau, wie der Angeklagte heimlich Frauen fotografierte, wie er noch kurz vor dem Treffen seinen Penis filmte, wie er dann Sophia auf dem Rastplatz Schkeuditz sah, wie er wieder Fotos machte – die später gelöscht wurden. Und wie der Angeklagte die Studentin letztlich ansprach und sie in seinem Lkw mitnahm.

Es sind alles Indizien für einen sexuellen Hintergrund, der sich aber nicht beweisen lässt. Denn bei keiner der Obduktionen konnten Spermaspuren am gereinigten und teilweise verbrannten Leichnam festgestellt werden.

Tat in zwei Phasen abgelaufen

Im geforderten Urteil der Staatsanwältin spielt der vollzogene sexuelle Übergriff deshalb keine Rolle mehr. Stattdessen spricht Staade nun von einem Streit, der eskalierte – wahrscheinlich aufgrund der Zurückweisung des übergriffigen Lkw-Fahrers. Es sei erwiesen, sagt die Anklägerin, dass Boujemaa L. die junge Frau auf dem Rastplatz Sperbes (Franken), wenige Kilometer vor ihrem Mitfahrziel, erst schwer verletzt und dann getötet habe.

Die Tat sei in zwei Phasen abgelaufen, mit einer etwa zehn minütigen Pause zwischendrin. Der Mord im zweiten Teil sei als Verdeckung der gefährlichen Körperverletzung im ersten geplant gewesen, glaubt Staade. „Wer eine Eisenstange mit solcher Wucht gegen den Kopf führt, der weiß nicht nur, dass er töten kann. Er will es auch“, so die Staatsanwältin. Sie fordert eine lebenslange Freiheitsstrafe für Boujemaa L.

Verteidiger: Männer verhalten sich häufig sexistisch

Karsten Schieseck, der Rechtsbeistand des Angeklagten, glaubt derweil nicht an einen Mord. Schon die Anklageschrift sei voll mit „nicht objektiven Mutmaßungen“, sagt er mit Blick auf die Vorwürfe eines sexuellen Übergriffs. „Keine Frage, dass wir Männer uns häufig merkwürdig, ja auch sehr sexistisch verhalten“, so der Verteidiger. Auch das Verschicken von Penisbildern übers Internet, von so genannten „Dick Pics“, sei inzwischen ein häufiges Phänomen. Letztlich sei für diesen Fall aber entscheidend: Boujemaa L. konnte kein solcher Übergriff nachgewiesen werden.

Selbiges gelte auch für die Annahme, der Angriff erfolgte in zwei Phasen, mit einem Tötungsvorsatz im zweiten Teil. Entsprechendes hatte der Angeklagte zwar in seinem Geständnis selbst erklärt. Allerdings sei ihm die Tragweite dieser Aussage damals nicht bewusst gewesen, so Schieseck. In Wahrheit wollte sein Mandant damit angeblich nur die Scham, ob eines tödlichen Wutausbruchs, überspielen. Ohne Plan, ohne Vorsatz kommt deshalb nur eine Verurteilung wegen Totschlags in Frage, sagte der Verteidiger. Aufgrund der Brutalität des Angriffs wäre ein Strafmaß in „zweistelliger Höhe“ allerdings denkbar.

Richter Bernhard Heim lauschte allen drei Versionen am Dienstag ohne erkennbare Regung. Mit seinem Urteil wird am kommenden Mittwoch gerechnet.

Von Matthias Puppe

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