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Mode & Stil Es ist was im Anzug
Sonntag Mode & Stil Es ist was im Anzug
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20:00 04.03.2016
Chefin geht auch feminin: Helle Thorning-Schmidt, ehemalige Ministerpräsidentin von Dänemark, trifft 2015 bei einer Sitzung des Europäischen Rates ein. Quelle: European Council / CC BY-NC-ND 2.0

Zuerst möchte man sie am Kragen packen. Die Businessoutfits deutscher Frauen in den Teppichetagen der Republik. Der auf das Revers heruntergeklappte Blusenkragen ist so wenig smart wie die um den Hals drapierten Schürzenbänder der Fünfzigerjahrehausfrauen. Auch quadratischen Blazern und schlauchähnlichen Stoffhosen sollte der Garaus gemacht werden. Zumal, wenn sie aus Polyester sind.

Gibt es eigentlich Kunstfaseranzüge für Männer? Ebenso wenig wie ein weibliches Pendant zum Herrenausstatter, der nach dem Baukastenprinzip von Kopf bis Fuß einkleidet. Im Idealfall ist alles von einer Marke. Frauen müssen sich in der Regel jedes Teil ihrer Garderobe mühsam zusammensuchen.

Mit entspanntem Shoppen hat das meist nichts zu tun: Das jahrhundertealte Spiel in der weiblichen Mode vom Zeigen und Verstecken bestimmt auch die Wahl für die Berufskleidung – was so manchen Einkauf schwieriger gestalten kann als ein Assessment-Center oder eine Präsentation vor dem gesamten Firmenvorstand.

Der Hosenanzug hat ausgedient

Immerhin ist der Hosenanzug für den Aufstieg auf der Karriereleiter nicht mehr die ultimative Arbeitsuniform. Vor allem der Blazer mit Schulterpolstern habe in den letzten Jahren an Bedeutung verloren, sagt Silke Frink, Autorin des Ratgebers "Der feminine Stil – Businessmode für Frauen". Die ausgebildete Stylistin und Visagistin berät unter anderem die ARD in Fragen des Aussehens und Auftretens von Moderatoren.

Nicht nur vor den Fernsehkameras, sondern auch in der Wirtschaft und auf der politischen Bühne zeigten sich Frauen "weicher" und eiferten im Kleidungsstil weniger den Männern nach, als es noch vor zwanzig Jahren der Fall gewesen sei.

"Frauen wollen nicht länger als Kopie des Mannes wahrgenommen werden, sondern sich gerade in einer männlich dominierten Geschäftswelt abheben", sagt Frink und führt als aktuelles Paradebeispiel für den neuen femininen Stil Hillary Clinton an: Das Wahlkampfoutfit der Präsidentschaftskandidatin wird von wollig-weichen Jacketts dominiert. Nach Frinks Überzeugung ist das keiner modischen Vorliebe geschuldet, sondern Psychologie. Damit wirke Clinton wärmer und nahbarer und strahle trotzdem Autorität aus.

Edle Stoffe, Statement-Schals und auch mal Lederjacke statt Blazer: IWF-Direktorin Christine Lagarde (mit François Hollande) pflegt ihren eleganten, lässigen Chefinnenchic. Quelle: Yaon Valat / dpa

Ein femininer Look steht also nicht im Widerspruch zu Führungskompetenz. Gleichwohl gibt es einige Regeln zu beachten. Die oberste lautet Frink zufolge: "Business ist farblos." Kunterbunter Mustermix oder Blümchenkleid sind also tabu, wenn es ums Geschäft geht. Dienstwagenschwarz und Mausgrau wirken dagegen oftmals arg langweilig. Doch gerade in den Warenhäusern schwankt die Auswahl an Bürochic häufig genau zwischen diesen beiden Extremen.

Bieder und gestrig wirken viele Hosenanzüge, Kostüme und "flotte Kombinationen" aus Blusen und Bundfalten. Alternativ dazu gibt es vermeintlich "trendige" Outfits mit Zweiteilern in Glanzoptik und auffallenden Nähten oder gar Applikationen sowie Oberteilen mit "raffinierten" Details wie Spitzen oder Rüschen.

Businesswear ist in der Regel keine eigene Abteilung gewidmet. Vielmehr sind die Übergänge von formeller Kleidung zu sogenannter Anlassmode oftmals fließend. Nur leider eignet sich das Kostüm für die standesamtliche Trauung selten auch gleichzeitig für die nächste große Konferenz. Mode steht immer für Überraschungen. Aber ein Outfit für Meetings oder Geschäftsessen sollte wenig überraschend sein, also nicht ablenken vom zu verhandelnden Sachverhalt.

Polyesterfreie Führungsebene

Businessmode für Frauen ist auch für die Textilbranche eine Herausforderung. Selbst Modeikonen wie die einstige Lagerfeld-Muse Inès de La Fressange oder die ehemalige Chefin der französischen Vogue, Carine Roitfeld, tun sich schwer damit, elegante Outfits zu erschwinglichen Preisen zu kreieren, wie ihre langweilig und billig aussehenden aktuellen Entwürfe für die japanische Modekette Uniqlo beweisen.

Lässiger Chefinnenchic, wie ihn beispielsweise die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, regelmäßig vorführt, lässt sich nicht mit Polyacryl und Polyester zaubern. Eine goldene Stilberaterregel besagt: Je höher die Position ist, desto edler sollte der Kleidungsstoff sein. Das gilt vor allem in Zeiten, da die einst durch die New Economy verbreitete "Casualisierung" des Arbeitsoutfits mehr und mehr wieder einem klassischen Kleidungsstil weicht.

"Mit informeller Kleidung Karriere zu machen ist heute schwieriger als vor zehn Jahren", ist Frink überzeugt. Sie empfiehlt, auf gut miteinander kombinierbare Basics zu setzen und dafür am besten Anfang November einzukaufen, wenn dickere Stoffe und gedämpfte Farben das Angebot dominierten und die Mode insgesamt hochgeschlossener sei.

Businessmode geht auch ohne Hosenanzug: Entwürfe von Coco Lores (links und rechts) und Perret Schaad. Quelle: Hersteller

Ihre Packliste für eine fünftägige Geschäftsreise beinhaltet "drei weiße Blusen, eine dunkle Hose mit guter Passform, eine graue oder dunkle Strickjacke aus feinem Garn und ein Seiden- oder Wollkleid für den Abend." Überhaupt prophezeit sie dem Kleid eine Renaissance. Ein gut sitzendes Modell, in der Länge knieumspielend und beim Dekolleté zurückhaltend, könne seiner Trägerin gleichzeitig Autorität und Individualität verleihen.

Die Modegeschichte gibt Frink recht: Das Kleid stand keineswegs immer nur für die Unterwerfung der Frau unter die Tyrannei der Mode, wie die mittlerweile verstorbene amerikanische Historikerin und Publizistin Anne Hollander in ihrem Mitte der Neunzigerjahre erschienenen Buch "Anzug und Eros" ausgeführt hat: "In der Vergangenheit erinnerten Steifheit, Verengungen und schwierige Verschlüsse (…) Männer und Frauen daran, dass sie hochzivilisierte Wesen waren."

Die Fähigkeit, sich in komplizierten Kleidern graziös zu bewegen, verbindet Hollander mit "Triumph". Die Autorität einer Elisabeth I. oder Katharina de’ Medici sei durch ihre gewichtigen Roben nur noch unterstützt worden.

Von Kerstin Hergt

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