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Top-Thema Jemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen
Sonntag Top-Thema Jemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen
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16:43 18.02.2017
An der Atlantikküste können Badende auf beiden Seiten der Grenze sogar Blickkontakt miteinander halten. Der Zaun soll nun durch ein massives Bollwerk ersetzt werden. Quelle: iStock
Washington

Die Angst ist ein ständiger Begleiter. „Sie verfolgt mich durch den Tag, sie lässt mich auch in der Nacht nicht los. Ein falsches Geräusch, ein falscher Blick, ein forderndes Klopfen an der Wohnungstür – und schon jagt die immergleiche Frage durch meinen Kopf: Werde ich abgeholt? Deportiert? Aus dem Land geworfen, in dem ich seit meiner frühen Jugend lebe? Wo ich zu Hause bin?“

Gerson lebt nicht in einer Diktatur. Gerson lebt in den Vereinigten Staaten von Amerika, im Land der Freiheit. In einem Land, das verspricht, dass jeder seines Glückes Schmied sein darf. Gersons Amerika hat aber auch eine andere Seite: eine dunkle, unberechenbare, gefährliche. Denn Gerson hat kein Recht, hier zu sein. Jedenfalls juristisch gesehen. Und das ist alles, was für den Staat zählt. Deshalb will dieser Staat Gerson loswerden.

Gerson ist vor elf Jahren illegal in die USA eingewandert. Im wörtlichen Sinne: Seine Mutter, zermürbt von der Armut und der Gewalt in ihrer Heimat El Salvador, hat ihren Jungen gepackt und ist mit ihm losgelaufen. Es wird der gleiche Weg gewesen sein, den noch heute Tausende nehmen: über die grüne Grenze nach Guatemala, quer durchs Land bis an die mexikanische Grenze, mit dem Schleuserboot über den Fluss Río Usumacinta, und weiter zu Fuß, manchmal mit dem Bus, manchmal ein Stück mit der Eisenbahn, quer durch Mexiko Richtung Norden. Und schließlich, in einem günstigen Moment, nach fast 2000 Kilometern, an einer wenig gesicherten Lücke im Grenzzaun hinein in die USA.

Seit jenem Tag lebt Gerson ohne gültige Papiere in den Vereinigten Staaten. Die Hälfte seines gerade erst 22-jährigen Lebens. Für die einen ist er schlicht ein Illegaler, ein Gesetzesbrecher. Andere bezeichnen Menschen wie ihn freundlich als Neuankömmlinge oder Zugereiste. Gerson, seine Mutter und sein Stiefvater verlassen sich lieber nicht auf die Freundlichen. Denn für die Regierung unter dem neuen Präsidenten Donald J. Trump sind sie der Grund, warum zwischen Mexiko und den USA eine rund 3200 Kilometer lange Mauer hochgezogen werden soll. Und Millionen Menschen deportiert werden sollen.

Mit einer massiven Mauer würde auch der Weg abgeschnitten für Hunderttausende Flüchtlinge wie den Salvadorianer Gerson. Der 22-jährige lebt seit elf Jahren in den USA und studiert dort – aber er ist ein illegaler Einwanderer, dem täglich die Deportation droht. Quelle: Stefan Koch

Dicke Vorhänge verdecken die Fenster der kleinen Wohnung auch am Tag. Vor dem Fenster im hintersten Raum steht stets ein kleiner Hocker, damit die Flucht nach hinten heraus schnell gelingt, falls vorn die Polizei hereinstürmt. In der Kellerw

panisch gesprochen. Draußen, auf der Straße und an der Universität, pendelt der Student zwischen Spanisch und Englisch hin und her, je nachdem, wer ihm gerade gegenübersteht. Er fühle sich wohl in Washington, sagt Gerson. Da ist der große Freundeskreis, das Studium der Computerwissenschaft an der städtischen Universität, ein fast normaler Alltag für einen 22-Jährigen.

Er will nicht klagen. In Amerika lebe es sich allemal besser als in der alten Heimat: „Ich habe nur meine Kindheit in El Salvador verbracht. Aber ich weiß von meinen Verwandten, dass es dort bis heute nicht besser geworden ist.“ Das kleinste Land Zentralamerikas hat nicht nur die höchste Bevölkerungsdichte, sondern auch die höchste Mordquote weltweit. Banden- und Drogenkriminalität halten die Menschen gefangen. Ein Zurück gibt es nicht. Das steht für Gerson fest.

Im Vergleich zur Situation daheim sei das Leben in Washington fast ein Kinderspiel, trotz der allgegenwärtigen Unsicherheit: „Es ist schon eine verrückte Zeit, in der wir jetzt leben.“ Ganz offen und freimütig berichtet er von dem Katz-und-Maus-Spiel, das sich viele Menschen aus Mittelamerika mit den US-Behörden liefern. Als hätte es etwas Spaßiges, beschreibt er anekdotenreich die irrwitzigen Regulierungen, die es möglich machen, dass illegale Immigranten ganz regulär Steuern zahlen und Immobilien kaufen können – aber keine offizielle Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Nur die unruhigen Augen, die ständig durch den Raum wandern, die Finger, die unablässig auf der Stuhllehne trommeln, deuten auf die Nervosität des jungen Mannes hin.

Nach zehn Jahren im Herzen des Kapitalismus lebt die Familie eine sehr bescheidene Art des amerikanischen Traums: Die drei Erwachsenen wohnen in zwei gemieteten Kellerräumen, die nur notdürftig zur Wohnung umfunktioniert wurden. Im Wohnzimmer, das eigentlich nur der Durchgang zum hinteren Zimmer ist, ist Gersons Schlafplatz. Ein Sofa, ein Sessel, ein extrabreiter Flachbildschirm, an der Decke baumelt eine einzelne nackte Glühbirne. In den Ecken blättert der Putz. Der muffige Geruch verrät, dass es in den Wänden an einigen Stellen schimmelt, wie in so vielen Kellern Washingtons. Ein Auto besitzt die Familie nicht, dafür aber die neuesten Versionen der Apple-Smartphones: „Was brauche ich schon ein eigenes Zimmer oder Büro, ich habe doch mein iphone, damit kann ich immer und überall arbeiten.“

Tatsächlich ist Gerson überaus aktiv: Neben seinem Studium, das er sich mit unterschiedlichsten Aushilfsjobs selbst finanziert, berät er regelmäßig junge Leute aus Mittelamerika, die sich ebenfalls ohne Papiere in der US-Hauptstadt durchschlagen. Es gehört zu den Seltsamkeiten des amerikanischen Rechtssystems, dass die sogenannten Illegalen an diversen Universitäten des Landes studieren und sich sogar um Stipendien bewerben können. „Einfach zu verstehen ist es nicht, dass wir einerseits illegal sind und andererseits eng in das staatliche System eingebunden werden.“

Vieles ist für sie möglich in diesem großen Land. Manches aber absolut nicht, wie zum Beispiel reisen. Sollte Gerson die USA jemals verlassen, käme er nicht wieder herein –

Ein Touristenvisum würden ihm die Behörden nicht mehr ausstellen, dafür ist sein Dasein zu gut dokumentiert.

Zu schwach für Trump: Der Zaun, der schon jetzt streckenweise die USA und Mexiko trennt, lässt sich an vielen Stellen mit Leitern überwinden. Quelle: AP

Für die Politik und die Gesellschaft ist die Dauerhaftigkeit der millionenfachen Leben in der rechtlichen Grauzone nur schwer erträglich. Generationen von Präsidentschaftsbewerbern haben sich Einwanderungsreformen, Amnestien, Immigrantenprogramme auf die Fahnen geschrieben. Allerdings: Es wird nur selten etwas daraus. Da sich der Kongress und das Weiße Haus auch in den vergangenen acht Jahren nicht auf eine Einwanderungsreform einigen konnten, gelten jetzt Verordnungen, die vom damaligen Präsidenten Barack Obama unterzeichnet wurden. Ihr Bestand liegt allein im Ermessen seines Nachfolgers Donald Trump. Mit einem Federstrich kann er sie wieder rückgängig machen.

Zum Beispiel diese: Kinder von Migranten, die vor ihrem 16. Lebensjahr in die USA einreisten, dürfen nicht abgeschoben werden. „Sanctuary Cities“ dürfen ohne Einmischung des Bundes einen gewissen Schutz bieten: Washington D.C., San Francisco, Boston und 36 weitere Großstädte gewähren Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Zugang zu Schulen und Hochschulen. Eine Situation, die Trump möglichst bald ändern will: Vor wenigen Tagen kündigte er an, allen Kommunen die Bundesmittel zu entziehen, die Illegalen weiterhin Schutz gewähren. Eine Drohung, die Gerson und seine Freunde aufschreckt: „Das macht doch alles keinen Sinn. Wir verdienen Geld, zahlen Steuern und liegen dem Staat nicht auf der Tasche.“

Die Zuwanderer aus Mittelamerika stellen ein riesiges Arbeitsheer, das mehrheitlich auf der unteren Lohnskala unterwegs ist. Spanisch sprechende Arbeiter bilden längst das Rückgrat der amerikanischen Landwirtschaft und der Bauindustrie. Volkswirtschaftler gehen davon aus, dass der Zustrom pro Jahr ein Wirtschaftswachstum von knapp 2 Prozent generiert.

Tatsächlich dreht sich der Streit um die Illegalen nicht in erster Linie ums Finanzielle. Es geht um das weiße, englischsprachige Amerika, das sich kulturell bedroht fühlt. Die Illegalen, sagte Trump schon zum Auftakt seines Wahlkampfes im Juni 2015, würden Amerika gefährden: „Sie bringen uns Drogen. Sie bringen uns Kriminalität. Es sind Vergewaltiger.“ Ein wenig wegwerfend fügte er noch an: „Und einige von ihnen sind wahrscheinlich in Ordnung.“ Um den Zustrom aus Mittelamerika zu stoppen, müsse dringend eine Mauer an der Grenze zu Mexiko gebaut werden. „Build that wall“ wurde zum Schlachtruf.

Niemand aber, weder die Trump-Anhänger noch die Trump-Kritiker, will sich mehr daran erinnern, dass schon lange vor Trump die Politik gegen illegale Einwanderer schärfere Züge angenommen hat. Die Einreise ist heute ungleich schwieriger als noch in den Neunzigerjahren. Und wer den Sprung über die Grenze geschafft hat, ist keineswegs sicher: Es war der Demokrat Barack Obama, der in seiner Amtszeit eine Rekordzahl von 2,5 Millionen Menschen abschob – mehr als je ein Präsident zuvor. Dass er im Gegenzug Kinder und Jugendliche schützen ließ, halten republikanische Kreise bis heute gegen ihn. Im Schlachtenlärm des trumpschen Wahlkampfes ging auch unter, dass ausgerechnet Obama mehrere Grenzabschnitte zu Mexiko verstärken ließ. Die Mauer, von der Trump so gern spricht, ist auf einer Strecke von 1100 Kilometern bereits zu besichtigen – zumeist in Form eines haushohen Metallzauns.

Doch inzwischen stellt sich die Frage der Sinnhaftigkeit eines Ausbaus. Zu den Skeptikern zählt Maria Cordero. Die gebürtige Mexikanerin kam selbst vor Jahren durch das Rio-Grande-Tal in die USA und betreut heute Leidensgenossen: „Diese Menschen sind keine Verbrecher. Sie wollen nichts geschenkt haben, sondern suchen eine Möglichkeit, auf eigenen Füßen zu stehen und in Freiheit zu leben.“

Als Aktivistin der Bürgerrechtsorganisation ACLU steht Cordero in Kontakt mit mehreren Kongressabgeordneten: „Wir müssen wieder zurückfinden zu einer sachlichen Debatte.“ Mit spöttischem Unterton setzt sie nach: „Und zu mehr Sachlichkeit könnte die Anerkennung der Wirklichkeit verhelfen.“

So reist knapp die Hälfte der illegalen Zuwanderer nach Schätzungen der Einwanderungsbehörden mit einem gültigen Touristen- oder Arbeitsvisum ein – und bleibt nach Ablauf der Frist einfach im Land. Es ist relativ einfach, sich eine gefälschte Sozialversicherungsnummer zu organisieren, um Steuern zu zahlen und eine minimale Krankenversicherung zu erhalten. Vor allem aber gilt für Cordero: „Hier in Amerika arbeitet fast jeder Neueinwanderer. Es wäre eine ganz andere Debatte, wenn die Illegalen auf Kosten der Sozialsysteme leben würden.“

Aber während es früher immer mal wieder Phasen gab, in denen sich gesetzestreue und steuerzahlende „Illegale“ einbürgern lassen konnten, habe sich die Stimmung seit den Anschlägen vom 11. September 2001 gedreht: „Sämtliche Versuche, diesen Menschen eine Brücke zu bauen, sind im Kongress gescheitert“, sagt Cordero. Dabei könne noch nicht einmal davon die Rede sein, dass sich das Problem verschärfen würde.

Cordero bestreitet nicht, dass die Gruppe der „illegal aliens“ mit geschätzt 11,5 Millionen Menschen sehr hoch ist. Aber: Es ist eine Million weniger als im Jahr des Höchststandes 2007. Und ja: Die Hälfte der Zuwanderer sind Mexikaner, weitere 12 Prozent stammen aus El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaraguy. Aber: Ihr Anteil geht seit Jahren zurück, während der der Asiaten stetig steigt.

Nach einer Analyse der Forschungsgruppe „Pew Research“ verließen in den Jahren von 2009 bis 2014 mehr Mexikaner die USA, als eingewandert sind, etwa 140 000. Da der Arbeitsmarkt in Mexiko enorm angezogen hat, ist der Auswanderungsdruck gesunken. Warum, um alles in der Welt, sollte Mexiko da direkt oder indirekt über Strafzölle mindestens 15 Milliarden Dollar für eine Grenzmauer bezahlen, wie Präsident Trump es immer noch hartnäckig fordert?

Über die Faktenlage kann auch Gerson nur den Kopf schütteln. Anstatt voreilig Alarm zu schlagen, sollte sich Donald Trump besser mit Wirtschaftsexperten beraten, sagt der Student. Immerhin ist etwa jeder zwanzigste Arbeitnehmer in den USA ein illegaler Einwanderer – eine Größe, mit der zu rechnen ist. Kürzlich berichtete das „Wall Street Journal“, dass das Bruttoinlandsprodukt beispielsweise in Arizona zwischen 2008 und 2015 um 2 Prozent zurückgegangen ist, weil Hunderttausende illegal Eingewanderter in dieser Zeit abgeschoben wurden.

Damals allerdings richtete sich die Abschiebung fast ausschließlich gegen Menschen, die straffällig geworden waren. Eine neue Qualität sehen Menschenrechtler in den massenhaften Razzien, die die nationale Einwanderungspolizei ICE am vergangenen Wochenende in zehn Bundesstaaten durchgezogen hat: Jetzt droht auch Menschen, die bislang nicht aufgefallen sind, die Abschiebung. Entsprechend heftig fielen die Proteste von deren Arbeitgebern aus.

Aber was hilft’s? Sollte die neue US-Regierung tatsächlich Ernst machen mit ihrer Politik der Massendeportationen, wollen sich Gerson und seine Eltern schnell eine andere Bleibe suchen: „Die Studentenverwaltung kennt alle meine Daten. Meine Adresse, meine Sozialversicherungsnummer. Wir müssen abtauchen, bevor es schiefgeht.“

Die Nächte der Angst, das Horchen an der Tür, die schweren Vorhänge an den Fenstern werden auch das Leben in ihrem neuen Zuhause prägen.

Von Stefan Koch

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