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Wurzen Kondensstreifen-Foto löst Debatte über Chemtrails aus
Region Wurzen Kondensstreifen-Foto löst Debatte über Chemtrails aus
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11:33 14.07.2019
Das Leserfoto, das eine endlose Diskussion auf Facebook in Gang setzt: Ein Kreuz aus Kondensstreifen am Lossataler Himmel. Quelle: Martina Reiche
Leipzig

Kaum eine Wolke bedeckt den Himmel, die Sonne scheint auf den Landkreis Leipzig herab. Martina Reiche schaut in den Himmel und entdeckt ein Kreuz aus Kondensstreifen. Die drei Striche kreuzen sich genau in einem Punkt. Ein hübsches Motiv findet sie und schickt ein Bild an die Leipziger Volkszeitung. Das Foto wird auf Facebook veröffentlicht und erhält sofort die ganze Aufmerksamkeit der Netz-Community. Hunderte Kommentare und Theorien zur Entstehung des Bildes gehen unter dem Post ein.

Hier seien Chemtrail-Geschwader am Werk und hätten über dem Landkreis Leipzig die tägliche Dosis Aluminium und Barium ausgetragen. Die Flugrouten seien selbstverständlich exakt berechnet, alles für eine optimale Verteilung des Schwermetall-Cocktails – so zumindest, wenn man den Facebook-Kommentaren unter dem zigfach geteilten und diskutierten Bild Glauben schenkt.

Einen traumhaften Himmel über #Börln hat Martina Reiche eingefangen. Kommt gut durch den heißen Mittwoch und behaltet einen kühlen Kopf! 🔥😁👈

Gepostet von LVZ Kreis Leipzig am Mittwoch, 26. Juni 2019

Was steckt hinter den Chemtrail-Theorien?

Die Geschichte der Chemtrails, also Cocktails aus Chemikalien, die von Flugzeugen in die Luft gesprüht werden und weiße Streifen zurücklassen, ist fast so alt wie die Kondensstreifen selbst. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gibt es die verschiedene Theorien auch im Netz zu finden. Dort wird erklärt wie die Chemtrails in den Himmel kommen und warum es der Öffentlichkeit verschwiegen wird. Einige Theorien sind durchdacht und lassen sich nur schwer widerlegen, andere Theorien sind ganz offensichtlich nur heiße Luft.

Von großflächiger Wettermanipulation, über Vergiftung der Menschheit bis zur Einleitung der Weltherrschaft durch Echsenmenschen ist hier alles zu finden. Im Hintergrund der Theorien steht der Gedanke, dass Flugzeuge mit modernen Triebwerken in der gängigen Flughöhe keine Kondensstreifen produzieren könnten. Simpel formuliert sei es zwar kalt genug, um den Wasserdampf der Antriebe gefrieren zu lassen, jedoch nicht feucht genug, damit sie über einen längeren Zeitraum als künstliche Wolke in der Luft hängen bleiben können. Angeblich einfache Physik, der viele Physiker jedoch mit Nachdruck widersprechen. Auch in diesem Punkt herrscht allerdings alles andere als Einigkeit unter den Anhängern der Chemtrail-Theorie. Nicht alle halten Kondensstreifen für ausgedacht – manche vermuten lediglich, dass Schwermetalle untergemischt werden. Genauso uneinig wirkt die Community in der Begründung ihrer Theorien. Absurde Ansätze sind zu finden. Einige Mixturen sollen sogar Homosexualität verursachen und dadurch das Bevölkerungswachstum einschränken.

Facebook-Kommentare unter dem Leserfoto von Martina Reiche. Quelle: Imago/Arnulf Hettrich / Montage Thomas Lieb

Chemtrails als Wettermanipulation im großen Stil

Viel Spekulation und Verdrehung von Fakten liegt solchen Ansätzen zu Grunde. Das gilt allerdings nicht für alle Theorien der „Chemis“, denn Wettermanipulation ist sehr wohl möglich. Mehrere Nationen haben Versuchsreihen zum sogenannten Geoengineering längst bestätigt. Hagel kann demnach künstlich verursacht und Regen verhindert werden. Ein kostspieliges Verfahren, das einen riskanten Eingriff in die Atmosphäre darstellt. Ob die Technik jedoch langfristig gegen den vom Menschen gemachten Klimawandel eingesetzt werden kann, wird ernsthaft diskutiert – doch das Risiko ist hoch und viele Faktoren wahrscheinlich unmöglich zu berechnen. Eingesetzt werden diese Verfahren offiziell nicht.

Facebook-Kommentare unter dem Leserfoto von Martina Reiche. Quelle: Aapsky/Shutterstock

Wem genau das Muster im Luftraum über dem Landkreis Leipzig zu verdanken ist, wird aus den Kommentaren unter dem Leserfoto nicht sofort deutlich. Spekulationen werden hin- und hergeworfen. Vielleicht waren Mitglieder der Facebook-Gruppe „Chemtrailpiloten Deutschland“ hier am Werk, oder eins der vielen Geschwader, die laut der Social-Media-Plattform in den verschiedenen Bundesländern stationiert sind. Hinter den Accounts stecken jedoch Fakes: Die Profile sind nicht echt. Keine ausgebildeten Piloten verstecken sich hinter den Kommentaren, alles nur Satire.

Umweltbundesamt: Keine wissenschaftlichen Belege für Chemtrails

Bereits 2011 bezog das Umweltbundesamt (UBA) zu den Chemtrails Stellung. „Für das in dem genannten Artikel erwähnte Einbringen von Aluminiumverbindungen in die Atmosphäre und die Bildung so genannter Chemtrails gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege. Auch im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sind die beschriebenen Phänomene nicht bekannt“, so das UBA. Doch die aufgeführten Argumente der Regierungsinstitution kamen bei der Szene nicht gut an. Auf der einen Seite, da natürlich vermutet wurde, dass hier gemeinsam die Vorgänge verschwiegen werden, auf der anderen Seite, da der Bund und 15 aus 16 Bundesländern keine Tests für die angesprochenen Chemikalien in der Luft durchführen – alle Bundesländer außer Bayern.

Bayern testet Staub in der Luft auch auf Aluminium

Dort werden zwei der wichtigsten Bestandteile der künstlichen Wolken seit Jahren in Staubdepositionsmessungen getestet: Aluminium und Barium. Die Leichtmetalle sind beide in hoher Konzentration giftig für den Menschen. Ein Milligramm Aluminium pro Kilogramm Körpergewicht ist der Grenzwert im menschlichen Körper, der europaweit gilt. Einen Grenzwert in der Luft gibt es für beide Metalle jedoch nicht. Die Daten des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LFU), die solche Tests bereits seit über zehn Jahren durchführen, ließen die „Chemis“ dennoch aufhorchen, denn sie waren der „klare Beweis“, dass Aluminium in der Luft ist und das sogar flächendeckend. Regelmäßig konnten Messstationen die Chemikalie feststellen, der Ruf, dass andere Bundesländer endlich Tests durchführen sollten, wurde größer.

CDU-Abgeordneter forderte Antworten zu Chemtrails

Der bekannteste Vorstoß ereignete sich in Niedersachsen im September 2015. Der CDU-Abgeordnete Martin Bäumer fordert von der Landesregierung eine belastbare Datenbasis, möchte also Erhebungen zu Leichtmetallen wie Aluminium, Barium oder Strontium in der Luft. Er wollte der Sache auf den Grund gehen. „Gibt es Chemtrails, und kann man die behaupteten Inhaltsstoffe in Niedersachsen nachweisen?“, lautete seine Anfrage. Eine konkrete Antwort erhielt er darauf nie, denn Niedersachsen testet auch weiterhin nicht auf die Metalle. „Für mich als wissenschaftlich ausgebildeten Diplom-Chemiker ist es ein absoluter Fremdschämfaktor, diesen ahnungslosen Kollegen über esoterische Verschwörungstheorien reden zu hören“, kommentierte SPD-Politiker Alexander Saipa gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung die Anfrage im Landtag. Ein Test der Inhaltsstoffe wurde von der Landesregierung abgelehnt – auch aus Kostengründen, die mit rund 50 000 Euro angegeben wurden.

Bayerisches Landesamt für Umwelt findet keine Hinweise auf Chemtrails

In Bayern hingegen lassen sich die Datensätze für Aluminium und Barium auswerten. Laut einiger Theorien im Netz: der klare Beweis für Chemtrails. Das LFU Bayern teilte auf Anfrage der LVZ jedoch mit: „Ein eindeutig steigender Trend bei den Metallen Aluminium und Barium, für die es derzeit in Deutschland keine Grenzwerte gibt, ist gegenwärtig nicht erkennbar. Anstiege des Konzentrationsniveaus seit dem Jahr 2011 sind auf Änderungen beim Analysenverfahren zurückzuführen, mit dem bei den meisten untersuchten Inhaltsstoffen bessere Wiederfindungsraten erzielt werden. Hinweise auf einen Eintrag durch ,Chemtrails’ ergeben sich aus unseren Untersuchungen nicht.“

Für manche ist allein das Ermitteln von Aluminium „in der Luft“ bereits der Beweis für Chemtrails, für andere ist der Test nicht korrekt. Die Wahrheit liegt wohl genau dazwischen. Wie ein Sprecher des LFU mitteilt: „Die Depositionswerte geben im Übrigen nicht die Belastung der Atemluft wieder, da die Deposition von Staub auch grobe bis sehr grobe Partikel enthalten kann. In Atemluft sind grobe Partikel nicht enthalten.“ Die Stäube in der Luft seien also auf Aufwirbelungen solcher Partikel zurückzuführen, da Aluminium auf Baustellen, im Straßenverkehr und vor allem in Pyrotechnik wiederzufinden ist. Diese lagern sich in den Proben ab. Je nach Position also ein Argument für oder doch gegen die Chemtrails. Ein kostenintensives Testverfahren könnte die Antwort sein, doch auch dieses ließe sich sicherlich in Frage stellen.

Martina Reiche wird sich bei ihrem Foto diese Gedanken wohl nicht gemacht haben – sie beschrieb ihre Beobachtung einfach nur als „Volltreffer am Himmel über Börln“.

Stichwort Chemtrails

Chemtrails (auf deutsch Chemikalienstreifen oder Giftwolken) sind angebliche Mixturen aus Chemikalien, die durch Flugzeuge in die Luft gesprüht werden. Bei diesem Vorgang entstehen künstliche Wolken, die laut der Theorie fälschlich Kondensstreifen genannt werden. Am häufigsten werden in diesem Zusammenhang die Schwermetalle Aluminium, Barium und Strontium genannt, die großflächig zur Manipulation des Wetters ausgebracht werden sollen. Warum die Chemtrails in die Atmosphäre gesprüht werden wird auch innerhalb der Szene viel diskutiert, auch über die Art der Ausbringung herrscht Uneinigkeit.

Von Tilman Kortenhaus

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