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Wurzen Wohin geht die Reise beim Thema Windkraft?
Region Wurzen Wohin geht die Reise beim Thema Windkraft?
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00:43 22.04.2018
Andreas Berkner, Leiter der Planungsstelle des Regionalen Planungsverbandes Leipzig-Westsachsen.
Andreas Berkner, Leiter der Planungsstelle des Regionalen Planungsverbandes Leipzig-Westsachsen. Quelle: Andreas Döring
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Landkreis Leipzig

Keine Frage: Politisch ist die Windkraft gewollt, doch sobald sich Rotoren vor der eigenen Haustür drehen, lässt die Begeisterung für die Erneuerbaren mitunter merklich nach. Dass die Errichtung neuer Windräder immer mit zahlreichen Emotionen besetzt ist – wer wüsste das besser als Andreas Berkner, Leiter der Planungsstelle des Regionalen Planungsverbandes Leipzig-Westsachsen. „Wir müssen immer beide Seiten berücksichtigen“, macht der Experte klar. „Diejenigen, für die sich nicht genug Windräder drehen können, und Kritiker, denen jede Anlage eine zu viel ist.“ Aufgabe des Verbandes sei es, zwischen diesen Gegensätzen zu vermitteln.

Einschränkung durch Naturschutz

Berkner macht weiter deutlich, welche Vorgaben für den Verband gelten: „Messlatte sind die energiepolitischen Vorgaben des Freistaates.“ Das Land, das sich selbst aus der konfliktträchtigen Ausweisung von Standorten heraushält, wird an anderer Stelle sehr konkret: Der Freistaat ist in vier große Planungsregionen unterteilt. Jedes Gebiet muss einen sogenannten Mindestertrag erbringen. „Das Maß der Dinge für uns sind 474 Gigawattstunden, diese Kapazität ist auf einen Zeithorizont bis 2022 ausgerichtet.“ Aktuell bringt der Planungsverband 389 Gigawattstunden auf die Öko-Waage, weshalb ein moderater Ausbau der Windkraft angestrebt wird. Zwei Prämissen sind für die Planer dabei mindestens ebenso ausschlaggebend wie die Dresdner Vorgaben: „Wir möchten verhindern, dass Teilregionen überfordert werden.“ Außerdem fühle man sich den gewachsenen Kulturlandschaften verpflichtet. „Eine Verspargelung“, macht Berkner klar, „wird es mit uns nicht geben. Uns liegt durchaus viel daran, dass die Menschen ihre Heimat wiedererkennen und es eine Akzeptanz für das Thema bei den Bürgern gibt.“

Quelle: Planungsverband Westsachsen
Quelle: Patrick Moye

Nur in sogenannten Vorrang- und Eignungsgebieten dürfen Windräder gebaut werden. Wo sich diese befinden, legen in Sachsen die Planungsverbände fest. Viele Gebiete scheiden dabei von vornherein aus – zum Beispiel wegen Naturschutz, naher Siedlungen oder Einschränkungen durch Belange der Flugsicherung. Der bisherige Regionalplan für Westsachsen wies 22 Vorrang- und Eignungsgebiete aus. „Diese“, ergänzt Manfred Friedrich, Mitarbeiter der Planungsstelle, „werden bis auf wenige Ausnahmen beibehalten.“

Bei seiner Sitzung in Naunhof lüftete der Planungsverband am Donnerstag den Schleier, wo die Reise hingeht. Die durchaus überraschende Botschaft: Die Zahl der Vorranggebiete sinkt, was an der leistungsfähigeren Generation von Windrädern liegt. Noch stärker wirkt der Fakt, dass der Altkreis Döbeln seit 2008 nicht mehr zur Planungsregion Westsachsen, sondern zu Chemnitz zählt. Allein dadurch fielen sieben Gebiete weg.

„Derzeit gehen wir von etwa 25 neuen Anlagen aus, die in Leipzig-Westsachsen entstehen können“, kommentierte Andreas Berkner das vorläufige Ergebnis. „Dabei schreiben wir der Branche nicht vor, was sie konkret bauen darf.“ So gebe es keine Höhenbegrenzung in neu auszuweisenden Gebieten. „Würde die Tendenz zu mehr kleineren Anlagen gehen, die weniger Strom erzeugen, müssten unterm Strich mehr Windräder errichtet werden“, rechnet Berkner vor. Mit der Ausweisung von insgesamt 18 Vorrang- und Eignungsgebieten, wie sie der neue Regionalplan vorsieht, könne die Region bis 2022 einen Ertrag von 585 Gigawattstunden jährlich erreichen. „Das ist mehr, als wir müssten.“ So gebe es noch einen Puffer, wenn zum Beispiel das plötzliche Auftauchen von Schwarzstorch oder Rotmilan jahrelange Planungsarbeit zunichte macht.

Aufregung im Wurzener Land umsonst

Seit Donnerstag ist damit auch klar: In zahlreichen Regionen hat man sich umsonst die Köpfe heißgeredet. So ging die Sorge um, Rotoren könnten sich in Thallwitz, Lossatal oder Burkartshain/Nemt drehen. Projektentwickler waren bereits mit Vorverträgen hausieren gegangen – in der Erwartung, dass aus sogenannten Potenzialflächen auch rechtssichere Standorte werden. Berkner hatte allerdings schon länger betont, dass die Neuausweisung maßvoll erfolgen werde.

Neue Standorte befinden sich unter anderem im Bereich des Tagebaus Schleenhain südlich der B 176 zwischen Groitzsch und Neukieritzsch sowie an der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt auf der Rekultivierungsfläche des Tagebaus Profen bei Elstertrebnitz. „Bergbaufolgelandschaften bieten die Chance, große Windräder relativ weit entfernt von Wohnsiedlungen zu errichten“, unterstreicht Berkner. Ein weitererer Standort wurde im Raum Dahlen/Schmannewitz vorgeschlagen. Erweiterungen bestehender Windparks sind an der A 38 bei Knautnaundorf (Stadt Leipzig) sowie am Windpark Naundorf (Landkreis Nordsachsen) möglich. Bereits bestehende Anlagen an der B 6 zwischen Oschatz und Riesa, in Selben östlich von Delitzsch und im Dreiländereck bei Langendorf/Maltitz sollen ergänzt werden können.

Bürgerwindpark vorerst unberücksichtigt

Bislang nicht für eine Ausweisung vorgesehen ist hingegen der Bürgerwindpark Monarchenhügel in Pegau. Die gleichnamige GmbH und Co. KG hatte in diesem Jahr zwar den Zuschlag der Bundesnetzagentur im Rahmen der Neuregelungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes erhalten, allerdings bleibt der auserkorenen Fläche der raumordnerische Segen vorerst verwehrt.

Von den 18 Vorranggebieten, die der Entwurf des Regionalplans benennt, befinden sich zehn vollständig und zwei teilweise im Landkreis Leipzig, sechs liegen in Nordsachsen. Nach wie vor, betont Berkner, handele es sich um einen Zwischenstand. Rechtssicher sind die Standorte erst, wenn der Plan beschlossen wird – das sei voraussichtlich Ende 2018 der Fall. Die Papiere gehen jetzt erst einmal in die öffentliche Anhörung und Auslegung, in die sich Kommunen, Bürger und Branchenvertreter gleichermaßen einbringen können.

Von Simone Prenzel