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Wurzen Nach Gaststättenbrand: Trauer und Hoffnung in Thallwitz
Region Wurzen Nach Gaststättenbrand: Trauer und Hoffnung in Thallwitz
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10:28 25.04.2019
Der Tag nach dem verheerenden Brand im Gasthaus „Zum Reußischen Hof“ in Thallwitz. Quelle: Frank Schmidt
Thallwitz

„In stillem Gedenken“ steht auf der Schleife eines Kranzes, der direkt vorm Eingang des Gasthofes platziert wurde. Hortkinder sammeln Kuhblumen, wickeln sie in feuchte Tücher und legen sie auf der Stufe ab. Sie sei mit ihren Mädchen und Jungen gezielt zur Brandruine gekommen, sagt Erzieherin Doris Weist: „Die Kleinen stammen alle aus Thallwitz und Umgebung. Sie wissen, was passiert ist, dass hier ein Mensch gestorben ist.“

Ihre Mütter und Väter hätten als Feuerwehrleute bei den Löscharbeiten geholfen, berichten einige der Steppkes. Derweil wuchten maskierte Brandursachenermittler manche Trümmer aus der ersten Etage hinunter in den Container. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Dazu die völlig verkohlten Dachbalken, die gespenstisch in den blauen Himmel ragen – ein Kind fängt an zu weinen. „Musst keine Angst haben“, tröstet die Erzieherin.

Blumen für den verunglückten Gastwirt

Der 49-jährige Wurzener Thomas Radke kommt mit dem Motorrad vorgefahren. Auch er will Blumen niederlegen. Der Biker in schwerer Montur trauert um seinen etwa gleichaltrigen Freund: „Ich kenne den Steffen schon von klein auf. Ich war in der Pesta, er ging auf die Diesterwegschule. Später waren wir zusammen bei der Armee. Er war ein lieber, ruhiger, höflicher Mensch.“ Das Essen sei top gewesen, er habe noch selber gekocht. „Er war Gastwirt mit Herz und Seele.“

Wie es am frühen Dienstagmorgen zu dem Brand in der Wohnung des beliebten Gastwirtes des Reußischen Hofs kam, ist nach wie vor Gegenstand der Ermittlungen. Er wolle sich nicht an Spekulationen beteiligen, sagt Bürgermeister Thomas Pöge, der von technischem Defekt oder Unfall ausgeht. Ausschließen könne er dagegen eine Fremdeinwirkung, so der Ortschef, selbst erfahrener Feuerwehrmann: „Die Wohnung, die sich über der Gaststätte befindet, war von innen verschlossen. Wir mussten sie öffnen. Alle Fenster waren unbeschädigt.“

Man habe die Leiche des Mannes noch bergen können, bevor die Flammen auf den Dachstuhl übergriffen, betont Pöge. Balken und Ziegel stürzten erst in die Wohnung, nachdem der Gastwirt bereits über Drehleiter nach unten befördert wurde. Zwar sei die Identität des Toten offiziell noch nicht bestätigt, jedoch wüssten die Feuerwehrleute sehr wohl, um wen es sich handele. Entsprechend gedrückt sei die Stimmung, sagt der Bürgermeister.

Der Gasthof Reußischer Hof in Thallwitz um 1900. Quelle: Repro: Frank Schmidt

Pöge macht den Helfern ein Kompliment: „Was wir hier in zwölf Stunden geschafft haben, dauert woanders drei Tage.“ Ob Dachdecker Dirk Hoffmann, der seinen Kran zur Verfügung stellte, oder Lutz Müller, der sämtliche Retter beköstigte, ob Feuerwehr, THW oder Polizei, ob Statiker oder Gemeinde – alle hätten ihr bestes gegeben.

Die zwischenzeitlich einsturzgefährdete Decke des Gastraumes ist mittlerweile gesichert. Alle Meter stehen Stützen. Außerdem verhindert eine außen angebrachte Holzkonstruktion das Abkippen des freistehenden Giebels. Der Saal dagegen ist unversehrt. Auch die Küche blieb weitgehend verschont. Und dann ist ja auch noch der Biergarten. „Vielleicht lässt sich kurzfristig zumindest ein Notbetrieb fortführen“, hofft die Gemeinde, die Eigentümer der Gaststätte ist.

Im „Gasthaus zum Reußischen Hof“ in Thallwitz haben Feuerwehrleute einen Toten gefunden.

Am Donnerstag soll es erste Gespräche mit den Beschäftigten des Hauses geben. „Wir wollen das Team unbedingt zusammen halten“, sagt der Bürgermeister. Er könne sich sogar vorstellen, dass die Kommune eine Zeit lang als Arbeitgeber einspringt: „Ob das rechtlich möglich ist, müssen wir noch klären“, so Pöge. Alles hänge an der Versicherung. Ob sie zahle, wann sie zahle, wie viel sie zahle. Sicher sei, dass es sich um einen Millionenschaden handele. Sicher sei aber auch: „Es geht weiter. Es muss weiter gehen.“

Hier noch der Beitrag von MDR um 2. https://www.mdr.de/mediathek/fernsehen/video-294718_zc-7748e51b_zs-1638fa4e.html

Gepostet von Feuerwehr Wurzen am Mittwoch, 24. April 2019

Das hoffen die Nachbarn Siegmar Kausch und Tom Schulze. Auch Anwohner Uwe Lohoff würde sich über den Wiederaufbau freuen. Genauso wie der 14-jährige Toni Köditz. Der hatte in der Gaststätte den Schulanfang seiner Schwester Mia gefeiert. Rentnerin Johanna Milkutat ringt mit den Tränen: „Wir alle sind unsagbar traurig. Noch am Wochenende war ich mit Freunden im Reußischen Hof. Es gab Kalbsbrust, Roulade – eben gutbürgerliches Essen.“ Sie sagt, was alle im Ort denken: Steffen war der beste Gastwirt aller Zeiten – einer, der den Gasthof ganz groß aufzog. Mit Frauentag, Himmelfahrt, Osterbrunch und – Kabarett.

Kabarettist Gunter Böhnke trat Anfang April im Gasthof auf

Der Leipziger Kabarettist Gunter Böhnke gastierte zuletzt Anfang April in der Gaststätte. Mit großem Erfolg und vor ausverkauftem Haus. Auf Nachfrage äußert er sich schockiert über den Tod des Wirts: „Ich habe ihn nach dem Programm kurz gesprochen. Er entschuldigte sich, dass er nicht dabei war, er habe in der Küche stehen müssen.“ Das Haus ist bis zum Jahresende ausgebucht, die Anmeldungen reichen bereits weit ins nächste Jahr. Auf dem Schild am Eingang ist zu lesen: „Sehr geehrte Gäste. Aufgrund der Osterfeiertage verschieben sich unsere Ruhetage auf Dienstag und Mittwoch. Ab Donnerstag, 25. April, haben wir für sie geöffnet.“

Die Gemeinde Thallwitz will das Gebäude wieder aufbauen. Quelle: Frank Schmidt

Ein Versprechen, das der Wirt nicht wird erfüllen können. Er soll am Ostermontag nach Wurzen gefahren sein, um mal auszuspannen. Vielleicht hat er ein, zwei Bierchen getrunken. Jedenfalls ließ er in jener Nacht sein Auto in Wurzen stehen und sich nach Hause bringen. Sein „Hundefänger“ mit der typischen Restaurantwerbung steht noch immer auf dem Wurzener Markt – nun schon den dritten Tag. Und obwohl man vorm alten Rathaus nur eine Stunde parken darf, gab es noch kein Knöllchen. Wohl aus Respekt vor einer Lebensleistung.

Von Haig Latchinian

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