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Wurzen Schüler im Landkreis Leipzig haben eine Stunde weniger Sport
Region Wurzen Schüler im Landkreis Leipzig haben eine Stunde weniger Sport
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10:31 11.10.2019
Kinder brauchen Bewegung, darin sind sich wohl alle einig. Doch durch die Stundenplankürzung schrumpfte auch der Sportunterricht in vielen Klassenstufen von drei auf zwei Wochenstunden. Ob Ganztagsangebote dies ausgleichen können, wird angezweifelt. Quelle: LVZ-Archiv/Jens Paul Taubert
Landkreis Leipzig

Sachsen gehörte bisher zu den Bundesländern mit den vollsten Stundenplänen. Das ist seit diesem Schuljahr anders. Gekürzt wurde unter anderem der Sport – statt bisher drei sind es nur noch zwei Pflichtstunden Bewegung pro Woche.

Dies löste schon im Vorfeld Proteste aus. Der Sportlehrerverband warnte vor negativen Folgen, wenn Kinder sich in der Schule nicht ausreichend bewegen könnten. Kritiker meinten zudem, dass die Unterrichtskürzung den akuten Lehrermangel im Freistaat ausgleichen soll.

Vereinbarung zwischen Ministerium und Landessportbund

Eine Rahmenvereinbarung zwischen Kultusministerium und Landessportbund Sachsen will erreichen, dass Ganztagsangebote (GTA) noch mehr als bisher Sportangebote in die Schulen bringen. Das wird jedoch an der Basis im Landkreis Leipzig skeptisch gesehen.

Das sagen Schulen:Susan Riedel, Leiterin der Grundschule Borna-West, spürt den Wegfall der dritten Sportstunde schon nach wenigen Monaten mit dem neuen Lehrplan: „So manche Kinder sind hippelig.“ Gerade Grundschüler im Alter von sechs bis zehn Jahren bräuchten viel Bewegung. „Hier wird an der falschen Stelle gespart“, meint die Pädagogin. Doch egal ob die Streichung in Deutsch, Mathe, Musik oder Sport erfolgt, sie sehe das kritisch.

In diesem Schuljahr mehr Sport-GTA nicht möglich

In diesem Schuljahr könnten mehr sportliche Ganztagsangebote das auf keinen Fall abfedern, dafür sei die Vorbereitungszeit viel zu kurz. In der Schule Borna-West gebe es seit Jahren Fußball und Judo im GTA, „das läuft sehr gut“.

Nun wolle man versuchen, ab September 2020 mehr Sport in diesem Rahmen anzubieten. „Aber ob das klappt, ist noch nicht klar“, sagt Riedel. Viele Vereine würden Trainer suchen. Die Herausforderung sei zudem, schon am frühen Nachmittag in der Schule zu sein. Für sie ist klar: „GTA kann den Wegfall der dritten Sportstunde nicht ersetzen.“

Susan Riedel, seit kurzem Leiterin der Grundschule Borna-West: „Hier wird an der falschen Stelle gespart.“ Quelle: Julia Tonne

Dagmar Schulz, Leiterin der Oberschule Kitzscher, sieht zudem das Problem der Freiwilligkeit. Für ein Ganztagsangebot entscheidet sich der Schüler freiwillig, der Sportunterricht ist Pflicht. Kinder und Jugendliche mit Übergewicht brauchen zwar unbedingt Bewegung, werden sich aber kaum fürs Fußball-GTA anmelden.

In der Oberschule gibt es für die Klassen 7 bis 10 einen Sport-Wahlbereich mit zwei zusätzlichen Stunden pro Woche. Doch dafür entscheiden sich meist diejenigen, die sich ohnehin gern bewegen.

Auf der anderen Seite müsse man jedoch sehen, dass der sächsische Stundenplan im Vergleich mit anderen Bundesländern bisher sehr dicht war, meint die Schulleiterin. Die Streichungen würden die Schüler deutlich entlasten, was sie durchaus positiv sieht.

War es richtig, den Stundenplan einzukürzen?

Seit diesem Schuljahr haben die sächsischen Schüler weniger Unterrichtsstunden. Der Lehrplan im Freistaat wurde reduziert und damit anderen Bundesländern angepasst. Das betrifft verschiedene Fächer wie Musik, Sport, Mathe, Deutsch und Englisch.

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Das sagt der Kreissportbund: „Ein Drittel des Sportunterrichts fällt weg, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen“, kritisiert Jörg Heidemann, Vizechef beim Kreissportbund Landkreis Leipzig. Dass Sportvereine diese Lücke nun schließen sollen, sieht er „als einen traurigen Versuch Verantwortung abzuwälzen“. Selbst wenn die Vereine dazu in der Lage wären, erreiche man damit nie alle Kinder: „Denn diejenigen, die die Bewegung unbedingt brauchen, gehen nicht ins Sport-GTA.“

Generell sei das Thema schwierig. „GTA ist für unsere Vereine Fluch und Segen zugleich“, sagt Heidemann. Auf der einen Seite sei es gut, dass Kinder unkompliziert gleich nach der Schule Sport treiben können und so mancher Steppke landet auf diese Weise am Ende beim Verein. Für die Eltern ist es günstig, weil sie ihre Sprösslinge nicht von A nach B kutschieren müssen. Als Vater von drei Kindern kennt er die logistischen Herausforderungen nur allzu gut.

Bezahlung ist ein Knackpunkt

Doch auf der anderen Seite stellt dies Sportvereine vor große Herausforderungen. Interessierte Kinder würden sich häufig fürs Angebot in der Schule entscheiden und eben nicht in den Verein gehen. Hinzu komme das Personalproblem. Gut ausgebildete Trainer, die 14 Uhr in der Schulturnhalle stehen können, sind rar. „Es gibt Beispiele, wo es gut funktioniert. Oft übernehmen es in diesen Fällen Übungsleiter im Ruhestand.“

Ein weiterer Knackpunkt sei die Bezahlung. Durch die Förderung des Kultusministeriums werde die GTA-Betreuung relativ gut bezahlt – nicht zu vergleichen mit der kleinen Aufwandsentschädigung, die ein Fußballverein sich leisten kann.

Jörg Heidemann vom Kreissportbund: „GTA ist für unsere Vereine Fluch und Segen zugleich.“ Quelle: KSB

Das sagt der Fußballverein: „Eigentlich funktioniert es für uns meistens gar nicht mit dem GTA“, meint Ingo Dießner, Chef des Bornaer SV. „Wir haben ja für den Verein schon viel zu wenige Übungsleiter und die können in den allermeisten Fällen nicht 14 Uhr in der Schule sein.“

Er finde es merkwürdig, den Sportunterricht zu kürzen und dann zu sagen, die Vereine sollen das jetzt mal ausgleichen. Generell sei es schwierig, geeignete Leute dafür zu finden. Dennoch bemühe sich der BSV, hier weiterzuhelfen – Übungsleiter Gert Forst zum Beispiel, der schon Rentner ist, bietet seit längerem in den Grundschule Borna-West und Neukirchen ein Fußball-GTA an, was prima läuft.

Der 71-jährige Trainer Forst meint, man müsse bei diesem Thema mehr auf die ältere Generation setzen, „die jungen Leute können das schon von der Zeit her gar nicht leisten“. 60- bis 70-Jährige seien heutzutage oft noch fit, haben Lebenserfahrung und wünschen sich eine Aufgabe. Diese Altersgruppe sollte man viel mehr mit ins Boot holen. Er selbst jedenfalls trainiert seine Fußball-Steppkes mit viel Freude – und will das auch noch eine Weile machen.

BSV-Chef Ingo Dießner: „Eigentlich funktioniert es für uns meistens gar nicht mit dem GTA.“ Quelle: LVZ-Archiv/Jens Paul Taubert

Zusammenarbeit Schulen und Sportvereinen

Mehr Zusammenarbeit zwischen Schulen und Sportvereinen – das ist das Ziel einer Rahmenvereinbarung zwischen dem Kultusministerium und dem Landessportbund Sachsen. Dazu wurde im August eine Vereinbarung unterzeichnet. Die Mittel für die Ganztagsangebote (GTA) wurden in diesem Schuljahr auf 46 Millionen Euro erhöht, teilt das Kultusministerium mit. Es sei wichtig, dass den Schulen auch für den sportlichen Bereich externe Partner zur Verfügung stehen.

Der Landessportbund sehe die Kürzung der dritten Sportstunde zwar kritisch, aber eine enge Kooperation zwischen Sportvereinen und Schulen könne für beide Seiten von Vorteil sein. Schüler könnten so motiviert werden, auch außerhalb der Schule Sport zu treiben. Die Rahmenvereinbarung bilde die Grundlage für den Abschluss von Kooperationsvereinbarungen zwischen Schulen und Vereinen des Landessportbundes.

Im Schuljahr 2019/2020 unterbreiten fast 90 Prozent der allgemeinbildenden Schulen in Sachsen Ganztagsangebote. Bei 93 Prozent von ihnen gehört der sportliche Bereich zur Angebotspalette, hieß es weiter.

Von Claudia Carell