Leben in Wurzen: Am Steinhof 32 ist die Geselligkeit eine sichere Bank
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Region Wurzen

Leben in Wurzen: Am Steinhof 32 ist die Geselligkeit eine sichere Bank

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19:36 24.08.2020
Am Steinhof 32: Hier wird noch über Gott und die Welt gesprochen. Quelle: Haig Latchinian
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Wurzen

Gefachsimpelt werde über Sport, Wetter, Politik und andere Krankheiten. Wenn es am Nachmittag auf dem Balkon zu heiß wird, hucken die Bewohner vom Steinhof 32 die Plastestühle aus dem Keller und treffen sich zum Schwatz direkt vorm Wohnblock. Erika Zimmermann stiftete für die gute Sache sogar ihre Gartenbank, die mittels Kette am Fahrradständer gesichert wird: „Damit die ja keiner mopsen kann.“

Seit fast 60 Jahren wohnt Erika Zimmermann in ihrem geliebten und grünen Neubau-Viertel. Nicht im Traum würde es ihr in den Sinn kommen, hier wegzuziehen: „Wir fühlen uns wohl wie am ersten Tag“, sagt sie und erntet heftiges Kopfnicken in der Runde. Sie ist nicht die einzige Aktivistin der ersten Stunde im Hauseingang. Auch Inge und Claus Friese wohnen von Tag eins an ununterbrochen im Block.

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Mieter wohnen seit fast 60 Jahren zusammen

„Als wir hier einzogen, war die Wohnung das reinste Paradies“, unterstreicht Edith Altermann mit Lockenwicklern in der roten Haarpracht. Wanne, Toilette, fließendes Wasser – damals mehr als nur ein Hauch Luxus für jene Wurzener, die jung verheiratet aus ganz anderen Wohnverhältnissen kamen. Bis heute halten sie zusammen, spendieren sich gegenseitig Eis, Pizza oder „Wackelmänner“.

Und sie wissen, was sie wert sind. Als sie hören, dass sie in die Zeitung kommen, fragen sie, wie hoch das Honorar sei: „Boris Becker macht auch nichts umsonst“, so die augenzwinkernde Bemerkung von Heinz Kaporse. Man wohne so ruhig wie in einem Park, bringt es Hans Borgo, der Alterspräsident, auf den Punkt. Auf die Wohnungsgenossenschaft singen die Senioren uneingeschränkte Lobeshymnen.

Viel Lob für den Großvermieter

Seniorengerechtes Klo, Haarriss im Waschbecken, Schlauch an der Brause – mit allen Anliegen könne man sich an den Vermieter wenden. Der reagiere stets nett und erfülle fast jeden Wunsch. Weil die zumeist älteren Bewohner die Fahrräder nicht mehr in den Keller tragen könnten, sorgte die Wohnungsgenossenschaft vorm Haus extra für Boxen. Sie habe die Kosten errechnet: „17 Cent pro Tag und Box“, so Edith Altermann. 1994 wurde der Block komplett modernisiert.

Zu runden Geburtstagen würden nicht nur Stühle rausgestellt, sondern auch Tische. Dann kredenzten die Frauen kalte Platten, oder man gehe gleich in die Kneipe. Die Männer seien der ruhende Pol in der Runde, behauptet Claus Friese. Seine Frau winkt ab, das Gegenteil sei der Fall. So geht es munter hin und her. Zur Freude von Elfriede Röder und Roswitha Kaporse, die die Neckereien mit etwas Abstand genießen.

„Das ist unsere letzte Station“

Während Mieter anderswo ihre Nachbarn nicht kennen, ist der Treff vor der Nummer 32 beinahe schon familiär: „Erscheinen ist aber keine Pflicht. Nur wer mag, kommt runter zum Quatschen“, besagen die Spielregeln. Alle hoffen, noch möglichst lange zusammen bleiben zu können: „Das ist unsere letzte Station“, sagen die Bewohner. Bleibt nur die Frage, wer den Zeitungsartikel ans schwarze Brett hängen wird.

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Von Haig Latchinian