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Wurzen Dokumentation über 140 Jahre Landwirtschaftsschule
Region Wurzen Dokumentation über 140 Jahre Landwirtschaftsschule
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17:43 30.06.2018
Die Landwirtschaftsschule Wurzen um 1900: In diesen Bau in der ehemaligen Schrothstraße, heute Kantstraße, zog sie nach seiner Einweihung am 11. Oktober 1889 ein.
Die Landwirtschaftsschule Wurzen um 1900: In diesen Bau in der ehemaligen Schrothstraße, heute Kantstraße, zog sie nach seiner Einweihung am 11. Oktober 1889 ein. Quelle: Archiv
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Wurzen

„140 Jahre Landwirtschaftsschule Wurzen“ – es ist nicht die erste Publikation, mit der der Altstadtverein Geschichte schreibt. Diesmal führte Vorsitzender Jürgen Schmidt selbst die Feder. Den Anstoß dazu gab allerdings Stadtchronist Wolfgang Ebert, der den Autor an das aktuelle Jubiläum der Bildungsstätte in der Kantstraße erinnert hatte.

Jürgen Schmidt, Wurzener Altbürgermeister, Vorsitzender des Geschichts- und Altstadtvereins, Autor von „140 Jahre Landwirtschaftsschule Wurzen“. Quelle: Kai-Uwe Brandt

Sechs Monate lang recherchierte Schmidt, stöberte in vergessenen Chroniken, sprach mit Zeitzeugen und sammelte alte Fotos. Die 28-seitige Dokumentation steht mittlerweile auf der Internetseite des Vereins und bietet ein Fülle interessanter Fakten jenes Gebäudes, das der 67-Jährige einen „architektonischen Fremdling in der klassizistischen Häuserzeile“ nennt. Vor allem aber verbindet Wurzens Altbürgermeister (2001 bis 2008) mit dem heutigen Förder- und Fachbildungszentrum des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie einen Teil seiner Jugend. „Ich lernte hier bis zum Abitur von 1965 bis 1969. Drei Wochen Schule, eine Woche Berufsausbildung.“ Schon deshalb lockte ihn die Schreibarbeit an der Historie. „Ein zweiter Aspekt liegt im familiären Umfeld.“ Denn Schmidts Vater Hans hatte einst ebenfalls zu den Absolventen gehört und 1962 sogar seine Prüfung als Feldbaumeister abgelegt. „Im Dorf wird stets gemeinsam gefeiert, und bei solchen Runden erzählten die Alten oftmals Episoden ihrer Schulzeit“, fügt der gebürtige Großzschepaer an.

Als Quellen seiner Forschung dienten Schmidt sieben erhaltene Schulchroniken, die das Kulturhistorische Museum aufbewahrt, sowie handschriftliche Klassenbücher, die ihm Eckhard Harnisch, Leiter des Beruflichen Schulzentrums Wurzen, zur Verfügung stellte. „Natürlich gab es bei meiner Recherche auch jede Menge Aha-Effekte“, berichtet Schmidt. Zum Beispiel erfuhr er vom ehemaligen Lehrer Manfred Noßke, dass das Haus Clara-Zetkin-Platz 11 von der Landwirtschaftsschule als Internat für auswärtige Schüler genutzt worden war. Die Stadt hatte es jedoch zuvor errichtet, um Wandergesellen zu beherbergen. Und Imker Dieter Peche brachte ihm aus seinem Privatarchiv eine Gedenkmedaille vorbei, die Honoratioren 1903 anlässlich des 25. Jubiläums der Bildungsstätte in Silber oder Bronze erhielten. Der Schriftzug auf der Vorderseite erwähnt unter anderem Professor Dr. Hugo Weineck, den ersten Direktor zur Gründung der Lehranstalt am 7. Oktober 1878.

Die Anfänge mit 17 Schülern liegen in der früheren Torgauer Straße. „Wahrscheinlich waren es Räume im ehemaligen Hotel ,Stadt Berlin‘, der späteren Hausschuhfabrik, die heutige Ecke Kleiststraße/Martin-Luther-Straße“. Da die Schülerzahl rasch gestiegen war, hatte sich der Rat für einen Neubau entschieden. Dazu hatte Wollwäschereibesitzer Friedrich Hermann Schroth (1836 – 1903) der Kommune ein Areal von 1400 Quadratmeter in der Kantstraße geschenkt, welche lange Zeit eben deswegen Schrothstraße hieß. Die Einweihung dort erfolgte am 11. Oktober 1889.

Die Landwirtschaftsschule Wurzen um 1900 auf einer Postkarte: In diesen Bau in der ehemaligen Schrothstraße, heute Kantstraße, zog sie nach seiner Einweihung am 11. Oktober 1889 ein. Quelle: Archiv

Nach dem Zweiten Weltkrieg firmierte die Einrichtung als Landwirtschaftsschule/Wirtschafts- und Beratungsstelle mit Jungen- und Mädchenabteilung. Sie hieß dann ab 1964 Landwirtschaftliche Berufsschule sowie ab 1990 Landwirtschaftliches Bildungszentrum. Zwei Jahre danach fusionierte das Bildungszentrum mit der Kreisberufsschule und wurde zum Beruflichen Schulzentrum Wurzen (BSZ). Das Gebäude in der Kantstraße blieb bis zur Sanierung der Schule am Domplatz 1998 Außenstelle des BSZ.

Für Schmidt ist die Geschichte der landwirtschaftlichen Kreisschule keineswegs beendet. Er will sie gern um den 1901 angelegten Obstbaulehrgarten an der Torgauer Straße komplettieren, der gerade den sächsischen Obstbau und den der DDR prägte.

Bei aller Freude am jüngsten Werk will Vereinsvorsitzender Jürgen Schmidt aber eines nicht begreifen. Wie es der Denkmalschutz und die Behörden zulassen konnten, die Fassade der Landwirtschaftsschule bei der Sanierung 2014 bis 2017 derart zu verschandeln – aus seiner Sicht „eine Bausünde sondergleichen“.

Nach dem Umbau des alten Schulgebäudes zog hier im Juli 2017 das Förder- und Fachbildungszentrums des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie ein. Von der einst klassizistischen Fassade ist nichts mehr zu sehen. Quelle: Kai-Uwe Brandt

Von Kai-Uwe Brandt