Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Wurzen Borsdorfer Kleingärtner feiern 100. Geburtstag
Region Wurzen Borsdorfer Kleingärtner feiern 100. Geburtstag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 19.06.2018
Christa Hein (83) hat ihren Garten seit etwa 30 Jahren und kann sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen.
Christa Hein (83) hat ihren Garten seit etwa 30 Jahren und kann sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Quelle: Ines Alekowa
Anzeige
Borsdorf

Die Kleingärten im Borsdorfer Verein „Hans Otto“ haben sich, so scheint es, mit besonders vielen Blumen geschmückt. Das hat seinen Grund. Der Kleingartenverein (KGV) besteht seit runden 100 Jahren, das Jubiläum wird am 23. Juni groß gefeiert. Die Laubenpieper freuen sich dazu auf viele Gäste, auch ehemalige Mitglieder sind willkommen, in Erinnerungen zu kramen.

In der Borsdorfer Kleingartensparte „Hans Otto“ wird am Wochenende gefeiert. Der Verein blickt auf sein 100-jähriges Bestehen zurück. Ein Bauer hatte der Gemeinde einst das Land für gemeinnützige Zwecke gestiftet.

Borsdorfer Bauer stiftet Land im Ersten Weltkrieg

„Wir haben auch Ottos Enkel eingeladen“, sagt Dieter Stein (75). Der Ehrenvorsitzende hatte erst im April, nach 15 Jahren, den Staffelstab an Wolfgang Garrandt (64) weitergereicht. Hans Otto hieß der Borsdorfer Bauer, auf dessen Land sich der KGV befindet. Als er in den Ersten Weltkrieg ziehen musste, hatte er es der Gemeinde mit der Auflage gestiftet, es gemeinnützig zu nutzen. Es entstanden Gärten. Zwischen Bahngleis, Bildungszentrum sowie der alten Kunstlederfabrik reihen sich 93 etwa 330 Quadratmeter große Parzellen aneinander. Von den acht KGV in Borsdorf ist „Hans Otto“ damit der zweitgrößte.

Eigenversorgung im Kohlrübenwinter 1918

„Im Kohlrübenwinter 1918 war ein Garten ein Segen, die Leute konnten sich was anbauen“, sagt Stein. Auch noch zur DDR-Zeit spielten Gartensparten eine wichtige Rolle bei der Bevölkerungsversorgung. „Für Obst und Gemüse gab es Aufkaufprämien, die über dem Einzelhandelspreis im Laden lagen.“ Natürlich war das kleine Fleckchen Pachtland auch zur Eigenversorgung begehrt.

Heute stehen Parzellen teilweise leer

Heute sind die Wartelisten Vergangenheit, sieben Gärten stehen leer. „Wir merken, dass es seit über 20 Jahren keinen Wohnungsbau mehr in Borsdorf gegeben hat“, sagt Garrandt. „Wer ein Einfamilienhaus baut, braucht keinen Garten.“ Im Vorstand hofft man auf junge Leute, verweist auf die Kinderfreundlichkeit des Vereins, den Spielplatz. Bevor ein Garten angeboten wird, hübschen ihn die Vereinsmitglieder sogar auf. So wie den mit der Originallaube aus den Gründerjahren, in dem zum 90. Vereinsgeburtstag zwei Edelborsdorfer – „das war der erste kultivierte Apfel in Europa“, wie Stein erklärt – gepflanzt wurden.

Rote Laura oder Adretta – die Liebe zur Kartoffel

Vor allem aber scheinen die Kleingärtner ihre Liebe zur Kartoffel entdeckt zu haben. Rote Laura oder Adretta sprießen in sauber angehäufelten Reihen. Auch in Steins Garten. „Zum Erhalt der Gemeinnützigkeit müssen auf einem Drittel der Fläche Nutzpflanzen angebaut werden“, erklärt er. Nicht jeder schafft das noch aus eigener Kraft. „Viele Mitglieder sind über 70 Jahre, sieben schon über 80, Edith Richter ist mit 86 die älteste“, weiß Garrandt. „Wir sagen zu ihnen, sei froh, dass du deinen Garten noch hast, die Alternative ist der Rollator. Wir helfen dir.“ Auch Christa Hein (83) bedeutet ihr Garten alles. „Der hält mich fit“, sagt die gelernte Floristin, die lange Jahre im erweiterten Vereinsvorstand mitwirkte. „Und wenn ich mal nicht kann, helfen mir meine Kinder“, zeigt sie auf das vom Sturm zerstörte und wieder aufgebaute Gewächshaus.

Große Jubiläumsfeier am Samstag

Am Samstag werden sie alle gemeinsam feiern. Ganztägig ist Unterhaltung, Spiel und Spaß garantiert. Auf dem Programm stehen Glücksrad, Kinderbasteln (15-16 Uhr), Ponyreiten (16-18 Uhr) sowie Tanz. Für das leibliche Wohl sorgen Kuchenbasar (15-16 Uhr), Eistaxi und Catering. Gegen 16 Uhr werden zudem verdienstvolle Vereinsmitglieder geehrt.

Vorstand achtet auf Rahmenbedingungen

Das Vereinsheim bietet dafür den passenden Ort. 2002 bis 2008 hatten die Vereinsmitglieder den baufälligen Bungalow entkernt, schmuck getäfelt, einheitlich bestuhlt. Mit einer kleinen Küche versehen, steht es für Versammlungen und Familienfeiern zur Verfügung. Der überdachte Freisitz daneben wurde für die Feier extra frisch gestrichen. Überhaupt achtet der Vorstand darauf, dass die Rahmenbedingungen für die Mitglieder stimmen. So wurden zwei leere Gärten in vorläufige Parkflächen umgewandelt. „Denn wir haben auch Mitglieder zum Beispiel aus Leipzig und Machern, die mit dem Auto kommen“, sagt Garrandt. Er selbst ist Schönefelder und lernte die Sparte über seinen Schwager kennen und lieben. Was ihm hier besonders gut gefällt? „Der Zusammenhalt.“

Von Ines Alekowa