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Wurzen Zschadraßer Sebastian Ludwig auf Radoldtimer durch ganz Deutschland
Region Wurzen Zschadraßer Sebastian Ludwig auf Radoldtimer durch ganz Deutschland
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00:19 30.12.2017
Sebastian Ludwig (39) aus Zschadraß ist ein Fahrradnarr. In seinem Keller stehen einige der über 60 historischen Modelle, die er aufgebaut hat. Hier fühlt er sich am wohlsten.
Sebastian Ludwig (39) aus Zschadraß ist ein Fahrradnarr. In seinem Keller stehen einige der über 60 historischen Modelle, die er aufgebaut hat. Hier fühlt er sich am wohlsten. Quelle: Foto: Andreas Döring
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Zschadraß

Sebastian Ludwig ist so etwas wie der athenische Bote Pheidippides der Neuzeit. Während sein prominenter Vorläufer im Alten Griechenland die rund 245 Kilometer von Athen nach Sparta in zwei Tagen zurückgelegt haben soll, schaffte der Zschadraßer Pedalist die 2448 Kilometer von Colditz über Basel bis Flensburg in effektiv 153 Stunden. Ja, den 39-jährigen Extremradfahrer könnte man sich gut und gern als Statue irgendwo an der Akropolis vorstellen, mit gestählten Muskeln und gelocktem Haar.

Dabei ist der junge Mann viel zu bescheiden, um jemals einen Sockel zu besteigen. Immerhin: Im Sommer wagte sich der unikale Einzelgänger ins Rampenlicht, zeigte in Zschadraß bei zwei Vorträgen den Film zur Fahrt seines Lebens. Jeweils zehn Neugierige waren gekommen.

In seinem Keller stehen mehr Fahrräder als anderswo Einweckgläser. Er plünderte Schrottcontainer und Flohmärkte. Über 60 Drahtesel – zumeist aus Großvaters Zeiten – hat er aufgebaut. Mit Holzgriffen, Karbidlampe und Stempelbremse – aber immer: ohne Gangschaltung! Er ist schließlich kein Weichei: Helme kommen bei ihm ebenso wenig in Frage wie Hotels. Bei seinen Touren wird unter freiem Himmel geschlafen, auf dem Baum und höchstens einmal die Woche in der Pension. Aber auch nur, um in der Dusche die Socken zu waschen, sie am Handtuchhalter aufzuhängen und trocken zu föhnen. Daher auch die fünf Holzklammern an der Bremsleitung.

Es gibt entweder Kameraleute oder Filmemacher oder Iron-Männer oder Servicetechniker oder Witzbolde... Und es gibt einen, der alles in einem ist: Sebastian Ludwig. Sein 80-minütiges Road-Movie ist beste Straßenunterhaltung! Kein Wunder: Dem gelernten Straßentiefbauer obliegt auch im wahren Leben die Straßenunterhaltung – als Mitarbeiter des Colditzer Bauhofs flickt er Löcher, setzt Borde und pflastert Gehwege. „Ich könnte mir keinen besseren Job vorstellen“, schwärmt der Zschadraßer von Arbeitskollegen und Arbeitsfeldern. Im Gegenzug lobt der große Chef, Bürgermeister Matthias Schmiedel, seinen Basti über den grünen Klee: „Geht nicht, gibt’s bei ihm nicht. Er macht nie Dienst nach Vorschrift, sondern denkt selber mit. Er sucht nach Lösungen und findet sie. Basti würde eher Minusstunden als Überstunden schreiben. Er ist zwar Eigenbrötler, aber doch immer Kumpel ohne Ende!“

Und nun plötzlich Ferien! Vier lange Wochen! Basti geht auf große Reise. Tschechien, München, Bodensee, Straßburg, Heidelberg, Bremen, Flensburg, Dänemark. Er ist nicht allein! Er hat die GoPro-Kamera dabei, sieht durch sie alles auch mit den Augen seiner Freunde: Den sich wie wild im Wehr drehenden Baumstamm. Das im Stehen schlafende Schaf. Den Traktor aus Stroh. Die Sonnenblume mit Gesicht... Bis auf eine gebrochene Speiche kommt Sebastian pannenfrei von A nach B. Auf seinem 28-er Wanderer-Continental legt Basti täglich bis zu 190 Kilometer zurück. Nicht gerechnet all die Distanzen, die er doppelt und dreifach fährt: „Weil ich mich ja auch selber gefilmt habe, musste ich die Kamera mitunter auf dem Radweg scharf machen und noch einmal antreten. Dann hieß es wieder zurück spurten und hoffen, dass in der Zwischenzeit niemand die Kamera übern Haufen gefahren hat.“ Vorbei geht es an Radwanderern auf E- oder Mountainbikes, an der Achterbahn eines Vergnügungsparkes, am Geballer eines Truppenübungsplatzes. Die Actionkamera im Anschlag!

Die ist nicht nur ein fliegendes, auch ein schwimmendes Auge. Als Basti am Ufer des Lech sitzt, kommt ihm eine geniale dramaturgische Idee: Er setzt eine Schüssel samt GoPro aufs Wasser und lässt den Doppelpack an sich vorbei treiben. Wie von Geisterhand vollzieht die Schüssel etwa auf seiner Höhe eine Drehung, so dass Basti am Ufer stets im Bild bleibt. Es ist das Glück des Tüchtigen.

Köstlich auch die Szenen, als das Kind im Manne erwacht. Vor laufender Kamera bewegt das unsichtbare Muskelbündel ganze Strohballen so geschickt, dass der Zuschauer glaubt, ein Magier stecke dahinter. Oder als Basti breitbeinig vorm Wasserfall steht und der arglose Betrachter indes vermutet, der Radler verrichte seine besonders nötige Notdurft. Sebastian Ludwig – der Fels in der Brandung.

Ohne mit der Wimper zu zucken, durchquerte er barfuß schon die eisige Zschopau, unternahm Spritztouren auf Brocken, Fichtelberg und Wartburg. Mit seinen Freunden René Kremski und Sascha Schmiedel radelte er 2014 von Zschadraß bis Monaco. Sascha, der Bürgermeistersohn und Stadtrat, verdreht noch immer die Augen: „Das war der reine Wahnsinn. Basti fuhr mir immer wieder davon und musste oft warten – und das, obwohl ich im Gegensatz zu ihm eine Gangschaltung hatte.“

Sebastian Ludwig, der noch zwei jüngere Geschwister hat, stand schon früh auf eigenen Füßen. Bei der Sermuther Firma Oswald Richter machte er seine Lehre, war dort zwölf Jahre lang tätig, ehe er kurzzeitig arbeitslos wurde: „Das Nichtstun liegt mir nicht. Ich muss immer was machen. Und wenn ich nur Gewichte stemme.“ Nein, er sei kein Gesundheitsfanatiker, sagt der Mann, dessen biologisches Alter der Betriebsarzt neulich auf 27 bezifferte. „Nö, ich bin auch kein eingefleischter Vegetarier oder so was. Ich bin Allesfresser. Klar, wenn ich eine Frau hätte, würde bestimmt auch mehr Obst und Gemüse auf dem Speiseplan stehen.“ Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Gramm Fett – der Schwiegermüttertyp wünscht sich nichts sehnlicher als eine liebe Begleiterin durchs Leben: „Wenn ich wüsste, wo die Traumfrau ist – ich würde sofort hinfahren und sie einsacken.“ Die meisten seiner Freunde hätten bereits Frau und Kinder und damit nur noch wenig Freizeit: „Das bekomme ich ziemlich stark zu spüren, etwa, wenn ich zur gemeinsamen Ausfahrt einlade, aber immer öfter Absagen bekomme.“

Also rennt und rennt er. Muldentaler Städtelauf, Schönbacher Straßenlauf, Colditzer Stundenlauf. „Ich könnte jetzt aus der Kalten rüber nach Grimma rennen – kein Problem.“ Wir glauben es dem vielseitig begabten Athleten, dass er nach gut 40 Kilometern nicht schlapp machen würde – anders als der athenische Bote Pheidippides. Laut Legende habe der nach der Schlacht von Marathon die Siegesbotschaft in Athen überbracht und sei auf der Stelle zusammengebrochen.

Von Haig Latchinian