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Wurzen Wie funktioniert die Wahl-Prognose im ZDF? Eine Insiderin erzählt
Region Wurzen Wie funktioniert die Wahl-Prognose im ZDF? Eine Insiderin erzählt
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08:20 29.08.2019
Heike Rohland aus Machern arbeitet für die Forschungsgruppe Wahlen, die am Wahltag fürs ZDF-Fernsehen Wahlprognosen erstellt. Quelle: Thomas Kube
Machern

Wahlabende findet sie schon seit jeher spannend. Prognose, Hochrechnung, Analyse – die Machernerin Heike Rohland verfolgte die Übertragungen mit solcher Hingabe, wie sie sonst nur Fußballfans bei der Bundesliga-Konferenz eigen ist.

Besonders imponierte ihr immer, wie exakt Punkt 18 Uhr die Vorhersage ist und wie wenig sich daran bis Mitternacht ändert. Sie begann, sich für die Forschungsgruppe Wahlen zu interessieren, und irgendwann bewarb sie sich als Interviewerin. Mit Erfolg.

Erste Einsatz bei Landtagswahl 2014

Zu den sächsischen Landtagswahlen 2014 bekam sie erstmals den Zuschlag. Gemeinsam mit ihrem Lebenspartner befragte sie damals Wähler in Zschepplin bei Eilenburg. Einen Eignungstest oder ähnliches gab es nicht. Einzig die Teilnahme an einer Schulung in Leipzig war Voraussetzung.

Weil das Paar offenbar einen guten Job machte, darf es am Sonntag ein weiteres Mal ran – in einem Dorf bei Wurzen. Ob sie aufgeregt sei? „Ein bisschen schon. Aber die Freude überwiegt“, schmunzelt Heike Rohland.

Freundlichkeit als Schlüssel zum Erfolg

Selbst ein Schräubchen im großen Getriebe der Prognose-Ermittlung zu sein – erfülle sie gar mit etwas Stolz, sagt die 61-Jährige. Nichts überlässt sie dem Zufall. Immer wieder studiert sie die Merkblätter und Anleitungen, die ihr die Forschungsgruppe zugesandt hat. Am Sonntag stehen sie und ihr Partner über zehn Stunden vor dem Wahllokal – mit eigener Urne, immer genug Kaffee in der Kanne und vor allem: guter Laune! Ihre Freundlichkeit ist es, mit der sie bei den Befragten punktet.

Jeden dritten Wähler muss Heike Rohland nach erfolgtem Urnengang ansprechen. Ist dieser bereit zum Interview, legt ihm die Machernerin außerhalb des Wahllokals den Fragebogen der Forschungsgruppe vor. Es dauert meist nicht länger als eine Minute, bis der Interviewte seine Kreuze gemacht hat und der gefaltete Zettel in der ZDF-Box landet. Erfragt werden Alter, Geschlecht, Bildung und Konfession. Aber eben auch Angaben zum Wahlverhalten – aktuell und vor fünf Jahren. „Die Befragung ist anonym und freiwillig“, betont die Frau.

Abzählrhythmus ein Muss

Was passiere, wenn sie einen Korb bekommt: „Das ist nicht weiter schlimm. Dann fülle ich auf dem Bogen aus, ob der Befragte ein Mann oder eine Frau ist und schätze das Alter. Der Zettel landet schließlich genauso in unserer Papp-Urne wie ein vollständig angekreuzter.“ Wichtig: Der Interviewer darf nun nicht den nächstbesten Passanten befragen, sondern muss im vorgegebenen Abzählrhythmus bleiben – also wieder den Dritten ansprechen.

Forschungsgruppe Wahlen

Die Forschungsgruppe Wahlen ist ein Institut für Wahlanalysen und Gesellschaftsbeobachtung, sie existiert seit 1974 als eingetragener Verein.

Die Aufgabenbereiche der Forschungsgruppe liegen in der wissenschaftlichen Beratung und Betreuung von Wahlsendungen des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF), dazu gehören präzise Prognosen und schnelle Hochrechnungen zu Landtags-, Bundestags- und Europawahlen. Zudem führt die Forschungsgruppe regelmäßig die Politbarometer-Umfragen für das ZDF durch: Hier werden Einstellungen der Deutschen zu politischen und gesellschaftlichen Themen erhoben.

Kühlen Kopf muss das Macherner Paar 10.20, 13, 16, 17.20 und 17.50 Uhr bewahren. Zu diesen Zeiten werden sämtliche bis dahin vorliegende Umfragebögen aus der Box gefischt und deren Inhalte nach Mannheim durchtelefoniert. Nur die Kollegen vom Institut erfahren etwas, niemand sonst.

Das Schwierige: Während einer der Interviewer mit der Forschungsgruppe spricht, führt der andere die Befragungen fort. Der Rhythmus dürfe unter keinen Umständen aufgeweicht werden. Weil Heike Rohland am Sonntag sprichwörtlich alle Hände voll zu tun hat, nutzt sie für sich die Möglichkeit der Briefwahl.

Spaß an ehrenamtlicher Arbeit

Für die Vorruheständlerin, die zuletzt als Freizeittherapeutin in einem Seniorenstift gearbeitet hatte, ist es ein Bedürfnis, sich ehrenamtlich zu engagieren. So betreut sie eine betagte ehemalige Nachbarin und macht sich im Gnadenhof Lossa nützlich. Haus und Hof zu hüten, sei nichts für sie. Einmal in der Woche fährt sie zum Spanischkurs nach Grimma. Und am Sonntag hilft sie, eine möglichst genaue Prognose hinzubekommen. Ja, es gebe eine Aufwandsentschädigung: „Aber das ist nicht der Grund dafür, weshalb ich da mitmache.“

Vor der Landtagswahl

Umfrage zur Landtagswahl in Sachsen

Stimmungstest vor der Sachsen-Wahl

Prognose zu den Direktmandaten in Sachsen

Wer tritt zur Wahl im Landkreis Leipzig an

Wer tritt zur Landtagswahl in Leipzig an

Der Nervenkitzel reize sie, die große Verantwortung, auch das ihr entgegen gebrachte Vertrauen. Vor allem aber die Arbeit im Team: Mit ihrem Ausweis und dem Anschreiben der Forschungsgruppe wendet sie sich lange vor Öffnung des Wahllokals an den dortigen Vorstand. Dieser weiß in aller Regel bereits, dass Interviewer angemeldet sind. „Obwohl wir gar nichts miteinander zu tun haben, unterstützen uns die Wahlvorstände, stellen uns freundlicherweise einen Tisch und zwei Stühle zur Verfügung“, sagt Heike Rohland.

Guter Kontakt zum Wahlvorstand

Ein gutes Miteinander mit den Wahlvorständen kann nie schaden. Schließlich müssen die Interviewer im Lokal abfragen, wie viele Wahlberechtigte es gibt. Punkt 8.25 Uhr ist diese Zahl nach Mannheim zu „kabeln“. Gegen 17 Uhr erkundigt sich Frau Rohland über den aktuellen Stand der Wahlbeteiligung. Nein, man dürfe sich nicht vorstellen, dass sie zehn Stunden lang unter Strom stehe: „Stoßzeiten sind am Vormittag und nach dem Kaffeetrinken. Dazwischen bleibt noch genügend Zeit, die mitgebrachten Schnitten zu essen.“

Um 18 Uhr ist der Dienst gegessen. Dann ist Schicht im Schacht. Aufs Faulbett geht es für Heike Rohland und ihren Partner aber noch lange nicht. Sie machen es sich vor dem Fernseher gemütlich und verfolgen die Analysen. Dabei interessiert sie besonders das Wechselspiel zwischen Geschlecht, Bildung, Wohnort und Parteipräferenz.

„Der schönste Lohn ist es, wenn die Prognose mit dem tatsächlichen Resultat zumindest annähernd übereinstimmt. Das wäre das sichere Zeichen, dass wir und unsere Kollegen nicht allzu viel falsch gemacht haben“, stapelt die Machernerin bewusst etwas tief.

Bernhard Kornelius arbeitet bei der Forschungsgruppe Wahlen als Politologe und unterrichtet außerdem an der Universität in Heidelberg. Quelle: privat

So funktioniert die Hochrechnung

Bernhard Kornelius von der Forschungsgruppe Wahlen: „Im Rahmen unserer Interviews zur Landtagswahl in Sachsen befragen unsere Korrespondenten an etwa 160 sogenannten ,Sample Points’. Diese werden für die Stichprobe zufällig ausgewählt.

Inhalt dieser kurzen Interviews ist die Frage nach der gewählten Partei, auf deren Basis in der Wahlsendung im ZDF die 18-Uhr-Prognose erstellt wird. Außerdem interessieren uns demographische Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Konfession. Damit erstellen wir Analysen zum ,Wer wählte wen’, also zur Frage, welche Parteien in welchen demographischen beziehungsweise sozialen Gruppen besonders stark oder schwach abschneiden beziehungsweise wo es im Detail welche Gewinne und Verluste gibt.

Für die 18-Uhr-Prognose übermitteln unsere Korrespondenten regelmäßig die Befragungsergebnisse nach Mannheim, von dort gehen diese ins ZDF-Wahlstudio. Die Befragungsergebnisse werden über spezielle Gewichtungsmodelle korrigiert. Dies ist notwendig, da nicht alle ausgewählten Wähler an der Befragung teilnehmen möchten und da die Briefwähler fehlen.

Im Gegensatz zur 18-Uhr-Prognose, die auf der Befragung der Wähler beruht, basieren Hochrechnungen auf den amtlichen Auszählungen in zufällig ausgewählten Stimmbezirken, die unsere Korrespondenten an das Wahlstudio durchgeben sowie auf amtlichen Ergebnissen in Wahlkreisen oder Gemeinden. Mit immer mehr amtlichen Teilergebnissen wird dann schrittweise immer exakter das Wahlergebnis hochgerechnet.

Die Befragung ist anonym und die Teilnahme freiwillig und erfolgt erst, nachdem die Wähler ihre Stimme für die Wahl abgegeben haben. Neben der Wahlsendung im ZDF werden die Ergebnisse der Wahltagbefragung unter anderem auf heute.de, via PM//Blitzanalyse sowie in wissenschaftlichen Analysen veröffentlicht.“

Kornelius arbeitet bei der Forschungsgruppe Wahlen als Politologe und unterrichtet außerdem an der Universität in Heidelberg.

Von Haig Latchinian

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