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Wurzen Brandis: Spielen hält graue Zellen fit
Region Wurzen Brandis: Spielen hält graue Zellen fit
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18:18 22.07.2019
In geselliger Runde: Christine Altner (stehend) betreut die Brandiser Senioren seit über zehn Jahren im Spiele-Café des Altenpflegeheimes.
In geselliger Runde: Christine Altner (stehend) betreut die Brandiser Senioren seit über zehn Jahren im Spiele-Café des Altenpflegeheimes. Quelle: Roger Dietze
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Brandis/Polenz

Manchmal sind auch Christine Altners Qualitäten als Streitschlichterin gefordert. Dann nämlich, wenn die Wogen beim Rommé- und „Mensch ärgere dich nicht“-Spiel wieder einmal besonders hoch schlagen. Und das ist so selten nicht der Fall, wenn die Bewohner des Brandiser Altenpflegeheims allwöchentlich dienstags im Speiseraum der Einrichtung in der Bergstraße zum „Spiele-Café“ unter Altners Leitung zusammenkommen. „Die Charaktere sind halt ganz unterschiedlich und dementsprechend auch die Reaktionen auf einen unerwünschten Verlauf eines Spieles, aber mit den Jahren kennt man seine Pappenheimer“, erzählt die 71-jährige Polenzerin.

Spielen ist mehr als Geselligkeit

Kommentar von Ines Alekowa

„Menschen hören nicht auf zu spielen, weil sie alt werden – sie werden alt, weil sie aufhören zu spielen!“, sagte einst der amerikanische Arzt und Essayist Oliver Wendell Holmes (1809-1894). Das Spiele-Café im Brandiser Altenpflegeheim „Bergstraße“ ist deshalb ein gutes Mittel, spielend jung zu bleiben. Doch nicht nur hier haben interessierte Heimbewohnerinnen und -bewohner Gelegenheit, ihre grauen Zellen zu bewegen, sondern ebenso im Internet-Café für Senioren. Dass solche Angebote regelmäßig auf dem Veranstaltungsplan in der Bergstraße stehen, ist Menschen wie Christine Altner zu danken – ehrenamtlich engagierten Bürgern.

Dass solcher Einsatz zunehmend gefragt ist, zeigt ein Blick auf die demografische Entwicklung. Im Jahr 2020 werden knapp 30 Prozent der Bevölkerung in Sachsen über 65 Jahre alt sein. Damit wächst auch die Zahl der Pflegebedürftigen und derjenigen, die persönliche Zuwendung brauchen. Es liegt auf der Hand, dass der Spielball hier nicht allein bei den professionellen Pflegekräften liegen kann. Das Brandiser Heim wirbt auf seiner Internetseite deshalb für den ehrenamtlichen Dienst.

Christine Altner indes musste gar nicht erst umworben werden. Sie brachte sich selbst ins Spiel. Und ihr Engagement ist umso höher zu bewerten, als sie mit Übernahme der Regie im Spiele-Café selbst schon auf die 60 zuging. Jetzt, viele gesellige Stunden später, die auch sie jung gehalten haben, stellt Christine Altner nun ihren Spielstein ins Haus – wo er hoffentlich nicht lange unbewegt bleibt. Denn es steht viel auf dem Spiel.i.alekowa@lvz.de

Aktion 55 öffnete für Polenzerin die Tür

Wobei „mit den Jahren“ weit über ein Jahrzehnt meint, in dem Altner den Kopf der reichlich 20 Frauen und aktuell einen Mann zählenden Spiele-Runde bildet. 2003 machte sie erstmals Bekanntschaft mit dem Brandiser Altenpflegeheim. „Nach 15 Jahren in der Postzustellung habe ich mich im Rahmen der 'Aktion 55' in der Einrichtung beworben und hatte Glück mit meiner Bewerbung.“ Zwei Jahre kümmerte sich die gebürtige Zeititzerin an zwei Tagen in der Woche um die Bewohner des Pflegeheims in der Bergstraße, unternahm Spaziergänge mit ihnen, kümmerte sich um ihre Essenversorgung und betreute sie an den Nachmittagen.

Älteste Mitspielerin in der Brandiser Runde ist 95

Insofern war Altner bestens gerüstet, als ihr nach Auslaufen der Aktion 55 die Weiterführung des Spiele-Cafés angetragen wurde. „Die zahlenmäßige Beteiligung an diesem ist über all die Jahre hinweg auf dem gleichen Niveau geblieben, wobei mich insbesondere freut, dass mir einige Bewohner aus dem Wohnbereich von Anbeginn die Treue gehalten haben“, berichtet Christine Altner. Wie etwa Christa Lußky, der laut der Spiele-Café-Leiterin beim Rommé nur wenige das Wasser reichen könnten. „Das wöchentliche Spielen hält die grauen Zellen in Bewegung“, so die End-Siebzigerin, die sich mit ihrem Alter im Mittelfeld der Besucher des Spiele-Cafés bewegt. „Unsere älteste Mitspielerin ist 95 Jahre alt“, berichtet Altner, die die allwöchentliche Zusammenkunft nicht nur moderierend begleitet, sondern die vielmehr selbst regelmäßig aktiv ins Spielgeschehen eingreift. „Ich freue mich ebenfalls, wenn ich gewinne“, gesteht die gelernte Rinderfacharbeiterin, die vor ihrem Wechsel zur Deutschen Post in ihrem Wahlheimatort in der Landwirtschaft tätig war.

Ära für Altner in Brandis endet im August

Im Spiele-Café sorgt Altner auch für die Geselligkeit in Form von Kaffee und Kuchen, die vor dem Beginn der eigentlichen Spielrunde gereicht werden. „Die Stunde soll auch zum Plaudern und geselligen Beisammensein genutzt werden“. Altner hat diese ehrenamtliche Tätigkeit in den vergangenen Jahren trotz der Betreuung ihres pflegebedürftigen Mannes in den eigenen vier Wänden aufrecht erhalten. Jetzt allerdings ist das Ende ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im Brandiser Altenpflegeheim absehbar: Am 27. August wird sie das Spiele-Café zum letzten Mal leiten – und womöglich auch den letzten Streit zu schlichten haben.

Von Roger Dietze