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Wurzen Wurzen zwischen Angst und Resignation – Polizei vor Antifa-Demo präsent
Region Wurzen Wurzen zwischen Angst und Resignation – Polizei vor Antifa-Demo präsent
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18:58 19.01.2018
Polizei zeigt vor Antifa-Demo in Wurzen Präsenz.  Quelle: Frank Schmidt
Wurzen

„Ich kann dieses Thema nicht mehr hören. Entschuldigung. Es stinkt mich an.“ Der junge Innenstadthändler setzt sich auf einen Stuhl und wirft den Kopf in den Nacken. Alle hätten Angst. Erst die nächtliche blutige Massenschlägerei, dann Sturmtief Friederike und nun ein weiteres Demonstrationswochenende: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert – das sagt der Dichter. Aber selbst das stimmt nur zur Hälfte: Ja, Wurzen hat nun endgültig seinen Stempel als rechte Hochburg weg, aber ungeniert lebt es sich deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil. Wir haben alle die Schnauze voll! Aber so was von!“

Ausnahmezustand am Freitag in Wurzen. Bei Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD) stehen die Telefone nicht still. Die Wurzener sind besorgt, wollen von ihrem ersten Mann wissen, warum Polizei in Divisionsstärke auf dem Markt steht. Röglin tigert in seiner Amtsstube umher: „Wir sind die Letzten, die was wissen.“ Irgendwann wird es ihm zu bunt. Er greift zum Hörer und spricht mit dem Polizeichef. Die Stimme am anderen Ende klingt ruhig und gefasst. Wenig später ist auch Röglin wieder gefasst und ruhig. Den ganzen Tag über rollen Polizeiautos durch die Stadt: „Wir zeigen Präsenz. Auch nachts, haben zusätzlich Bereitschaftspolizei angefordert“, sagt Uwe Voigt, Pressesprecher der Polizeidirektion Leipzig: „Wir wollen weitere Auseinandersetzungen verhindern und deeskalierend wirken.“ Ja, man nehme jeden Hinweis, jedes Gerücht ernst, sagt Voigt.

Mahnwache am Sonnabend

Die Meldungen überschlagen sich: Ingo Stange vom Netzwerk für Demokratische Kultur warnt vor Aufrufen, die nach seinen Erkenntnissen unter anderem in Schulen der Region kursierten. Es gehe um „Rache an den Asylsuchenden“. Die Antifa-Initiative „Irgendwo in Deutschland“ meldet derweil für Sonnabend eine Kundgebung am Bahnhofspark an. Motto: „Solidarität mit allen Betroffenen rassistischer und rechter Gewalt – Den rechten Strukturen keinen Millimeter zurückweichen.“ Juliane Nagel, Landtagsabgeordnete der Linken, tritt als Versammlungsleiterin auf: „Wir wollen ein Zeichen gegen Rassismus setzen, aber nicht durch die Stadt laufen.“ Die Mahnwache sei für den Zeitraum von 14.30 bis 23 Uhr angekündigt, bestätigt Brigitte Laux, Sprecherin des Landratsamtes Landkreis Leipzig.

Das sei schlimm für Wurzen, schlimm „für uns Wurzener“, schüttelt ein alteingesessener älterer Herr den Kopf. „Aber wir sind viel zu klein, um da was auszurichten.“ Er sei gegen Fäuste und Messer, ganz egal, wer sie gebrauche. So sieht es auch Cornelia Hanspach von der Stadtverwaltung Wurzen: „Was ich weiß: In jener Freitagnacht gab es Gewalt sowohl von Einheimischen als auch von Asylbewerbern. Das können wir in unserer Stadt unmöglich dulden.“ Oberbürgermeister Röglin beantwortet geduldig sämtliche Anfragen der Pressevertreter aus ganz Deutschland. „Nein, die Flüchtlinge sind ebenso wenig alle Terroristen wie die Wurzener alle Nazis sind.“

"Wir haben Angst."

Während die Ereignisse rund um jenen unsäglichen schwarzen Freitag sowohl von rechts als auch links mit immer neuen Aufrufen befeuert würden, wolle er die im Moment verunsicherte Mitte mobilisieren. Er denkt an ein Friedensgebet, will den Kontakt zur Kirche aufnehmen. Bereits jetzt sei er im Gespräch mit den Bautzenern, die in der Vergangenheit auch ähnliche Konflikte erlebten. „Wir haben Interesse an deren Konzept: Streetworker und Sicherheitspartnerschaft mit der Polizei.“ Uwe Weigelt (SPD), Bürgermeister der Gemeinde Lossatal, erarbeitet auch im Auftrag seiner Amtskollegen eine offizielle Erklärung für das Wurzener Land: „Lasst uns endlich wieder zu zivilisierten Verhältnissen zurückkehren. Demokratischer Meinungsstreit statt Selbstjustiz.“

Wahrheit schaffen. Unter dieser Losung werben die Rechten seit Montag mit einem Flugblatt um neue Gefolgsleute: „Wie so oft werden die Täter zu Opfern gemacht. Diesem treten wir entgegen!“, heißt es. Wer ist Opfer, wer ist Täter? Die Ermittlungen der Polizei müssten es ergeben, sagt Röglin. Mit seinen Mitarbeitern hatte er bis vor wenigen Monaten noch höchst selbst die Stadt bestreift: „Wir hatten einen Ordnungsdienst auf die Beine gestellt, die Kollegen erklärten sich bereit, täglich, auch an Wochenenden, jeweils bis 22 Uhr an neuralgischen Stellen nach dem Rechten zu sehen. Aber auf Dauer funktioniert das nicht. Wir sind dafür nicht ausgebildet, dafür braucht es Streetworker.“

Habton und Filimon, die beiden jungen Flüchtlinge aus Eritrea, die nichts mit den Vorfällen von vergangener Freitagnacht zu tun hatten, kann das nicht beruhigen. Sie verlassen Wurzen, zumindest übers Wochenende: „Wir haben Angst.“

Von Haig Latchinian

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