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Wurzen Wurzens Oberbürgermeister sieht Stadt mit Rassismus-Problem allein gelassen
Region Wurzen Wurzens Oberbürgermeister sieht Stadt mit Rassismus-Problem allein gelassen
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10:52 27.01.2018
Ein großes Polizeiaufgebot sicherte am 20. Januar eine Kundgebung gegen rechte Gewalt in Wurzen ab.
Ein großes Polizeiaufgebot sicherte am 20. Januar eine Kundgebung gegen rechte Gewalt in Wurzen ab.  Quelle: Frank Schmidt
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Wurzen

 Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD) sieht sich durch die Polizei in der Aufarbeitung der Rassismusvorwürfe gegen seine Stadt beschnitten. Im Interview bemängelt der 47-Jährige deutlich „bestehende Kommunikationsdefizite“ zwischen Polizei und Verwaltung. Nachdem die Stadt als „braunes Herz des Muldentals“ bundesweit in die Negativ-Schlagzeilen geraten war, zeigt sich das Stadtoberhaupt betroffen und kämpferisch – „wir werden die Probleme entschlossen angehen“, versicherte Röglin, wies aber zugleich darauf hin, dass die Mittel einer Stadtverwaltung begrenzt seien. Diesen Problemen könne man nur erfolgreich begegnen, wenn man es gemeinsam angeht – mit Polizei, Justiz und der Bürgerschaft.

Jörg Röglin kritisiert Polizei

„Ich bin von der Polizei über die Vorfälle nicht informiert worden. Auch über Ermittlungsergebnisse – früherer oder aktueller Ereignisse – bekomme ich in keinster Weise Informationen“, so Röglin. Über rechtsextreme Strukturen in Wurzen sei dem 47-Jährigen nur bekannt, was im Bericht des Verfassungsschutzes steht. Trotzdem sei man sich in der Verwaltung bewusst, dass die Stadt ein Problem mit Fremdenfeindlichkeit und Gewalt habe. Röglin: „Dass jugendliche Gruppen aufeinander losgehen hat sicher etwas mit Rassismus zu tun, aber auch mit allgemeiner Gewaltbereitschaft.“

Öffentlicher Aufruf an die Bürgerschaft des Wurzener Landes

Die Bürgermeister und Stadt- beziehungsweise Gemeinderäte des Wurzener Landes (Wurzen, Thallwitz, Bennewitz und Lossatal) verurteilen die Taten „aufs Schärfste“. In einem gemeinsamen öffentlichen Aufruf an die Bewohner der Region fordern sie auf, sich dem „tatsächlichen Problem unserer Region“ gemeinsam entgegen zu stellen. In dem Aufruf heißt es weiter: „Junge Menschen tragen Konfliktpotenziale auf eine Art und Weise aus, die einer demokratischen Grundordnung und Wertegesellschaft unwürdig sind. Aber genau der Erhalt dieser demokratischen Grundordnung muss nun das Ziel aller friedliebenden Menschen sein.“

Angebote der Jugendarbeit optimieren

Im LVZ-Interview hinterfragt Jörg Röglin die Jugend- und Sozialarbeit in der Stadt: „Wir müssen uns die selbstkritische Frage stellen, ob wir mit dem was wir anbieten, auch die Ziele erreichen können, die wir erreichen wollen. Wenn das nicht der Fall ist, müssen wir etwas verändern.“ Mit den 100.000 Euro Fördermitteln für Integrationsleistungen sei da „schon sehr viel passiert“, meint der SPD-Politiker. Wichtiger sei jetzt aber, die Angebote in der Jugendarbeit zu optimieren.

Ermittlungen dauern an

Zwei Wochen nach der Schlägerei zwischen mutmaßlichen Rechtsradikalen und Migranten in der Wurzener Bahnhofstraße hat das zuständige Terrorismus- und Extremismus-Abwehrzentrum keine neuen Erkenntnisse zu den Abläufen in der Tatnacht. LKA-Sprecher Tom Bernhardt: „Die Rekonstruktion der unübersichtlichen Gesamtsituation vor Ort läuft gegenwärtig noch. Es ist nur klar, dass es zwei Schwer- und drei Leichtverletzte Personen gab.“

Auch zu den Ermittlungen gegen bewaffnete Rechtsextreme, die vor einer Woche die Kundgebung gegen rechte Gewalt und Rassismus eines linken Bündnisses gestört hatten, gibt es offiziell keine Erkenntnisse – „der Fall ist noch nicht an uns übertragen worden“, so Bernhardt.

Das komplette Interview mit Oberbürgermeister Jörg Röglin lesen Sie hier.

Von Thomas Lieb