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Wurzen Gärtner Lutz Pohl bewässert Wurzen Bäume und Beete
Region Wurzen Gärtner Lutz Pohl bewässert Wurzen Bäume und Beete
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09:36 23.07.2019
Lutz Pohl vom Bauhof Wurzen sorgt dafür, dass städtische Bepflanzungen - hier im Park am Bahnhof - auch bei Trockenheit genügend Nass bekommen.
Lutz Pohl vom Bauhof Wurzen sorgt dafür, dass städtische Bepflanzungen - hier im Park am Bahnhof - auch bei Trockenheit genügend Nass bekommen. Quelle: Frank Schmidt
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Wurzen

Seine Kuh gibt keine Milch, sondern Wasser. Viel Wasser. Pro Tour 2000 Liter. Das ist die Menge, die in den Tank passt, der sich auf dem Multicar befindet. Wasserkuh – so hat Lutz Pohl seine tägliche Gefährtin getauft. Bevor die orangefarbene Kuh gemolken werden kann, muss sie gefüttert werden. Dazu zapft der 52-jährige Cowboy im Stadtpark den 18 Meter tiefen städtischen Brunnen an. Eine Viertelstunde dauert es, bis der Behälter voll ist.

Fünf bis sechs Mal wiederholt er das Prozedere jeden Tag, um so viele Rabatten wie möglich zu wässern. Lutz Pohl ist seit über 30 Jahren bei der „Firma“, wie er seinen Bauhof nennt: „So eine schlimme Trockenheit wie seit dem Vorjahr hatten wir überhaupt noch nicht!“ Der gelernte Garten- und Landschaftsbauer weiß, wovon er redet. Die zuletzt zehn Liter Niederschlag auf den Quadratmeter seien kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Man könne nicht zuschauen, wie alles „in Arsch“ gehe, sagt er. Erste Station ist am Morgen der Kreisverkehr am Stadthaus. Ein Schwerpunkt, da Taglilien, Rosen und Lavendel von früh bis spät in der prallen Sonne stünden. 1500 Liter Wasser sind allein für diesen Kreisel nötig. Auf dem Lavagestein herrschten Temperaturen von 60 Grad. Mit dem Schlauch geht der Gärtner 20 Minuten durch die mit Vlies geschützten Stauden, vergisst keine der dürstenden Blumen.

Lutz Pohl fährt mit seinem Multi-Cari täglich durch Wurzen und bewässert die städtischen Grünanlagen.

Brunnen im Park als Glücksfall für Wurzen

Eigentlich müssten auch die Bäume am Straßenrand gegossen werden. „Aber das schaffen wir gar nicht. Da müsste der Tag 48 Stunden haben.“ Nur neu gepflanzten Bäumen wie etwa in der Karl-Marx-Straße oder im Dehnitzer Weg könne man sich widmen. 17 Kollegen habe der örtliche Bauhof, fünf davon seien mit Arbeiten in der Grünpflege betraut. Nein, fertig werde man nie. Bei 120 Blumenkübeln und andauernder Dürre auch kein Wunder.

Lutz Pohl kämpft an mehreren Fronten. Während er mit Wasserkuh und Rundumleuchte durch die Stadt reitet, laufen im denkmalgeschützten Stadtpark drei Kreisregner ohne Pause. „Der Brunnen ist ein Glücksfall – Wasser aus der Leitung wäre unbezahlbar.“ Wie viele Bäume des alten Bestands er noch retten könne, wisse er nicht: „Hier, diese riesige Buche, die hat bestimmt 100 Jahre auf dem Buckel. Noch so ein trockener Sommer, und die ist hin.“

Von Mai bis September sei er praktisch nur am Gießen. Andere Tätigkeiten wie Gewässerpflege oder Reinigungsarbeiten müssten warten. Umso bedauerlicher sei es, dass Hunde im Springbrunnen gebadet würden: „Das hält uns sinnlos auf. Wir müssen dann die Haare rausfischen, die sich am Wellrad der Pumpe verfangen.“ Der Park ist das Lieblingskind des Ur-Wurzeners. Mit viel Liebe soll das historische Grün in den Originalzustand versetzt werden.

Gießlanze Marke Eigenbau für Blumen-Ampel

Nächste Station: die Blumen-Ampeln an den Kandelabern auf dem Markt. Weil ihm und seiner Wasserkuh die lückenlos geparkten Autos den Weg versperren, zückt Lutz Pohl den Schlüssel und schraubt zwei der begrenzenden Poller aus der Verankerung. Nun kann er bis zu den in luftiger Höhe rankenden Pelargonien vorstoßen. Dank einer Gießlanze aus Alurohr Marke Eigenbau ist das Wässern ohne Leiter möglich. Zehn Liter pro Kasten.

Ähnlich verfährt er mit der hängenden Blumenpracht in der Friedrich-Engels-Straße und am Wettinerplatz. Er achtet darauf, möglichst wenig direkt auf die Pflanzen zu schwabbern: „Jeder Tropfen wirkt wie eine Lupe. Das kann zu Verbrennungen führen.“ Er hat ein Auge selbst für den einsam am Möckelberg stehenden Trompetenbaum: „Die Betonplatte der Baumscheibe steht höher als der Fußweg. Wenn wir da nicht gießen würden – der wäre längst vertrocknet.“

Im Bahnhofspark versorgt er die Stauden: Margeriten, Buntnessel, Geranien – alles müsse hier blühen. Das verlange der Denkmalschutz. Bis vor kurzem hätten er und seine Kollegen in der traditionsreichen Grünanlage noch selber gepflanzt: „Dazu kommen wir nicht mehr. Das erledigen jetzt private Gärtner für uns.“ Auf dem Friedhof gießt Lutz Pohl zudem die Blumen auf den Gräbern der Opfer der Todesmärsche.

Touristen: Wurzen blüht auf

Er will nachsehen, was seine Wasserkuh noch auf Lager hat. Er wackelt kurz am Tank. Für eine Station reiche es noch, sagt der Cowboy. Die Sonne brennt unerbittlich. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. Sein Multicar hat keine Klimaanlage. Er würde sich freuen, wenn so viele Wurzener wie möglich in Eigenregie gießen würden: „Doppelt hält besser.“ Es gehe schließlich um das Stadtbild. Viele Touristen schwärmten, wie Wurzen aufblühe.

Im Stadtpark müssen Rundregner zur Bewässerung eingesetzt werden. Quelle: Frank Schmidt

Mit seiner Wasserkuh sehe er sich nur als kleines Rädchen im Getriebe, stapelt Lutz Pohl tief. Um im nächsten Augenblick einen künstlich angelegten Hügel an der Kreuzung Bahnhof-/Ecke Beethovenstraße zu besteigen. Aus Betonsteinen und Marmorkies ist darauf das Konterfei eines der größten Söhne der Stadt gestaltet – von Dichter Ringelnatz. „Natürlich habe ich schon was von ihm gelesen“, sagt der Gärtner. „Meine Mutter war Stadträtin für Kultur!“

Künstlicher Hügel kein Spielplatz

Dor Gopp oder Wurzens Nischel werde der Hügel genannt. Die Erde der Staude, die im Frühjahr blau blühe und das Relief des Künstlerkopfes umrahme, müsse feucht gehalten werden, weiß Lutz Pohl. Also bringt er die Wasserkuh zum Melken in Stellung. Während der Mann vom Bauhof mit dem Schlauch drauf hält, warnt er: „Dor Gopp ist kein Spielplatz. Immer wieder turnen Kinder darauf rum, was dazu führt, dass der Marmorkies den Abflug macht.“

12 Uhr ist Mittag im Bauhof. Zeit, Essen zu gehen, habe er nicht, sagt Lutz Pohl. Er packt die Schnitten aus und stärkt sich. Mit der Wasserkuh geht es danach zum Stadtpark, wo am Brunnen aufgetankt wird. Dann startet die nächste Runde. Um 15.30 Uhr ist Feierabend. Ob er nun endlich die eigenen Blumen gießt? „ Nee, ich wohne zur Miete, habe weder Haus noch Garten.“ Privat hat er nichts mit Blumen am Hut, verrät der passionierte Angler.

Von Haig Latchinian