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Wurzen „La Paloma“: Etienne Genedl begibt sich auf Spurensuche
Region Wurzen „La Paloma“: Etienne Genedl begibt sich auf Spurensuche
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00:16 25.07.2017
Etienne Genedl begibt sich auf Spurensuche.
Etienne Genedl begibt sich auf Spurensuche.   Quelle: Haig Latchinian
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Wurzen

 Es ist das wohl am meisten gesungene, getrommelte, getanzte Lied der Welt: „La Paloma“ (spanisch „Die Taube“) bietet alles, was das Herz begehrt – Sehnsucht und Seewind, Trauer und Melancholie, Glück und Freude. Elvis Presley sang den Hit, Mireille Mathieu und Hans Albers, der „La Paloma“ im Filmklassiker „Große Freiheit Nummer 7“ unsterblich machte. Die Zuschauer der ARD wählten die „Taube“ 2003 zum Hit des Jahrhunderts. Der NDR schaffte es mit „La Paloma“ gar ins Guinness-Buch: Zum Hafengeburtstag 2004 stellten über 80 000 Besucher den Weltrekord im Chorsingen auf. Freddy Quinn, prominenter „La Paloma“-Interpret, dirigierte den Chor.

Der 32-jährige Etienne Genedl forschte eingehend zur Geschichte des Liedes. Weshalb der Leipziger seine Ergebnisse dieser Tage ausgerechnet im voll besetzten Wurzener Ringelnatzhaus vorstellte, liege auf der Hand: „Ringelnatz, der ewige Matrose, mochte das Lied sehr – es wurde sogar zu seiner Beerdigung in Berlin gespielt.“ Genedl, studierter Volkskundler, stößt gleich zu Beginn eine Warnung aus: „,La Paloma’ hat weder etwas mit Hauff & Henklers ,Paloma Blanca’ noch mit Stefan Raabs Ö La Palöma Boys zu tun.“

Das Lied sei vom Spanier Sebastián de Yradier (1809-1865) komponiert und getextet worden. Der hatte Amerika und die Karibik bereist – wahrscheinlich, so Genedl, entstand der Song auf Kuba. „Es geht um einen Mann, der seine Verlobte für unbestimmte Zeit verlassen muss, ihr aber baldige Rückkehr, Glück und Kinder verspricht. Sollte eine Taube vorm Fenster grüßen, so solle die Angehimmelte sie zärtlich behandeln, denn die Taube sei er selbst.“

Habsburger-Prinz Maximilian I. wurde während der Mexikanischen Interventionskriege 1864 auf Betreiben Napoleons III. als Kaiser von Mexiko inthronisiert. Ihm ging das Lied nicht mehr aus dem Kopf, wieder und wieder ließ er es spielen. Als die Franzosen wenig später abzogen, wurde Maximilian I. hingerichtet. Seine österreichischen Landsleute machten „La Paloma“ in Europa zum Ohrwurm. Das Lied verbreitete sich rasend schnell. Heinrich Rupp (1838-1917), Mainzer Musikdirektor, schrieb die erste deutsche Fassung: „Mich rief es an Bord, es wehte ein frischer Wind ...“

In Siebenbürgen (Rumänien), so hat Genedl recherchiert, gibt es eine deutschsprachige Version von „La Paloma“, die zu Trauerfeiern gesungen wird: Ein Mädchen trauert um seine Mutter, ist untröstlich und stirbt am Ende selbst. „In Mexiko ist ,La Paloma’ auch ein Protestlied, das auf politischen Demonstrationen intoniert wird. Auf Sansibar ist es eine Art ,Rausschmeißer’ bei Hochzeiten“, verrät Genedl, der in Karlsruhe aufwuchs, Mitglied im Ringelnatzverein ist und mit einem Umzug nach Wurzen liebäugelt.

Der Welthit und seine Abgründe: So wurde das unschuldige „La Paloma“ auch grob missbraucht. In Auschwitz marschierten die Kinder zu seinen Klängen ins Gas. Zur Unterhaltung der Nazi-Aufseher musste Jazzlegende, „Ghetto-Swinger“ und KZ-Häftling Coco Schumann „La Paloma“ spielen. Als junger Mann wirkte er im SS-Propagandafilm „Theresienstadt“ mit.

Ein Lied geht um die Welt – das Lied der Sehnsucht. Gerade in der Nachkriegszeit, so Genedl, stand das Lied, die weiße Friedenstaube, wie kaum ein zweites für die Sehnsucht nach exotischer Ferne und nahen Menschen. Er selbst habe zwischen Island und Georgien schon einiges von der Welt gesehen, sagt Genedl: „Heimat sind für mich Menschen, die ich liebe, bei denen ich zu Hause sein kann.“

Von Haig Latchinian