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Wurzen Wurzenerin gibt nicht auf – Geliebter sitzt in Polen ein
Region Wurzen Wurzenerin gibt nicht auf – Geliebter sitzt in Polen ein
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10:54 07.08.2019
Sardar Wali Sadozai und seine Wurzener Partnerin Ute Haage in Athen. Quelle: privat
Wurzen

Jeden Tag schreibt sie sich per Handy mit ihrem afghanischen Freund Sardar, der mindestens noch bis 6. Oktober in einem Gefängnis in Polen einsitzen müsse. Die Wurzenerin Ute Haage ist zuversichtlich, ihren Partner recht bald wieder nach Deutschland holen zu können: „Jetzt hat er erst einmal polnische Papiere, ist dort erfasst und offiziell registriert.“ Von Wurzen aus organisierte die 59-Jährige eine Kleidersammlung, um Sardar mit Hemden und Hosen auszustatten. Eine Bekannte aus Wurzen mit guten Kontakten nach Polen habe das Bündel persönlich im Gefängnis übergeben.

Abschiebung nach erstem Arbeitstag bei Aldi

Die Wurzenerin Ute Haage (57) ist tief traurig: Ihr Partner Sardar wurde nach Afghanistan abgeschoben. Quelle: Haig Latchinian

Sardar Wali Sadozai (34) ist einer jener 69 Afghanen, die Innenminister Horst Seehofer an seinem 69. Geburtstag per Sammelflug abgeschoben hatte. Am Morgen des 2. Juli 2018 kam Sardar aus der Nachtschicht heim, schwärmte von seinem ersten Arbeitstag bei Aldi, als es an der Tür klingelte. Die Polizei wies ihn an, seine Sachen zu packen, er werde abgeschoben. Für seine Partnerin Ute Haage brach eine Welt zusammen. Die Frührentnerin, die kurz zuvor einen Herzinfarkt überlebte und sich bei der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit in den jungen Afghanen verliebte, glaubt bis heute an eine Verwechslung.

Sardar hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Seit 2016 arbeitete er durchgängig – in der Hühnerfarm, beim Paketdienst und zuletzt im Supermarkt“, sagt seine Freundin. Er habe dem deutschen Staat nicht auf der Tasche gelegen, kam für Miete, Versicherung und Telefon selber auf. Er sei beliebt gewesen, habe sich wohl gefühlt in Wurzen und ließ sich zuletzt sogar noch taufen. Ute Haage: „Er durfte auf keinen Fall zurück nach Afghanistan. Als Christ hätte er umbracht werden können.“

Die ganze Welt kann nicht kommen

Kommentar von Haig Latchinian

Wenn ausführlich über Liebespaare berichtet wird, sind die Betreffenden zumeist blaublütig. In der Klatschpresse geht es um die Schönen und Reichen und darum, wer bei der Scheidung die Yacht bekommt und wer die Villa. Durch das Lesen der mehr oder weniger geistreichen Lektüre träumt sich der Normalmensch in eine ihm unbekannte Scheinwelt. In jedem Falle aber vergisst er für einen Moment seine eigenen, vergleichsweise kleinen Sorgen.

Die „Lovestory“ von Ute Haage und Sardar Wali Sadozai ist ein Kontrastprogramm dazu. Die einen mag es aufwühlen und verstören, die nächsten melden leise Zweifel an oder sind angewidert. Anders als bei den Prinzen und Prinzessinnen in den bunten Blättern will mit der Wurzenerin und ihrem Afghanen niemand tauschen. Dennoch, das persönliche Schicksal eines der 69 von Innenminister Horst Seehofer medienwirksam abgeschobenen Afghanen zeigt, dass die Folgen nicht vor unserer Haustür halt machen.

Dabei ist klar: Die ganze Welt kann unmöglich nach Deutschland kommen. Weder Politiker noch Polizisten, die die Abschiebung veranlassten beziehungsweise durchführten, sind böse oder hartherzig. Selbst die Wurzenerin widerspricht da nicht. Sie weiß, dass es Gesetze gibt in unserem Land. Obwohl sie fieberhaft bemüht ist, mit den Behörden zu kooperieren und um Legalität kämpft, ahnt sie, dass sie droht, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. So wie ihr Freund, der deswegen in Haft sitzt. Wer abgeschoben wurde, darf Europa – zumindest vorläufig – nicht wieder betreten.

Ute Haage eine zweite Sea-Watch-Kapitänin Rackete? Sie handelt aus Liebe und ist dafür bereit, indirekt das schmutzige Geschäft der Menschenhändler zu finanzieren. Sie hat kein gutes Gefühl dabei, musste immer wieder mit sich ringen. Am Ende blieb ihr wohl nichts anderes übrig, um ihrem Partner das Leben zu retten. Dem Gewissen zu folgen und sich damit womöglich strafbar zu machen – dieser Konflikt dürfte nur schwer auszuhalten sein für eine Frau, die ohnehin mit ihrer Gesundheit ringt.

Afghanischer Flüchtling ist traumatisiert

Die Taliban hatten ihn schwer misshandelt. Die gebrochene Nase, der gebrochene Arm – noch das wenigste. Die Gotteskrieger zwangen ihn, für sie zu arbeiten. Weigere er sich, müsse er sterben. Der traumatisierte Sardar nutzte die Chance zur Flucht. Im November 2015 kam er nach Deutschland. Wenig später lernte Ute Haage ihn kennen und lieben. Beide wollten heiraten, als die Abschiebung alles veränderte. Der Afghane erlebte aus nächster Nähe, wie sich nach der Ankunft in Kabul einer der 69 Abgeschobenen erhängte.

Während sich Sardar auf der Straße durchschlug, ließ sich seine Freundin von den Behörden schriftlich bestätigen, dass gegen ihren Partner nichts vorliegt. Dennoch, das bedauert sie, könne oder wolle Deutschland nichts mehr für Sardar tun. „Rein rechtlich ist die Abschiebung nicht anfechtbar – Sardar hatte nur eine Duldung“, sagt sie. Im Oktober 2018 verließ der Afghane abermals seine Heimat in Richtung Iran. Über die Türkei reiste er nach Griechenland ein. In Athen trafen sich beide: Sardar und Ute Haage, die ihre Ersparnisse für Flug und fünf Nächte zusammen kratzte.

Über 3000 Euro für die Flucht

Zurück in Wurzen sammelte Ute Haage über 3000 Euro, um ihrem Partner die Flucht zu finanzieren: „Ich bin den Wurzenern sehr dankbar, besonders Sardars ehemaligem Vermieter, der eine große Summe spendete. Schließlich war genug Geld zusammen, um die Fluchthelfer zu bezahlen.“ Nach sechs gescheiterten Versuchen gelang der siebte Anlauf. Auf der Ladefläche eines Lkw – ohne Essen und Trinken und ohne dass der Fahrer eingeweiht war – kam Sardar Wali Sadozai vier Tage später in Polen an. Die Polizei nahm in schon in Empfang. Wegen illegaler Einreise wanderte er direkt ins Gefängnis.

Der afghanische Flüchtling schrieb sämtliche Institutionen an. Bislang vergeblich. Gestern besuchte ihn ein polnischer Geistlicher. Ein Pfarrer aus dem Muldental verfasste zuvor einen Brief an die polnischen Behörden. Darin wird bestätigt, dass der Inhaftierte während seines Aufenthaltes in Wurzen zusammen mit seiner Partnerin die Gottesdienste besuchte. Die Freundin sei seine Taufpatin. Ute Haage ist optimistisch: „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Wir haben schon einiges erreicht.“

Von Haig Latchinian

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