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Wurzen Wurzener Thomas Friedrich sehnt sich nach Freiheit der Wendezeit
Region Wurzen Wurzener Thomas Friedrich sehnt sich nach Freiheit der Wendezeit
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08:30 08.05.2019
Der Wurzener Thomas Friedrich arbeitete vier Jahre lang an seinem neuen Buch. Quelle: Thomas Kube
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Wurzen

„Wenn möglich, bitte wenden.“ So lautet nicht nur die höfliche aber bestimmte Aufforderung der Dame des Navigationssystems. Es ist auch der Titel des Buches von Thomas Friedrich. Der ehemalige Chef der Volkshochschulen im Landkreis Leipzig wird demnächst 65. Zu seinem Geburtstag bereitet sich der Wurzener selbst das schönste Geschenk. In der Wenceslai-Buchhandlung liest er am Mittwoch, 18 Uhr, aus seinem Werk.

Darin ruft er zur Umkehr auf. Die Gesellschaft müsse den eingeschlagenen Weg dringend verlassen, um nicht in der Sackgasse zu enden. „Wir brüsten uns gern damit, die beste Demokratie der Welt zu haben. Doch ist sie das wirklich?“ Landesparlamente und Bundestag würden geprägt von einigen wenigen Parteien. „Und das, obwohl es bundesweit nur noch knapp zwei Prozent Parteimitglieder gibt. Wo bleibt der Rest – immerhin 98 Prozent?“

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Anfängliche Euphorie ist Ernüchterung gewichen

Friedrich war zeitlebens parteilos. Darauf legt er Wert. In Wurzen galt er als Mitbegründer des Bürgerkomitees. In der Wendezeit saß er am Runden Tisch. Er engagierte sich im Kreislehrerrat, der die Neubesetzung der Schulleiterstellen initiierte. „Zur ersten freien Wahl brachten wir Blumentöpfe aus den Wohnungen mit ins Lokal – so freuten wir uns auf die Stimmabgabe.“

Die anfängliche Euphorie sei längst der Ernüchterung gewichen: „Wir sollten uns fragen, ob das Volk wirklich noch zu Wort kommt. Warum dürfen wir nicht wenigstens den Bundespräsidenten direkt wählen? Warum lassen wir nicht darüber abstimmen, ob die Mehrheit der Deutschen wirklich noch einverstanden ist mit der Politik gegenüber den USA und Russland?“

Das Schreiben ist seine Leidenschaft

Ohne Russland werde Europa weder Amerika noch China das Wasser reichen können. Davon ist der Mann mit dem rollenden „R“ überzeugt. „Wir tragen die Verantwortung für 25 Millionen gefallene Sowjetsoldaten. Und: Wir Deutschen sollten nie vergessen, dass es Gorbatschow war, dem die Wiedervereinigung nicht unwesentlich zu verdanken ist.“ In diesem Zusammenhang kritisiert Friedrich die Osterweiterung der Nato.

Am Südhang des Thüringer Waldes aufgewachsen, kam Friedrich 1975 mit seinem fränkischen Dialekt nach Wurzen. Er arbeitete als Mathe- und Physiklehrer, wechselte 1986 an die Volkshochschule und übernahm 1990 deren Neuaufbau. Im vorigen Jahr ging er in Rente und widmet sich seither verstärkt seiner heimlichen Leidenschaft – dem Schreiben.

Kritik an gesellschaftlichen Missständen

Nichts und niemand ist vor seiner Kritik sicher: Das Renten- und Steuersystem genauso wie Frank Plasberg, Moderator von Hart aber fair. „Ich finde diese Sendung inzwischen unerträglich. Die Gäste können nichts mehr sagen, ohne dass ihnen ins Wort gefallen wird. Ich glaube sogar, sie werden in eine Richtung gedrängt. Das kann es nicht sein.“

Wer seinen Mund nicht aufmache, sei mitverantwortlich dafür, dass bestimmte Dinge in der Gesellschaft in die falsche Richtung liefen, sagt Friedrich. Er selbst nahm einst zur Wahl in der DDR sein Kind mit in die Kabine. Womit er nicht rechnete: Der Sohn fragte laut und für alle hörbar: Papa, warum streichst du alles durch? Als Stadtrat auf der SPD-Liste stieg er einst vorzeitig aus. Die Parteidisziplin sei nichts für ihn gewesen.

Zurück zum Geist der Wendezeit

Ob Hinrichtungen in Texas, Flughafen BER oder katastrophale Zustände auf Autobahnen – Friedrich hat Lust auf Reibung. Das Gärtnern im Ruhestand reiche ihm nicht. Er wolle wachrütteln und Mut machen – „unterhaltsam bis erschreckend“. Ein Wort mag er gar nicht: Populismus. Es sei längst Usus, Redner jenseits der viel beschworenen Mitte entsprechend zu denunzieren.

Wenn möglich, bitte wenden. Er spiele nicht nur auf das Umschlagen der Buchseiten an, so Friedrich. Er wünschte sich ein Zurück zum Geist der Jahre 1989/90. „Damals hatte niemand die Wahrheit für sich gepachtet. Keiner saß auf dem hohen Ross. Die Debatte schien ergebnisoffen.“ Man müsse die Bürger beteiligen, andernfalls laufe man Gefahr, die Demokratie ein weiteres Mal zu verspielen.

Von Haig Latchinian