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Wurzen Preisgekrönter Poetry-Slammer Fabian Navarro mischt als Stargast Wurzen auf
Region Wurzen Preisgekrönter Poetry-Slammer Fabian Navarro mischt als Stargast Wurzen auf
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00:17 15.08.2017
Quelle: Haig Latchinian
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Wurzen

Heiß, heißer, Ringelnatzsommer! Die Nachtigall trällert, der Crostigall slämmert. Freitag spät abends auf dem Brettl: Fabian Navarro, 27 Jahre, (Schla)wiener. Blitzende Augen, braver Seitenscheitel, leicht gekrümmte Nase. Und die Zuschauer? Aus dem Häuschen. Ihr Idol, Joachim Ringelnatz, ist nicht tot zu kriegen. Das wussten sie. Dass sie aber seine Wiedergeburt erleben würden, noch dazu in dessen Geburtshaus! Wahnsinn! Hätte Hans Bötticher das Licht der Welt 100 Jahre später erblickt, er wäre so wie er, wie Ringelnatz 2.0.

Fabian Navarro empfindet Humor als Lust und List zugleich: „Hier wuchs ich auf, neben Linden und Eichen statt Zypressen und Feigenbäumen, wo die Männer mit den Schweinebäuchen beim Fußballgucken eifrig keuchen – Disziplin und Fleiß den meisten Leuten noch so richtig was bedeuten...“ Nein, nicht in Wurzen. In Wurzens Partnerstadt Warstein! Seine Mama Deutsche, sein Papa Spanier. Und er? Keine deutsche Kartoffel, sondern eine P-a-t-a-t-a. „Ich sage Adios zu all den Pflichtversessenen mit dem Schlips Gefesselten, die sich verzettelten ... Ich hingegen esse Kilos von Datteln im Olivenbaumschatten. Arriba, Olé, Schluss mit deutscher Tristesse, macht doch einfach Siesta und vergesst euren Stress.“

Fabian Navarro, mehrfach preisgekrönt, ist einer der besten deutschsprachigen Poetry-Slammer. Nach etlichen Siegen bei Poesieschlachten nippte er schon an jeder Menge Freigetränken. Das erinnert an Ringelnatz. Pro Auftritt ließ Simpel-Wirtin Kathi Kobus gewöhnlich ’ne kühle Blonde rüber wachsen. Geölte Stimme, lockere Zunge – wichtig für Slammer: Die selbst verfassten Texte sind binnen kürzester Zeit vorzutragen.

Der Rhythmus, bei dem jeder mit muss, gleicht dem eines Rappers, das Tempo dem eines Intercitys. Der in Warstein geborene, in Wien lebende „Spanier“ reist, um zu schreiben und schreibt übers Reisen. Er lebt aus dem Koffer. Mit Fischbrötchenkrümel in der Klappzahnbürste und Ringelnatz im Herzen. Ja, er ist reisender Artist, wie einst Wurzens größter Sohn.

Grenzen sind für ihn da, um sie zu überwinden. Sein Vater lebe in Deutschland unter Freunden und Verwandten, sei längst kein Fremder mehr. „Doch war das dasselbe Land, in dem es heute wieder brennt, in dem man mit Fackeln in der Hand alles Fremde überrennt? Wenn ja, dann fühl’ ich mich heute fremd.“

Sanft ist er, der Ringelnatz 2.0, und mutig. Inzwischen kann er von seiner Kunst leben. Im September erscheint sein drittes Buch: „Die Chroniken von Naja“. Poetry Slam als Veranstaltungsformat, das sei irgendetwas zwischen Kabarett, Literatur und Comedy. Und werde im deutschen Kleinkunstbereich immer beliebter. Zur Poesieschlacht auf der Hamburger Trabrennbahn strömten 5000 Fans. Rekord! Dabei mag es Fabian Navarro auch klein und fein, so wie am Freitag in Wurzen.

Es sei für ihn eine große Ehre gewesen, in der Ringelnatzstadt auftreten zu dürfen. Er bedankte sich bei Viola Heß vom Ringelnatzverein, die ihn engagierte. Wenn die Chefin am Sonnabend (Treff: 10.30 Uhr, Ringelnatzbrunnen) auf den Spuren von Ringelnatz durch Wurzen führt, sitzt Fabian Navarro schon wieder im Zug. Schade eigentlich. Denn auf einer Säule des Ringelnatzpfades ist zu lesen: „Wenn man den sächsischen Dialekt ein bisschen dehnt und ein bisschen streckt, und spricht ihn noch ein bisschen tran’ger, dann hält ein jeder für einen Spanier!“ Na also. Ob Ringelnatz oder Fabian Navarro – sind wir nicht alle halbe Spanier?

Von Haig Latchinian