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Wurzen Ein Hauch Alpen: Tom Freigang verleiht in Wurzen Ski, Schuhe und Stöcke in Wurzen
Region Wurzen Ein Hauch Alpen: Tom Freigang verleiht in Wurzen Ski, Schuhe und Stöcke in Wurzen
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06:00 17.01.2017
Tom Freigang verleiht Ski in Wurzen.
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Wurzen

Ein Hauch Alpen weht durch den Crostigall. Nicht genug damit, dass die Kinder am „Berg“ gegenüber vom Ringelnatzhaus rodeln – in der Hausnummer 1 können sich Flachlandtiroler zusätzlich Skier, Schuhe und Stöcke ausleihen. Möglich macht das der 38-jährige Tom Freigang. Im Erdgeschoss seines Wohnhauses hat er nicht nur jede Menge modernes Wintersportgerät auf Lager, sondern wartet auf Wunsch auch fremde Bretter: Reinigen, Wachsen, Polieren. Außerdem widmet er sich Kanten, Kratzern und Kufen.

Der Name Freigang ist in Wurzen ein Begriff. 1992 eröffnete Vater Michael im Crostigall ein Sportgeschäft. Es lief sehr gut, bis Paunsdorf Center und Internethandel übermächtig wurden. 2009 führte Mutter Christine den Laden als Sport- und Jeansmode Freigang noch bis 2011 weiter. Dann war Schluss. Sohn Tom, gelernter Sportfachwirt, der 15 Jahre bei den Eltern mitarbeitete, orientierte sich um, ließ sich zum Rettungsassistenten ausbilden. Als rechte Hand der Notärzte sitzt er nun schon seit sechs Jahren im Krankenwagen, ist in und um Wurzen mit Blaulicht und viel Leidenschaft unterwegs. Zwar ist das Sportgeschäft auf ehemals drei Etagen längst Geschichte, doch gilt die Adresse nach wie vor als Schmuckstück. Um weiteren Leerstand in Wurzen zu vermeiden, baute Tom Freigang das Anwesen zum Wohnhaus um, ist hier seitdem mit Ehefrau Nicole und den beiden Kindern zu Hause. Die Arbeit im Rettungswagen fordert ihn voll. Doch sobald der erste Schnee fällt und anderen beinahe das Blut in den Adern gefriert, schlägt sein Herz höher. Dann bekommt er die zweite Luft, erwacht die alte Liebe zum Wintersport. „Ob Planitzwald, Muldenwiesen oder Dübener Heide – auf 15 Zentimetern kann man selbst in unseren Regionen gut Ski laufen.“ Um Winterfreuden auch anderen zu ermöglichen, hilft er in der Freizeit und an Wochenenden mit Skiern aus – in Erinnerung an sein früheres Leben stellt er dann ein Schild vor die Tür: „Geöffnet“. Wer etwas ausleihen möchte, sollte sich telefonisch anmelden, um einen Termin zu vereinbaren. Die Preise (Skier, Schuhe, Stöcke für zwölf Euro) seien eher volkstümlich, sagt Freigang: „Am Urlaubsort ist es teurer, vor allem fahren die Leute dann schon ausgerüstet in die Ferien, verlieren vor Ort keinen Tag unnütz.“ Nein, eine goldene Nase sei mit dem fürs platte Land eher seltenen Service nicht zu verdienen. Steinschliff und Strukturieren seien vielmehr Hobby: „Das juckt in den Fingern.“ Skier sind für ihn Bretter, die die Welt bedeuten. Seit 30 Jahren ist er Alpinskifahrer, 15 Jahre war er Skilehrer. Als Kind fuhr er mit den Eltern regelmäßig nach Oberwiesenthal. „Später luden uns die Hersteller zu Skitests auf diverse Gletscher nach Österreich ein.“ Er weiß, wovon er spricht. In seiner Werkstatt gibt er gerade Anfängern manch nützlichen Tipp. Er ahnt oft schon, wann der Schuh drücken könnte, besonders, wenn noch Socken zwischen zu ziehen sind.

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Gerne würde er das elterliche Geschäft wieder öffnen: „Aber die Zeiten sind vorbei“, sagt er und steigt in seinen Rettungswagen. Der nächste Einsatz ruft.

Von Haig Latchinian