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Wurzen Das wünschen sich Ehrenamtler im Landkreis Leipzig
Region Wurzen Das wünschen sich Ehrenamtler im Landkreis Leipzig
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19:40 10.01.2020
Ein Herz für Tiere hat Elvira Henkel – das Ehrenamt im Tierheim Oelzschau füllt sie aus. Hier ist sie in einem der Katzenzimmer. Quelle: LVZ-Archiv
Landkreis Leipzig

Elvira Henkel lebt für Tiere. Schon als kleines Mädchen nervte sie ihre Eltern so lange, bis sie wenigstens Hamster, Mäuse und Meerschweinchen halten durfte. Ihren Traumberuf Tierärztin ergriff sie nicht, weil sie zu DDR-Zeiten wahrscheinlich in einem großen Stall gearbeitet hätte – und dafür zu tierlieb war, erzählt sie.

So studierte sie Wirtschaft, hatte jedoch immer Tiere zu Hause. Ins Tierheim Oelzschau bei Espenhain kam sie 2001, als ihre beiden Töchter dort Hunde betreuten. Sie blieb „kleben“, wie sie sagt. Gemeinsam mit ihrem Team baute sie in 18 Jahren das Haus zu einer modernen Heimstätte für Vierbeiner um. Bis vor kurzem arbeitete die 67-Jährige im Vorstand, übergab das Ruder nun der jüngeren Generation. Nach wie vor ist sie ’zig Stunden fürs Tierheim auf Achse.

Drei Wünsche fürs Ehrenamt

„Ich habe drei Wünsche für uns Ehrenamtler“, zählt sie auf. „Es wäre wichtig, dass wir unseren Vertragspartnern mehr auf Augenhöhe begegnen können.“ Man käme sich zu oft wie ein Bittsteller vor und das sei ärgerlich. Schließlich gehe es meist um Probleme, die im Sinne der Allgemeinheit geklärt werden müssen.

Ihr zweiter Wunsch betrifft den Tierschutz konkret: „Wir wünschen uns endlich eine Gesetzgebung zur Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Katzen.“ Die Tierschützer haben deutschlandweit das Thema seit Jahren auf der Agenda. Alle aktiven Vereine, Verbände und Gruppen würden massenhaft Katzen kastrieren lassen, um dem Problem zu begegnen, „und trotzdem gibt es immer mehr Katzenbabys“. Dieses Jahr sei es extrem gewesen. Im September musste das Oelzschauer Heim erstmals einen Aufnahmestopp verhängen. Platz ist dort eigentlich für 45 Katzen. Doch 65 waren da, „wir hatten kein Mauseloch mehr frei“.

Ehrung in Dresden

Der 5. Dezember ist der Internationale Tag des Ehrenamtes. Das Ziel des Gedenk- und Aktionstages ist die Anerkennung und Förderung ehrenamtlichen Engagements. Der Tag wurde 1985 von den Vereinten Nationen (UN) beschlossen und fand 1986 erstmals international statt. Er ersetzte damit den zuvor in Deutschland am 2. Dezember begangenen Tag des Ehrenamts.

Alljährlich werden in Sachsen Anfang Dezember engagierte Ehrenamtliche geehrt, die vorab von den einzelnen Kommunen vorgeschlagen werden. Landtagspräsident Matthias Rößler und Sozialministerin Barbara Klepsch laden am Sonnabend 50 Bürgerinnen und Bürger aus ganz Sachsen zu einer Feierstunde und einem Empfang in den Sächsischen Landtag ein.

Wie das Dresdner Ministerium mitteilt, werden dabei Menschen ausgezeichnet, die sich in hervorzuhebender Weise im sozialen und karitativen Bereich verdient gemacht haben. Sie kümmern sich zum Beispiel um Senioren, engagieren sich in Sportvereinen, für den Tierschutz oder im Kulturbereich, sind aktiv in der Flüchtlingshilfe sowie in der Kinder- und Jugendarbeit, heißt es weiter.

Der dritte Wunsch betrifft das Ehrenamt allgemein. Immer wieder begegnen ihr Menschen, die sich gern engagieren würden, „aber sie haben neben dem Beruf einfach keine Zeit, das ist ein riesengroßes Problem“.

Ideal wäre eine Regelung, „bei der stark engagierte Ehrenamtler von ihrer Firma freigestellt werden könnten, zum Beispiel zwei Stunden in der Woche“, schlägt Elvira Henkel vor. Für das Entgegenkommen sollte der Betrieb eine Vergünstigung oder Förderung bekommen. „Ich bin keine Politikerin, aber Ehrenamt deckt so viele wichtige Bereiche der Gesellschaft ab. Das müsste im Sinne aller sein.“

Jede freie Woche als Jugendleiterin unterwegs

Das sieht auch Virginia Biedermann so. „Es ist oft schwierig, das Ehrenamt mit dem Beruf unter einen Hut zu bringen“, sagt die 36-Jährige, die sich in der Kinder- und Jugendarbeit beim DRK engagiert. Wenn Arbeitgeber dies unterstützen und zum Beispiel ein Diensttausch unkompliziert möglich ist, würde dies schon helfen. Freistellungen wären ideal. Für Kinder- und Jugendarbeit gebe es sogar schon gesetzliche Regelungen, „aber es ist eine Kann-Bestimmung, es liegt immer am Arbeitgeber“. Häufig würden Ehrenamtler ihren Urlaub opfern.

Virginia Biedermann engagiert sich seit Jahren für die Kinder- und Jugendarbeit beim Deutschen Roten Kreuz. Quelle: LVZ-Archiv

Bei ihr war das in all den Jahren häufig so. Als 17-Jährige nahm sie an einer Ferienfahrt der Kindervereinigung Leipzig teil. Das gefiel ihr so gut, dass sie sich zur Gruppenleiterin ausbilden ließ und selbst solche Fahrten mit jungen Leuten organisierte. Während ihres Studiums der Sozialpädagogik nutzte sie jede frei Woche dafür, bildet bis heute auch junge Leute im Rahmen der Jugendleitercard „Juleica“ aus. Parallel dazu wurde sie Rettungsschwimmerin beim Deutschen Roten Kreuz in Borna – und blieb beim DRK. Heute ist die junge Frau Kreisleiterin und stellvertretende Landesleiterin beim Jugendrotkreuz.

Jugendliche sollen eigene Meinung vertreten

Wichtig sind ihr Mitsprachemöglichkeiten und Beteiligungsrechte von Kindern und Jugendlichen. „Wir als Erwachsene denken immer, dass wir wissen, was die Kinder brauchen, aber es geht um deren individuelle Meinung“, sagt Virginia Biedermann. Heute würden zu viele im Gruppenzwang mitschwimmen und sich zu wenig trauen, ihre eigene Meinung zu sagen und zu vertreten.

Bei den zahlreichen Veranstaltungen, die sie für Sechs- bis 27-Jährige organisiert, geht es ihr genau darum. Ihre Motivation erhält sie aus der Rückmeldung der jungen Teilnehmer, „wenn sie sagen, das war toll, das hat mir richtig was gebracht, das nehme ich mit“. Egal in welchem Ehrenamt man sich engagiert, „wir wollen was bewegen“.

Ehrenamt manchmal „ziemlich schwammig“

Es stört sie, dass dieses Amt manchmal „ziemlich schwammig“ wird. Da kommen zum Beispiel Leute zu ihr und sagen, sie würden gern mithelfen und im gleichen Atemzug fragen sie, was sie dafür kriegen. „Das Verständnis fürs Ehrenamt hat sich bei einigen geändert, das finde ich schade, denn so ist es nicht gedacht“, sagt die DRK-Jugendleiterin.

Seit 23 Jahren leitet Christa Schellig die Bornaer Arbeitsgemeinschaft der Rheuma-Liga. Quelle: LVZ-Archiv

Für Christa Schellig ist es seit 23 Jahren ein reines und umfangreiches Ehrenamt. Als junge Frau, mit 36, erhielt sie die Diagnose: Rheuma – eine Krankheit mit vielen Gesichtern, die nicht nur Ältere treffen kann. Jahre später, 1996, gründete sie mit elf Akteuren die Arbeitsgemeinschaft Borna der Rheuma-Liga. Heute gehören 121 Betroffene dazu. Sie kommen aus einem Umkreis von mehr als 30 Kilometern regelmäßig zusammen, um Vorträge von Ärzten, Therapeuten und Apothekern zu hören.

Die Arbeitsgemeinschaft organisiert zudem ärztlich verordnetes Funktionstraining: Wassergymnastik in der Sachsenklinik Bad Lausick und Trockengymnastik in der Sana-Klinik Borna. Es wird aber auch gemeinsam gefeiert und gelacht, man hilft sich gegenseitig. „Wir müssen alle mit der Krankheit leben und aus jedem Tag das Beste machen“, sagt die 67-Jährige. Für die Motivation sei die Gruppe ganz wichtig.

Neue Räumlichkeiten in Borna gesucht

In all den Jahren war Christa Schellig stets Leiterin des sechsköpfigen Sprecherrates. „Wir arbeiten wunderbar zusammen“, lobt sie ihre Damengruppe. Riesenunterstützung erhält sie von ihrem Ehemann: „Er hält immer den großen Schirm.“ Lange Zeit hat sie das Ehrenamt neben ihrem Job als Buchhalterin absolviert.

Sorgen hat die Rheuma-Liga in Borna derzeit mit den Räumlichkeiten. Bisher konnte das Musikzimmer im Goldenen Stern für Veranstaltungen genutzt werden, ab kommenden Jahr sei dies nicht mehr möglich, „wir sind auf der Suche“. Wesentlich sei, dass es kaum Treppen geben darf, weil sonst viele Betroffene nicht kommen können.

Problem Nummer 1 ist das Geld

Ein Problem im Ehrenamt sei immer wieder das liebe Geld, sagt sie. Zumal Rheuma-Kranke oft nicht voll arbeiten können und dadurch finanziell schlechter gestellt sind als andere. Bei allem, was die Gruppe organisiert, müsse sie stets auf die Kosten achten. Förderung kann die Arbeitsgemeinschaft beantragen, „aber das ist immer viel Papier“. Zu tun hat sie damit auch in ihrer Funktion als Schatzmeisterin im Landesvorstand der Rheuma-Liga Sachsen.

Ein großer Wunsch wäre ein Rheumatologe in Borna. Oft müssten die Patienten weit fahren – wenn sie überhaupt einen Termin bekommen. Auch wünscht sich die Ehrenamtliche, die in einem Frohburger Ortsteil zu Hause ist, mehr Engagement und Interesse. Sie finde es schade, wenn jemand nur zur Trockengymnastik kommt – und sonst überhaupt kein Interesse für die Gruppe hat. Für sie sei Ehrenamt eine innere Einstellung: „Ich mache das nicht nur für mich, sondern auch für die anderen. Und das gern.“

Stichwort Ehrenamt

Im Jahr 2018 gab es laut der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA) in Deutschland knapp 16 Millionen Ehrenamtliche – Menschen, die freiwillig und unentgeltlich bei einer Organisation, Initiative, Verein oder etwas Ähnlichem arbeiten. Sie engagierten sich vor allem in Sportvereinen, kirchlichen Einrichtungen und Hilfsorganisationen. Der Anteil der Berufstätigen, die zusätzlich ein Ehrenamt ausüben, liege bei 27 Prozent.

Es gibt dazu jedoch unterschiedliche Zahlen. Auf Grundlage der bevölkerungsrepräsentativen Studie VuMA (Verbrauchs- und Medienanalyse) wurden von den insgesamt 70 Millionen in Deutschland lebenden Personen ab 14 Jahren rund 12 Millionen im Jahr 2018 zu der Gruppe der Ehrenamtlichen gezählt. Sie zeichneten sich durch andere demografische Strukturen als die Gesamtbevölkerung aus.

Die Mehrheit der Ehrenamtlichen war zu dieser Zeit über 50 Jahre alt – knapp ein Viertel war 70 Jahre und älter. Insgesamt verfügten sie über eine höhere Schul- und Berufsausbildung als die Gesamtbevölkerung. Außerdem haben Personen mit ehrenamtlichem Engagement ein insgesamt höheres Haushaltsnettoeinkommen als die deutsche Durchschnittsbevölkerung.

Quelle: statista.com

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Von Claudia Carell

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