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Wurzen Friedensgebet in Wurzen: "Nicht das braune Herz des Muldentals"
Region Wurzen Friedensgebet in Wurzen: "Nicht das braune Herz des Muldentals"
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08:24 06.02.2018
Die Wenceslaikirche in Wurzen war restlos gefüllt beim gestrigen Friedensgebet in den frühen Abendstunden. Quelle: Foto: Thomas Kube
Wurzen

Er sei nervös gewesen, habe nicht gewusst, wie viele Menschen kämen, holte Wurzens Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD) aus: „Umso mehr danke ich ihnen, dass sie alle da sind und Gesicht gegen Gewalt zeigen.“ Die Wenceslaikirche war Montagabend gut gefüllt. Etwa 200 Menschen folgten dem Aufruf der Wurzener Kirchgemeinden und der Stadtverwaltung zum Friedensgebet. Die Polizei sicherte die Veranstaltung, zu Zwischenfällen kam es nicht.

„Herr Röglin, sie sagen, dass viele Menschen da sind – ich finde, es sind immer noch zu wenige“, widersprach eine Frau. Unternehmer Gottfried Röthig zeigte sich betroffen von der Eskalation der Gewalt: „Woher nur kommt dieser Hass vor allem Fremden? Haben wir nicht gelernt, wozu der führt?“ Vor gut drei Wochen kam es in Wurzen zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen einheimischen und ausländischen Jugendlichen. Fünf Menschen wurden verletzt. Wie Polizeisprecher Uwe Voigt Montagabend sagte, sind die näheren Umstände noch immer nicht geklärt. „Es gibt Widersprüche zum Tathergang. Weitere Zeugen müssen gehört werden.“

Bürger betroffen von Eskalation der Gewalt

Der evangelische Pfarrer Alexander Wieckowski erinnerte daran, dass die Berliner Mauer in diesem Jahr genauso lange weg ist, wie sie gestanden hatte: „Lasst uns überlegen, welche Mauern inzwischen wieder hochgezogen wurden und niedergerissen werden müssen – in der Stadt, den Köpfen, unseren Herzen.“ Ruben Winkelmann, Jonas Luge, Mechthild Schwarze und Franz Schikowski von der Jungen Gemeinde sangen das Lied von Guns ’n’ Roses: „I don’t need civil war – ich will keinen Bürgerkrieg!“ Sie selbst hätten erlebt, wie ihr Volleyballturnier gestört und manch einer von ihnen als Chemie-Jude beschimpft wurde. Ein Gast aus Taucha sei extra angereist, um den Wurzenern die Daumen zu drücken: „Ich wünsche euch, dass ihr in Frieden leben könnt, Aggressivität ist für mich gleich Dummheit.“ Dietmar Allig, Wurzener aus Unterfranken, regte neue Werte, ein neues Gottes- und Menschenbild an: „Wir brauchen eine neue Reformation!“

Zahlreiche Medienvertreter verfolgten das gut einstündige Gebet. Der MDR-Sachsenspiegel machte mit Wurzen auf, Redakteur Holger Lühmann wurde vor der Kirche live zugeschaltet. Iraner Reza Ghasemi äußerte sich sichtlich bewegt: „Es heißt, die Deutschen seien kalt und hätten kein Herz. Das ist nicht so. Es war eine deutsche Familie, die mich vor Jahren aufgenommen hatte. Sie erfüllte das Bibelwort mit Leben: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Inzwischen sei er es, der Flüchtlingen helfe.

"Arsch hoch, Wurzener!"

Eine Frau wehrte sich vehement gegen den Vorwurf, Wurzen sei das braune Herz des Muldentals. Regeln müssten für alle gelten, mahnte OB Röglin an, für Deutsche und Nicht-Deutsche. Er warnte vor einseitigen Pauschalurteilen: „Lasst uns mit zwei wachen Augen durchs Leben gehen.“ Der katholische Pfarrer Uwe Peukert nahm die Frage auf: Weshalb macht uns Fremdes solche Ängste? „Weil wir uns selbst fremd geworden sind. Haben wir Mut, erzählen wir uns gegenseitig unsere Lebensgeschichte.“ Wulf Skaun, langjähriger Redakteur in Wurzen: „Früher hatten wir ein Friedensgebet gegen den Krieg im Irak gemacht, heute beten wir für Frieden in Wurzen. Damals war alles weit weg, heute haben wir es selbst in der Hand. Also Wurzener, Arsch hoch!“

Von Haig Latchinian

Rundgang vor dem Friedensgebet

Christoph Mike Dietel hatte in Wurzen zu einem Stadtrundgang eingeladen, hier am Ringelnatzbrunnen. Quelle: Thomas Kube
Eigentlich wollte der Wurzener Christoph Mike Dietel eine Stunde vor dem Friedensgebet am Montagbend in Wurzen in der Stadtkirche St. Wenceslai einen Protestzug mit Thesenanschlag organisieren und die Thesen am Stadthaus anbringen. Doch um die Veranstaltung nicht als Demonstration zu deklarieren, lud er wenig später in sozialen Netzwerken zum Stadtrundgang ein.

Circa 50 Leute beteiligten sich unter Begleitung von Polizei daran. Gleich zu Beginn am Lutherbrunnen vor dem Dom riet Dietel den Beteiligten, im Anschluss nicht zum Friedensgebet zu gehen, solange der MDR – Original-Ton: „das Staatsfernsehen“ – vor Ort sei. „Ich bin der Überzeugung, dass es kein offenes Gespräch über die Situation in Wurzen gibt, wenn den Leuten die Kamera ins Gesicht gehalten wird. Dann müssen wir tagelang damit zubringen, zu erklären, wie wir was gemeint haben.“

Zum Hintergrund seiner Aktion sagte Dietel: „Mir und vielen anderen geht es letztlich darum, dass die Regierung endlich ihre Pflicht tut und ausschließlich nach Recht und Gesetz handelt. Sie sollte zum Beispiel die Grenzen schließen und die Einwanderung kontrollieren.“ Darüber hinaus fordert er von Wurzens Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD) den Rücktritt und zwar „aus der politisch gebotenen Konsequenz nach seinem Eintritt in die SPD“. Zu seiner Wiederwahl war Röglin als parteiloser Kandidat angetreten.

Der Stadtrundgang endete nach einer Stunde und blieb friedlich.

kub

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