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Wurzen Wurzener Schwangerenberatung leistet besonderen Dienst
Region Wurzen Wurzener Schwangerenberatung leistet besonderen Dienst
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11:12 17.11.2019
Figurengruppe am Marktbrunnen: Die Fotografin wählte Kondome als Kopfbedeckungen. Quelle: Yvonne Krüger
Wurzen

So freche Fotos dürften die heiligen Hallen des Wurzener Stadthauses noch nie gesehen haben: „Wurzen verhütet“ hat Yvonne Krüger ihre Bilderausstellung überschrieben. Die Sexualpädagogin demonstriert Verhütungsmethoden vor bekannten Stadtansichten. So vertraute die Fotografin ausgerechnet Ringelnatz eine Kunststoffmembran an, die sonst zwischen Gebärmutterhals und Schambein gelegt wird. Der gefallene Soldat vom Kriegerdenkmal hat Pillen in der Hand. Und die launige Figurengruppe am Marktbrunnen posiert gar mit Kondomen als Kopfbedeckung.

OBM Röglin von Fotos amüsiert

Kein Fall fürs Ordnungsamt, das im selben Gebäude logiert. Schließlich amüsiert sich selbst Oberbürgermeister Jörg Röglin köstlich über die Fotos. Zur Eröffnung der Schau hatte er Blumen dabei, die er Monika Zwietz überreichte. Aus Anlass des 20. Geburtstages ihrer Schwangerenberatungsstelle lud sie Mitstreiter ein, stieß wahlweise mit Sekt oder Selter an. Zwietz ist die Leiterin der Beratungsstelle. Die 64-Jährige wirkt noch immer jugendlich – sinnbildlich dafür ihr kultig geflochtener Pferdeschwanz, der bis über die Taille reicht.

Tausende Beratungsgespräche seit 1999

Seit 1999 gab es in Wurzen 7284 Erstberatungen und 15 131 Beratungsgespräche. Über eine Million Euro Stiftungsgelder wurden an bedürftige Frauen vermittelt. Monika Zwietz bedankte sich bei ihrer Kollegin Ines Clauß, die die Verwaltung schmeißt, sowie bei Christine Schulze, ihrer Vorgängerin. Die Psychologin, inzwischen längst Rentnerin, gehörte zu den vielen Gratulanten. Die einstige Chefin ist noch immer eng verbunden mit Wurzen, einer von sachsenweit fünf Städten, in denen Pro Familia ein Büro eröffnete.

Die Schwangerenberatungsstelle Pro Familia in Wurzen wurde 20 Jahre alt

Pro Familia ist ein eingetragener, bundesweit agierender Verein. Er wurde 1952 in Kassel gegründet und ist heute die größte nichtstaatliche Organisation für Sexual-, Schwangerschafts- und Partnerschaftsberatung in Deutschland. Ursula Seubert (53) ist die Landesgeschäftsführerin und vertritt die 34 Mitglieder in Sachsen: „Wir beraten unabhängig von Nationalität, Religionszugehörigkeit, sexueller Orientierung und auf Wunsch anonym. Unsere Kollegen unterliegen der Schweigepflicht.“

Hartz IV sieht 15,79 Euro für Hygieneartikel vor

Gleichberechtigung, sexuelle Selbstbestimmung, Geschlechtervielfalt, Eigenverantwortung, soziale Gerechtigkeit – das seien Werte, die der Verein täglich lebe. Jedes Kind habe das Recht, gewollt zu sein. Die Eltern – und nicht zuletzt die Frauen selbst – sollten über die Schwangerschaft entscheiden. Oft genug ein frommer Wunsch. Denn nicht selten entscheide der Geldbeutel darüber. „Je weniger Geld zur Verfügung steht, desto unregelmäßiger und unzuverlässiger wird verhütet – oder eben gar nicht“, sagt Ursula Seubert.

>> Lesen Sie auch: Der große Harzt-IV-Check

Bei Einführung von Hartz IV wurde das persönliche Budget für Artikel des Gesundheits- und Hygienebedarfs auf 15,79 Euro im Monat taxiert. „Das ist ein Witz, wenn man bedenkt, was Tampons, Binden und eben Verhütungsmittel kosten“, macht die Geschäftsführerin ihrem Unmut Luft. „Sicher, bis zum 22. Lebensjahr erstatten die Kassen zwar die Kosten für die Pille – aber was wird danach? Eine Frau ist bis 50 fruchtbar.“

Verhütung

Hormonspirale– ist die dritthäufigste Verhütungsmethode nach Pille und Kondom. Mit einer Liegezeit in der Gebärmutter von drei bis zehn Jahren ist sie besonders gut für die Langzeitverhütung geeinigt. Die Spirale muss privat bezahlt werden. Die Kosten belaufen sich auf 250 bis 400 Euro.

Kondome und Femidome– sind die einzigen Verhütungsmittel, die, bei richtiger Anwendung, neben der Empfängnisverhütung auch vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen.

Vaginalring– er gehört mit einer Versagerquote von einem Prozent zu den sicheren Verhütungsmitteln. Er eignet sich besonders für Frauen, bei denen andere hormonelle Verhütungsmittel beispielsweise Magen-Darm-Beschwerden, Erbrechen und Durchfall verursachen.

Pille– das Kombinationspräparat, zusammengesetzt aus den Hormonen Östrogen und Gestagen, ist das beliebteste Verhütungsmittel in Deutschland. Erschreckend viele, nämlich 80 Prozent aller Anwenderinnen, werden beim Kauf des Produkts nicht finanziell von ihrem Partner unterstützt.

Diaphragma– es gehört zu den Barriere-Methoden. Die Kunststoffmembran, die zwischen Gebärmutterhals und Schambein gelegt wird, muss in Kombination mit einem Verhütungs-Gel angewendet werden.

3-Monats-Spritze – hat viele Nebenwirkungen: unregelmäßige Blutungen, Zwischenblutungen, ausbleibende Blutung, Zunahme durch Wassereinlagerungen, Appetitsteigerung, Kopfschmerzen, Migräne, Nervosität, Bauchschmerzen, Rückgang der sexuellen Lust, depressive oder gereizte Stimmung, Akne, Brustspannen, Übelkeit, Blähungen, Steigerung des Risikos für Thrombose, Herzinfarkt und Schlaganfall. Demzufolge wird dieses Verhütungsmittel kaum verwendet.

Portiokappe– sie wird vor dem Verkehr in die Vagina eingeführt und auf den Gebärmutterhals geschoben. Dort saugt sie sich fest und verschließt den Muttermund. Die individuelle Größe muss vor Verwendung bestimmt werden. Die Methode erfordert Übung. Die Sicherheit dieses Verhütungsmittels hängt deshalb stark mit der korrekten Anwendung zusammen. Zwei bis 20 Prozent aller Frauen, die die Kappe verwenden, werden trotzdem schwanger.

Wingman– ist ein Kondom mit Anziehhilfe. Er wurde speziell für Menschen entwickelt, die Unterstützung bei der Nutzung von Kondomen brauchen. Der Wingman ist im Handel schwer zu finden.

Quelle: Fotoausstellung

80 Prozent der Kosten für die Wurzener Beratungsstelle finanziert das Land. Anfangs übernahm der Kreis noch die übrigen 20 Prozent. Doch das war einmal. 2018 zog sich das Landratsamt in Borna ganz zurück. „Es geht immerhin um knapp 20000 Euro, für uns ein gewaltiger Posten, den wir fortan über Spenden aufbringen müssen“, sagt Ursula Seubert. Ines Lüpfert, Sozialdezernentin im Landkreis Leipzig, kennt das Problem: „Wir verfahren nach dem Gleichheitsgrundsatz. Keiner der Freien Träger in der Schwangerenberatung bekommt etwas.“

Landkreis unterhält selbst eine Beratungsstelle

Es handele sich um eine freiwillige Leistung. Im Übrigen unterhalte der Landkreis Leipzig in Grimma eine eigene Schwangerschaftsberatungsstelle. Dennoch gehörte auch Lüpfert zu den Gratulanten in Wurzen: „Die Arbeit von Pro Familia für Schwangere in Not ist sehr wertvoll und wichtig. Die Wurzener Beratungsstelle ist ein wesentlicher Partner im dicht geknüpften Netzwerk für Kinderschutz im Landkreis“, so Lüpfert.

Anke Lungwitz in Grimma leitet dieses Netzwerk seit 2007. Sie koordiniert die Hilfen für Familien in schwierigen Lebenssituationen. Alleinerziehende, Minderjährige, Drogenabhängige – wer Beistand wünsche, bekomme ihn auch. Drei beim Internationalen Bund angestellte Familienhebammen leisteten Hilfe – von der 20. Schwangerschaftswoche bis zum 1. Geburtstag. Anke Ostermann, Silke Frey und Nicole Lange wiegen die Kinder, kochen mit den Muttis oder begleiten sie auf dem Weg zum Kinderarzt.

Feste Ansprechpartner und auch Hausbesuche

Um die ein- bis dreijährigen Kinder kümmern sich auf Wunsch speziell ausgebildete Sozialpädagogen – Frauen wie Ines Ring, Grit Wiemer und Andrea Schürer. Um Schwangere ab der 36. Woche, die erst sehr spät bemerken, dass sich Nachwuchs ansagt, und die noch gar keine Beratungsstelle aufgesucht haben, werden – so sie es wünschen – von Madlen Cazens (Verein Lichtblick Markkleeberg) und Sarah Wenge (AWO-Kreisverband Mulde Collm) auch zu Hause besucht. Ihre Betreuung endet bei Bedarf erst am 3. Geburtstag des Kindes.

Die Fotoausstellung „Wurzen verhütet“ ist ab sofort im Stadthaus zu sehen. Quelle: Thomas Kube

Mein Kind schreit abends zwei Stunden lang – was tun, wenn es Bauchweh hat? Fragen über Fragen, auf die das Kinderschutz-Netzwerk garantiert Antwort weiß. Ines Ring: „Wenn eine Mama im ersten halben Jahr womöglich dreimal im Krankenhaus erscheint, dem Kind jedoch nichts fehlt, die Mutter aber entnervt reagiert, deutet vieles auf eine Überforderung hin.“ In Gesprächen gehe man dann den Ursachen auf den Grund: Überschuldung, Scheidung, Wohnsituation und so weiter.

Zur Miete im Wurzener Stadthaus

Der Freie Träger Pro Familia besitzt nur ein Standbein – die Schwangerenberatung. „Wir haben keine anderen Sparten, können dadurch keinerlei Gelder erwirtschaften“, sagt die Landesgeschäftsführerin. Während andere Vereine vor Ort eigene Häuser unterhielten, in denen die Beratung integriert sei, müsse sich Pro Familia um Räume kümmern: „In Wurzen sind wir im Stadthaus untergekommen und zahlen dafür Miete.“ Die Geschäftsführerin wollte nicht ausschließen, in absehbarer Zeit das Gespräch mit der Stadt zu suchen, ob sie dem Verein in dieser Hinsicht noch weiter entgegen kommen könne.

>> Zum Thema: Mütter in Notsituationen

Xenia Zauritz ist 15. Die Saxophonistin spielte zur Feier des Tages solche Ohrwürmer wie Morning Has Broken oder Over The Rainbow. Sie war extra aus Dresden angereist und blies eigens für ihre Tante Monika Zwietz. Die Leiterin der Beratungsstelle hat bei ihr mehr als nur ein Stein im Brett: „Meine Tante ist echt klasse. Sie kann sich gut in andere hinein versetzen. Sie ist nett und sympathisch.“ Es sei gut, dass solche Menschen anderen helfen können.

Beratungstellen

BORNA: DRK – Schwangeren-, Familien-, Paar- und Lebensberatungsstelle, Roßmarktsche Str. 4, Tel. 03433 919073,

E-Mail: schwangerenberatung@drk-leipzig-land.de; Mo. 8.30-12 und 13.30-18 Uhr, Di. und Do. 13.30-16 Uhr, Fr. 8.30-12 Uhr.

PEGAU: Diakonie Leipziger Land – Schwangerschafts- und Schwangerenkonfliktberatungsstelle,Tel. 034296 947420 oder 0176 76763222, skb@diakonie-leipziger-land.de, Kirchplatz 9; Mo. und Mi. 8 bis 14 Uhr und nach Vereinbarung.

Außenstelle Geithain: Leipziger Str. 20, Tel. 0176 76763222; Do. 9 bis 15 Uhr und nach Vereinbarung.

Außenstelle Markranstädt: Weißbachhaus, Schulstr. 7, Tel. 0176 76763222; Di. 8 bis 14 Uhr und nach Vereinbarung.

Grimma: Gesundheitsamt – Schwangerenkonfliktberatung, Landratsamt, Bahnhofstr. 5, Gebäude 42, Zi. 304; Tel. 03437 9842415 oder 9842413, E-Mail: ute-boehme@LK-L.de; Mo. nah Vereinbarung, Di. 8 bis 12 und 13 bis 18 Uhr, Mi., Do., Fr. 8 bis 12 Uhr.

Wurzen: Pro familia – Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatungsstelle, Friedrich-Ebert-Straße 2, Tel. 03425 984308; E-Mail: wurzen@profamilia.de; Anmeldezeiten: Mo., Di., Do. 8.30 bis 11.30 Uhr, Di. 13 bis 15.30 Uhr, Mi. und Fr. nur nach vorheriger Vereinbaurung.

ZWENKAU: DRK – Schwangeren-, Familien-, Paar- und Lebensberatungsstelle des DRK, Schulstr. 15, Tel. 034203 49240,

E-Mail: schwangerenberatung@drk-leipzig-land.de; Di. 13.30 bis 18 Uhr, Mi. 8.30 bis 12 und 13.30-18 Uhr, Fr. 8.30-12 Uhr und nach Vereinbarung.

Außenstelle Markkleeberg,Kirschallee 1, Tel. 034203 49240; Mi. 8.30 bis 12 und 13.30-16 Uhr.

Außenstelle Markranstädt,Eisenbahnstr. 16, Tel. 034205 84280; Mi. 8.30 bis 12 und 13.30-16 Uhr.

Von Haig Latchinian

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