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Wurzen So sieht’s im Stasi-Bunker in Machern aus
Region Wurzen So sieht’s im Stasi-Bunker in Machern aus
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12:27 10.09.2019
Jana Bleyl öffnet den Besuchern die schwere Bunkertür. Quelle: Frank Schmidt
Machern

Nein, im Ernstfall hätte sie ihren Mann nicht mit nach unten begleitet, gesteht Ilse Predel freimütig und winkt ab: „Das war doch sinnlos. Die Leute wären über kurz oder lang elendig zugrunde gegangen.“ Und doch erfüllte sie jahrelang penibel ihre Pflicht, versorgte die Kollegen mit Essen, hielt den Bunker sauber und – hielt vor allem dicht. Niemandem gegenüber gab sie auch nur eine Silbe eines der bis zuletzt bestgehüteten Geheimnisse der DDRpreis. Sie habe sich in dem Waldstück oft sehr einsam gefühlt, sagt die Frau: „Mein Mann hatte tagsüber ja noch seine Kollegen – ich aber war meist allein im Haus.“

So sieht der einzige im Originalzustand erhaltene Bunker der Stasi heute aus. Zum Tag des offenen Denkmals werden hier mehrere Führungen angeboten:

Macherner Bunker war als Ferienanlage des VEB getarnt

Ilse Predel ist die Frau des letzten Kommandanten vom Macherner Bunker. Mit ihm und der jüngsten Tochter bewohnte sie von 1981 bis 1989 ein eher schlichtes Gebäude auf dem 5,2 Hektar großen, gut gesicherten Areal im Naherholungsgebiet Lübschützer Teiche. Das sagenumwobene Objekt war als eine Ferienanlage des VEB Wasserversorgung und Abwasserbehandlung Leipzig getarnt. Zwar errichtete man zum Schein tatsächlich einige Bungalows – in Wahrheit aber drehte sich alles um den von 1968 bis 1972 gebauten Bunker.

Im Krisenfall hätte Manfred Hummitzsch, Leiter der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit Leipzig, seinen Dienstsitz aus der „Runden Ecke“ hierher nach Machern verlegt. In der sogenannten Ausweichführungsstelle wären bei einem zu erwartenden atomaren, biologischen oder chemischen Angriff bis zu 100 seiner engsten Mitarbeiter untergekommen. Der Stasi-Bunker Machern gilt mittlerweile als einziger, noch original erhalten gebliebener. Insgesamt gab es DDR-weit 15 baugleiche Typen.

Für die Sauerstoffzufuhr saugte ein Motor Außenluft an

Museologin Jana Bleyl führt Gruppen aus ganz Deutschland durch den 1500 Quadratmeter großen Bunker. Die beklemmend schmalen und lang gestreckten Betonkammern in fünf Meter Tiefe ähneln einem Gruselkabinett. Manches erinnert an ein Gefängnis. Das mit Neonröhren erhellte Verlies ist vollgestopft mit Telefonen, Fernschreibern, Fäkalienkübeln. Für die Sauerstoffzufuhr im Fluchttunnel sollte Außenluft per Motor angesaugt und durch Filter geleitet werden – bei Motorausfall hätte ein Mitarbeiter ersatzweise auf ein aufgebocktes Fahrrad steigen und in die Pedale treten müssen.

Gegessen hätten die Offiziere in einem Betonschlauch mit Gesicht zur Wand, geschlafen hätten sie in dreistöckigen Stahlbetten. „Bloß gut, dass es keinen Kriegsfall gab und der Bunker nie genutzt wurde“, sagt Ilse Predel. Ihr Mann, Siegfried, der letzte Kommandant, gibt sein erstes Zeitungsinterview. Viel sagt er nicht. Nur das nötigste: „Meine Aufgabe war die Werterhaltung.“ Er hatte die Wartungsmannschaft, bestehend aus zehn Arbeitern, unter sich. Die Beschäftigten seien morgens zum Dienst erschienen und abends wieder gegangen.

Siegfried Predel, heute 86, war von 1981 bis 1989 der Kommandant des Macherner Bunkers. Quelle: Haig Latchinian

Stasi führte sämtliche Arbeiten am Bunker selbst aus

Noch heute sind Tischlerei, Schlosserei und Elektrowerkstatt zu sehen. „Wegen der hohen Geheimhaltung war die Staatssicherheit bestrebt, sämtliche Reparaturen selbst auszuführen und keinerlei auswärtige Firmen zu beauftragen“, erläutert Museologin Bleyl. Oft werde sie gefragt, ob die Laubenpieper in der benachbarten Gartenkolonie nichts bemerkt hätten. „Bemerkt schon, aber nachgefragt wurde nicht.“ Eine betagte Dame führt im Wald ihr Hündchen spazieren: „Für uns war das immer Armeegelände. Als Kinder spielten wir in der Sandgrube. Niemand störte sich daran, als eines Tages Betonelemente angeliefert wurden.“

Besitzer des gesamten Areals ist der Landkreis Leipzig. Das lange ausgelagerte Grundstück, auf dem sich das einstige Haus des damaligen Kommandanten befindet, konnte erst 2016 mit eingegliedert werden: „Es war zwischenzeitlich in marodem Zustand, konnte dank Fördergelder aber gerettet und zum Besucherzentrum ausgebaut werden“, verrät Museologin Bleyl. Angestellt ist sie beim Bürgerkomitee Leipzig, das Pächter der Gedenkstätte ist. Es sind bis zu zehn ehrenamtliche Helfer, die wie der Leipziger Michael Hahn, Mitglied der Kirchgemeinde Engelsdorf-Sommerfeld, den Besucherverkehr am Laufen halten.

Hollitzer: Gedenkstätte erinnert an ein menschenverachtendes System

Friedrich Lehne aus Dehnitz bei Wurzen ist 85 Jahre alt. Er erinnert an zwei Menschen, die in besonderer Weise mit der heutigen Gedenkstätte verbunden gewesen seien: an den einstigen Pfarrer Gottfried Süß und den Einwohner Manfred Neumann. „Die beiden mittlerweile verstorbenen Macherner hatten den Bunker in der Wendezeit entdeckt. Und hatten maßgeblich Anteil daran, dass die Anlage gesichert und dem Bürgerkomitee übergeben wurde.“ Lehne, der 1990 auf der konstituierenden Sitzung des Wurzener Kreistages zum stellvertretenden Landrat gewählt wurde, ist es wichtig, dass die Geschichte des einstigen Bunkers weiter erzählt wird.

Für Gedenkstättenleiter Tobias Hollitzer steht der Bunker für ein „menschenverachtendes System“. Wäre etwa ein mit konventionellen Waffen geführter Krieg ausgebrochen, so Hollitzer, hätte die Stasi von Machern aus befohlen, alle als staatsfeindlich eingestuften Personen an Haftanstalten zu überstellen. Wer lediglich als verdächtig galt, sollte interniert werden. Das Wohnlager des Braunkohlenkombinates Espenhain hätte sich in ein Isolations-Camp für unsichere Kantonisten verwandelt.

Führungsriege hätte sich sechs Tage im Bunker aufhalten können

Bei einem Worst Case, so heißt es, hätte die Führungsriege maximal sechs Tage im Bunker ausharren können. Für Reserven an Trinkwasser (3000 Liter) und Diesel (6000 Liter) war gesorgt. Kommandant Siegfried Predel hätte im Fall des Falles im Bunker am Steuerpult gesessen. Wenn eine Schleusentür geöffnet worden wäre, hätte auf seiner Anzeigetafel Marke Eigenbau ein Lämpchen geleuchtet. Geleuchtet hat es jedoch nur zu Übungszwecken. Selbst 1989 wurde der Bunker nicht genutzt. Predel spricht von „Werterhaltung“. Selbst nachdem er und seine Frau das Objekt verlassen hatten, meldete er Diebstähle pflichtbewusst.

Den drei Wachhunden, die im Areal frei umher liefen, besorgte er ein neues Zuhause, sagt der einstige Kommandant. Obwohl damals noch im besten Alter bekamen er und seine Frau keine Arbeit mehr. Das Gelände wollen sie nie wieder sehen, schwören die betagten Eheleute. Nichts hatten sie 1989 mitgenommen, als sie für immer gingen, nur ihre persönlichen Sachen. Wenn sie die Zeit noch einmal zurück drehen könnte, wäre sie in das einsame Haus am Bunker nie eingezogen, steht für Ilse Predel fest. Ihr Mann sieht es anders. Er hätte seine Pflicht immer wieder getan, schon wegen der „Werterhaltung“.

Tag des offenen Denkmals: Führungen

Am Sonntag gibt es aus Anlass des Tages des offenen Denkmals von 10 bis 16 Uhr mehrere Führungen. Die Führungen starten, sobald die nötige Anzahl an Besuchern erreicht ist. Wartezeiten von bis zu 20 Minuten sind einzuplanen. Die Preise sind am Sonntag für alle Gäste ermäßigt und belaufen sich auf vier beziehungsweise drei Euro pro Person. Kinder bis sechs Jahre haben freien Eintritt.

Achtung: Die Bunkerräume sind nicht geheizt. Daher kann es frisch werden. Eine leichte Jacke wird dringend empfohlen. Vorsicht ist auch bei Ab- und Aufstieg angeraten. Die Treppe besitzt keinen Handlauf. Außerdem sind die Stufen unterschiedlich hoch. Der Bunker ist ausgeschildert. Parkplätze stehen zur Verfügung. Vom Parkplatz bis zum Bunker ist ein Fußweg von gut fünf Minuten zurück zu legen.

Von Haig Latchinian

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