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Technik & Apps Darf's etwas weniger sein?
Sonntag Technik & Apps Darf's etwas weniger sein?
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20:01 23.09.2016
Weniger ist mehr: Das Prinzip der "frugalen Innovationen" stellt einen Gegentrend zum Funktionsüberfluss moderner Geräte dar – und legt den Fokus auf Qualität und Einfachheit. Quelle: Shutterstock

Waschmaschinen haben heute 20 Programme, Radiowecker besitzen Internetanschluss und in modernen Autocockpits macht sich gefühlt so viel Technik breit wie auf der Brücke des Raumschiffs Enterprise. Auf den ersten Blick kann das begeistern. Im Alltag merkt man dann aber schnell, dass man mit den vielen Knöpfen und Funktionen heillos überfordert ist, erst recht, wenn man diverse Schalter miteinander kombinieren muss. Und für die dicke Gebrauchsanweisung, die besseres Verstehen verspricht, hat heutzutage sowieso kein Mensch Zeit.

So wird die Wäsche trotz der unendlichen Möglichkeiten weiterhin mit den gewohnten zwei Programmen gewaschen, oder der Radiowecker wieder entsorgt, weil das verflixte Ding immer wieder mitten in der Nacht losgeht und die Bedienung zu kompliziert ist, den Mitternachtsweckdienst zu verhindern. Doch an derlei Funktionsüberdosen kommt man heutzutage kaum noch vorbei. Sie stecken praktisch in jedem neuen Gerät und schlagen sich noch dazu im Preis nieder. Die Alternative sind Fast-geschenkt-Wecker oder Schleuderpreis-Waschmaschinen vom Discounter, die indes meist schon nach kurzer Zeit den Geist aufgeben.

Seit einiger Zeit zeichnet sich nun allerdings ein Trend ab: frugale Innovationen (FI). Darunter versteht man Produkte, die auf die Grundfunktionen beschränkt sind. Ein Markt mit Zukunft, glaubt Liza Wohlfart vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Sie berät Unternehmen dabei, wie sie solche Produkte entwickeln können.

Weniger Funktionen, weniger teuer

"Das Prinzip frugaler Innovationen ist die Einfachheit", erklärt Wohlfart. "Viele Produkte übersteigen heute an Komplexität und Funktionen das, was die Konsumenten brauchen. Bei frugalen Innovationen geht man den entgegengesetzten Weg. Sie haben weniger Funktionen und bleiben dadurch auch noch erschwinglich."

Die Bezeichnung "frugal" leitet sich vom lateinischen Adjektiv "frugalis" – für "genügsam, Nutzen bringend, nutzbar eingerichtet" – her. Frugale Innovationen sind dabei strikt von Billigware abzugrenzen, bei denen stark an der Qualität der Materialien gespart wird, um die Preise niedrig zu halten. "Im Gegenteil, Qualität ist hierbei ein wichtiges Merkmal", bekräftigt Wohlfart.

Frugale Innovationen richten sich stets an einer bestimmten Zielgruppe aus. Auf Elemente oder Funktionen, die für diese Nutzer unwichtig sind, wird dann von vornherein verzichtet. Wobei allerdings auch einzelne sinnvolle Neuerungen hinzugefügt werden. Heraus kommt dann zum Beispiel ein Handy speziell für ältere Leute: Schwerpunkt Telefonie – ohne Internetzugang, MP3-Player oder Kamera. Dafür mit großen Tasten und besonders guter Sprachqualität. Zusätzlich werden oft neue Vertriebswege geschaffen.

Frugale Innovationen funktionieren nicht immer: Seniorenhandys mit weniger Funktionen und großen Tasten sind ihrer einfachen Bedienung zum Trotz nie zum Verkaufshit avanciert. Quelle: dpa

Als einer der Vorreiter in Sachen FI gilt etwa das Möbelhaus Ikea. Dessen Produkte sind schon seit Ewigkeiten so designt, dass sie die Zielgruppe junger Menschen ansprechen. Die Lieferung fertiger Möbel nach Hause ist für diese Zielgruppe weniger wichtig, niedrige Preise sind es schon. Um die Kosten zu senken, wurde daher der Möbelbausatz erfunden. Ein weiteres typisches Merkmal: Zusatzleistungen. In den Ikea-Kaufhäusern sind es die Kinderbetreuung und familienfreundliche Restaurants mit schwedischen Hackbällchen alias Köttbullar auf der Speisekarte. Damit wird die potenzielle Ikea-Kundschaft angelockt.

Nicht jede FI ist ein Erfolg. So seien die "Altenhandys" gescheitert, erklärt Wohlfart. Weil viele Senioren kein spezielles "Alten-Produkt" wollen, sie fühlen sich sonst abgestempelt. Lieber möchten sie dann doch die Smartphones der unbegrenzten Möglichkeiten haben, die sie von ihren Enkeln her kennen – auch wenn die Bedienung dann erst einmal schwerfällt.

Großer Bedarf in Schwellenländern

Den größten Bedarf an FI gibt es auf den neu entstehenden Märkten in Schwellenländern wie Indien oder China. In deren Gesellschaften findet man eine wachsende Mittelschicht, die Wert auf gute Erzeugnisse legt – aber noch nicht so zahlungskräftig ist wie in reichen Industrienationen. Ein Kassenschlager auf dem indischen Markt ist zum Beispiel ein batteriebetriebener, tragbarer Kühlschrank. Er funktioniert auch unabhängig von der Stromversorgung und nimmt auf kleinem Wohnraum wenig Platz weg. Auf eine Gefrierfunktion wird dafür verzichtet.

Für jede frugale Innovation gilt: Preissenkungen sollten nicht durch radikale Reduzierung erreicht werden, sondern durch genaues Abwägen, was wirklich nötig ist und was nicht. Durch groben Verzicht auf nahezu alle Standards außer Außenspiegeln wurde das für Familien gedachte Spottpreis-Auto Tata Nano des indischen Herstellers Tata Motors für umgerechnet 1440 Euro zum Flop. Der Hersteller des "billigsten Autos der Welt" entschied sich, dann vor allem bei der Sicherheit nachzurüsten – die Nachfolgeversion kostet nun fast 3000 Euro. Auch hier das Problem, dass das Produkt der Zielgruppe ein diskriminierendes Gefühl verleiht: Der Besitz gilt vielen als Armutsbeweis.

Spottpreis-Auto: Der Tata Nano kostet gerade mal rund 3000 Euro. Quelle: Wikipedia / HighContrast CC BY 3.0

Gefragt sei FI in ärmeren wie in reichen Läden im Bereich der Medizintechnik, sagt Wohlfart. Hier gibt es einen Markt für abgespeckte Versionen teurer Diagnostikgeräte, die trotzdem hohen Ansprüchen genügen. Sie können in indischen oder chinesischen Krankenhäusern ebenso zur Anwendung kommen wie in Krankenhäusern reicherer Länder, deren Budget entweder niedrig ist oder die nicht wirklich Bedarf für die anspruchsvolleren Versionen haben.

Siemens stellt in China beispielsweise einen besonders kostengünstigen Magnetresonanztomografen her, eine "Röhre", in der krankhafte Organveränderungen festgestellt werden können. Und dieser Schlicht-MRT wird nun auch in die USA verkauft.

Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen, dass technische Produkte mit überflüssigen Funktionen den Markt überschwemmen? Wohlfart glaubt an ein "hausgemachtes" Problem in den Ingenieursabteilungen der Unternehmen. "Ingenieure sind Tüftler und denken sich gerne immer weitere Funktionen für Geräte aus." Um frugale Innovationen schaffen zu können, brauche es entsprechend einen Sinneswandel seitens der Entwickler. Schließlich könne es doch auch eine Herausforderung sein, Produkte zu entwickeln, die weniger können – aber das gut. Gar nicht so einfach mit der Einfachheit. Immerhin: Der Anfang ist gemacht.

Von Irene Habich

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