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Wurzen Jesse und Berger fordern: Region darf nicht abgehängt werden
Region Wurzen Jesse und Berger fordern: Region darf nicht abgehängt werden
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00:19 23.12.2017
Eine S-Bahn vom Typ Talent 2 durch den City-Tunnel. Quelle: dpa
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Grimma/Brandis/Naunhof/Parthenstein

Städte, die nicht ans S-Bahn-Netz angeschlossen sind, schauen im Umfeld von Leipzig trotz Tuchfühlung zur Metropole in die Röhre. Dieser Überzeugung sind die Bürgermeister von Brandis, Grimma, Naunhof und Parthenstein. „Weil die Bahnstrecke nach Grimma nicht elektrifiziert ist und Dieselfahrzeuge nicht durch den City-Tunnel fahren dürfen, ist eine ganze Region abgehängt“, beklagt Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos). Auf die maßgebliche Initiative seines Brandiser Amtskollegen Arno Jesse (SPD) geht ein Vorstoß der vier Kommunen zurück, die auf eine Einbindung der Region ins Mitteldeutsche S-Bahn-Netz drängen.

S-Bahn-Anschluss fürs Muldental existenziell

Die Forderung nach besseren ÖPNV-Verbindungen ist hinlänglich bekannt. Allerdings erreicht der Vorstoß jetzt eine neue Qualität. „Uns war es wichtig, alle Beteiligten an einen Tisch zu holen, nicht nur übereinander zu schimpfen, sondern gemeinsam ernsthaft nach Lösungen zu suchen“, umschreibt der Brandiser Stadtchef seine Intention. An den Arbeitsgruppen-Treffen, die seit einem Jahr stattfinden, nehmen neben den betroffenen Bürgermeistern Vertreter des Zweckverbandes für den Nahverkehrsraum Leipzig (ZVNL), des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes, Landrat Henry Graichen (CDU) sowie Bundes- und Landtagsabgeordnete teil. Für die Kommunen entlang der Strecke sei der S-Bahn-Anschluss von strategischer Bedeutung, heißt es. Zwar gebe es mit Projekten wie Muldental in Fahrt oder den Plus-Bussen schon diverse Angebote, diese würde den Standortnachteil eines fehlenden S-Bahn-Anschlusses aber nicht aufwiegen. Von der großen Wachstumsdynamik der Metropole Leipzig profitiere das Muldental und damit rund 60 000 Bürger nur nachrangig, beklagt Jesse.

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Bislang galt die fehlende Elektrifizierung und damit der nötige und planungsintensive Neubau von Oberleitungen als unüberwindbares Hindernis. Markt-Neuerungen spielen den Akteuren jetzt aber in die Hände, was eine Zwischenlösung anbelangt. „Der technische Fortschritt erlaubt eine S-Bahn-Anbindung inzwischen auch ohne Streckenelektrifizierung“, unterstreicht Jesse. Seit kurzem biete die Schienenfahrzeugindustrie zum Beispiel elektrische Triebwagen an, die mittels Batterien fahren. Der Hersteller Bombardier beispielsweise verfolge derzeit ein vom Bund gefördertes Projekt, das den Umbau eines dreiteiligen Talent 2 durch Nachrüstung von Batteriespeichern als Prototyp favorisiert. „Dieses Projekt ist deshalb bemerkenswert, weil dreiteilige Züge vom Typ Talent 2 im S-Bahn-Netz Leipzig ohnehin eingesetzt werden“, erklärt der Brandiser.

Antriebsart zweitrangig

Auch die Initiative des ZVNL, der den Einsatz von Wasserstoff-Lösungen untersucht (die LVZ berichtete), begrüßen die Bürgermeister ausdrücklich. „Ich freue mich über die Botschaft des ZVNL, weil daraus eine Verpflichtung resultiert“, sagte Berger, der seit Jahren dafür kämpft, dass Grimma als zweitgrößte Stadt in Westsachsen einen S-Bahn-Anschluss erhält. Jesse meint in aller Bescheidenheit: „Nun ist Bewegung in das Thema gekommen, was sicher nicht unwesentlich mit unserer Initiative zu tun hat.“

Für die Kommunen ist dabei zweitrangig, welche Lösung verfolgt wird. „Uns ist die Technologie völlig egal, wir wollen kurzfristig die Anbindung an die S-Bahn“, erklärt Matthias Berger. Und Jesse fügt hinzu: „Ob der zusätzliche S-Bahn-Zweig über batteriegestützte Hybridlösungen, über Wasserstoff- oder Brennstoffzellen-Züge erfolgt, ist zweitrangig.“ Vorab müsse ohnehin erst die Frage geklärt werden, ob die Züge den Leipziger Citytunnel durchfahren dürfen. „Solange das nicht feststeht, muss man sich ohnehin beide Optionen – Wasserstoffantrieb oder Batterie-Lösung – offenhalten“, bekräftigte das Duo. Aus anderen Ländern wisse er, so Berger, dass solche Fahrzeuge unproblematisch durch Tunnel fahren dürfen. „Ich hoffe, dass der ZVNL zu dem gleichen Ergebnis kommt.“ Langfristig halte man übrigens an einer Elektrifizierung der Strecke Borsdorf-Grimma fest. „Wir erwarten von allen Beteiligten, sich für eine zeitnahe Aufnahme entsprechender Vorplanungen einzusetzen“, heißt es in einem Positionspapier der Bürgermeister.

Hoffnung ruht auf neuer Fahrzeuggeneration

S-Bahn-Anschluss ohne Elektrifizierung: Verschiedene Hersteller testen Elektrotriebwagen mit zusätzlichen Batterien, die auch nicht-elektrifizierte Strecken befahren können. Das Aufladen der Batterien erfolgt dabei während der Fahrt unter Strecken mit Oberleitung oder an Endbahnhöfen, die eine Oberleitung aufweisen. Die Reichweite beträgt 40 bis 80 Kilometer. Die Strecke Borsdorf-Grimma, die rund 20 Kilometer misst, wäre damit innerhalb der Reichweite von batteriebetrieben Fahrzeugen zu bewältigen. Ein solches Fahrzeug könnte sogar die Gesamtstrecke bis Döbeln zurücklegen, allerdings müsste dann dort mit rund 20 Minuten Nachladezeit im Bahnhof vor der Rückfahrt gerechnet werden. Diese Zeit steht heute im Fahrplan in Döbeln zur Verfügung, da der Zug derzeit rund 30 Minuten Wende-Aufenthalt in Döbeln hat.

Zwischenlösungen: Kosten für Kauf und Betrieb von Batterie-Zügen wachsen mit der angestrebten Reichweite. Deshalb könnten es nach Meinung des Kommunal-Quartetts sinnvoll sein, zunächst nur Fahrzeuge mit 40 Kilometer Reichweite einzusetzen und diese nur bis Grimma verkehren zu lassen, wo in einer Übergangszeit auf herkömmliche Dieseltriebwagen umgestiegen werden müsste. In einer zweiten Ausbaustufe könnten dann der Abschnitt von Grimma nach Großbothen elektrifiziert werden. Damit wäre die Gesamtlinie befahrbar mit einem einem Fahrzeug von 30 bis 40 Kilometer Reichweite.

Zeitschiene: Für die Beschaffung der Züge wäre eine Zeit von rund fünf Jahren notwendig. Der derzeitige Verkehrsvertrag der S-Bahn-Leipzig erstreckt sich bis Dezember 2025, zu demselben Zeitpunkt läuft auch der Verkehrsvertrag der Strecke 110 Leipzig-Grimma-Döbeln aus. Es biete sich an, bei der Neuausschreibung eine neue S-Bahn-Linie aus Döbeln und Grimma nach Leipzig vorzusehen, eventuell in einer Startphase nur Grimma-Leipzig. Sobald die Fahrzeuge zur Verfügung stehen, können bereits vor 2025 die in Grimma endenden Züge der Linie 110 elektrisch verkehren und gegebenenfalls den City-Tunnel nutzen.

Quelle: Posititonspapier S-Bahn für das Muldental

Von Simone Prenzel