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Top-Thema Richtung Hölle durch mehr Zölle
Sonntag Top-Thema Richtung Hölle durch mehr Zölle
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13:02 18.02.2017
Ende der rauschenden Zeit: Willis Hawley und Reed Smoot (Mitte) wollten den USA in den Dreißigerjahren durch höhere Zölle wirtschaftlich aufhelfen. Doch sie provozierten die Weltwirtschaftskrise – und begünstigten damit indirekt das Erstarken des Nationalsozialismus: Quelle: Getty | Collage RND
Hannover

Willis Hawley hatte gute Absichten. Er wollte als Mitglied des Repräsentantenhauses nur das Beste erreichen für Amerika und die Amerikaner. Hawley war Republikaner, ein bodenständiger, aber engagierter Mann. In Drain im Staate Oregon, einem Ort mit heute 1000 Einwohnern, leitete er die Grundschule. Als er 1907 erstmals in den Kongress im fernen Washington gewählt wurde, schloss er sich der Kommission zum Schutz der Wälder an; er wurde auch Mitglied eines Komitees zur finanziellen Förderung entlegener ländlicher Gebiete.

Auch Reed Smoot meinte es gut. Er kam aus dem 100 000-Einwohner-Städtchen Provo in Utah. Als Smoot im Jahr 1903 zum ersten Mal in den US-Senat einzog, rümpften die Kollegen im Hohen Haus über ihn die Nase: Smoot gehörte zu den Mormonen, für die damals die Polygamie noch eine große Rolle spielte; sein Vater soll insgesamt 27 Kinder von sechs verschiedenen Frauen gehabt haben. Smoot trat 1916 im Senat hervor als Förderer der Idee, Nationalparks zu errichten und sie unter die Kontrolle und den Schutz des Bundes zu stellen.

Im Jahr 1930 kam es dann zu einer unheilvollen Verbindung. Der langjährige Senator Smoot und der langjährige Kongressabgeordnete Hawley wandten sich einem ganz großen Ding zu, einer Sache von weltpolitischem Format: Smoot und Hawley machten Handelspolitik.

Die beiden argumentierten wie heute Donald Trump: Es müsse etwas geschehen. Die Politik könne nicht tatenlos zusehen, wie billige Importe den amerikanischen Farmen und den amerikanischen Fabriken das Leben schwer machen. Und so wurde eine neue Devise ausgegeben, die quer stand zum bis dahin stetig gewachsenen Freihandel. Mehr Wohlstand durch mehr Abschottung.

Smoot fing beim Zucker an. In seiner Heimat Utah wuchsen viele Rüben. Warum nicht einen ordentlichen Zoll draufschlagen? Das hält die lästige ausländische Konkurrenz fern.

Andere Senatoren witzelten anfangs über „Zucker-Smoot“. Doch dann prüften sie, was für sie und ihren eigenen Heimatstaat drinliegt, wenn sie mitmachen beim großen Smoot-Hawley-Gesetz.

Ein hoher Zoll auf Rindfleisch? Warum nicht? Dann aber bitte auch auf Streichhölzer. Es soll ja gerecht zugehen und ausgewogen. Für Schuhe wurden am Ende 20 Prozent draufgeschlagen. Bei Verabschiedung im Kongress umfasste die Liste der Güter im „Smoot-Hawley Tariff Act“ mehr als 20 000 Positionen. Stolz legten Smoot und Hawley ihr Gesetz dem damaligen Präsidenten Herbert Hoover vor, der es nun durch seine Unterschrift in Kraft setzen sollte.

Für kurze Zeit wurde es noch mal spannend. Der Präsident der USA hat ein Vetorecht. Würde er es nutzen? Hoover hatte viele Gegenstimmen gehört. Zahllose Wirtschaftswissenschaftler hatten sich schriftlich an den Präsidenten gewandt und vor Handelskriegen gewarnt. Einflussreiche Lobbyisten aus dem ganzen Land sahen Auslandsgeschäfte in Gefahr. Der Banker Thomas Lamont, Chef bei J.P. Morgan in New York, berichtete, er sei im Weißen Haus „fast auf den Knien gerutscht“, um bei Hoover ein Veto zu erreichen. Der Auto-Industrielle Henry Ford verlangte, Hoover müsse unbedingt am Freihandel festhalten – was Smoot und Hawley sich ausgedacht hätten, sei „eine einzige ökonomische Dämlichkeit“.

Hoover jedoch unterschrieb. Wo bei Smoot-Hawley langfristig die Gefahr liegen könnte, war ihm nicht ganz klar. Sehr präzise nahm er indessen die damalige populistische Welle wahr. Kritik an Smoot-Hawley, hieß es bei den Republikanern, komme doch nur von internationalistischen Spinnern.

„Wer sich gegen unser Gesetz stellt“, verkündete der stolze, inzwischen berühmt gewordene Senator Smoot unter breitem Applaus, „verrät amerikanische Interessen.“

Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Die USA erhöhten ihre Zölle, andere Staaten konterten ebenfalls mit höheren Zöllen – und der internationale Handel brach unterm Strich ein wie noch nie.

Allerorten wuchs der Nationalismus. Die Stimmung wurde immer feindseliger, sogar zwischen befreundeten Nachbarstaaten wie den USA und Kanada. Frankreich und Großbritannien protestierten in Washington und drohten, man werde sich neue Handelspartner suchen. In Deutschland und Japan sahen sich Nationalisten beflügelt bei ihrer Suche nach Autarkie und Lebensräumen.

Man kann den Senator Reed Smoot und den Kongressabgeordneten Willis Hawley nicht für alle Übel dieser Welt verantwortlich machen. Nicht für faschistische Theorien, die böse Menschen anderswo ausbrüteten. Nicht für die Börsenabstürze und Finanzkrisen, die es ja auch noch gab. Smoot und Hawley wollten ja nur etwas tun für die einfachen, hart arbeitenden Amerikaner, für die Abgehängten. Für jene, die Trump heute „die vergessenen Männer und Frauen in diesem Land“ nennt.

Smoot und Hawley hatten die Schläge und Gegenschläge eines globalen Handelskrieges einfach nicht auf dem Zettel. Sie hatten auch nicht vorausberechnet, dass die damals ohnehin kranke Weltwirtschaft Handelshemmnisse genauso gut gebrauchen konnte, wie ein frisch Operierter Salz in seiner Wunde braucht. Und sie ahnten nicht, dass in einem von hoher Arbeitslosigkeit geplagten Deutschland aus dem Nationalismus der Nationalsozialismus werden würde.

Im Jahr 1932 war mittlerweile jeder dritte Arbeitsfähige in Deutschland arbeitslos. Die Nazis klebten Plakate, die hohläugige Menschen in Massenansammlungen zeigten – Aufschrift: „Unsere letzte Hoffnung: Hitler“. Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 wurde die NSDAP erstmals stärkste Kraft.

Jahrzehntelang gehörte die düstere Geschichte von Smoot-Hawley zur Allgemeinbildung in den USA. Schüler lernten an der Highschool, wie eine vermeintliche Politik der Stärke die eigene Nation schwächte. In den Achtzigern verwies Ronald Reagan auf Smoot-Hawley, als in seiner republikanischen Partei ein protektionistisches Rumoren anhob. In den Neunzigern sammelte Al Gore in einer Fernsehdebatte Punkte, als er ein eingerahmtes Schwarz-Weiß-Foto von Smoot und Hawley hochhielt, verbunden mit dem Hinweis, dass diese beiden die Wirtschaftspolitik neu erfinden wollten und dabei nur Schaden anrichteten.

Ist heute diese historische Lektion vergessen? Im Weißen Haus jedenfalls sitzt jetzt der am stärksten protektionistische Präsident seit Herbert Hoover.

Ein hoher Zoll auf Rindfleisch? Warum nicht? Dann aber bitte auch auf Streichhölzer. Es soll ja gerecht zugehen und ausgewogen. Für Schuhe wurden am Ende 20 Prozent draufgeschlagen. Bei Verabschiedung im Kongress umfasste die Liste der Güter im „Smoot-Hawley Tariff Act“ mehr als 20 000 Positionen. Stolz legten Smoot und Hawley ihr Gesetz dem damaligen Präsidenten Herbert Hoover vor, der es nun durch seine Unterschrift in Kraft setzen sollte.

Für kurze Zeit wurde es noch mal spannend. Der Präsident der USA hat ein Vetorecht. Würde er es nutzen? Hoover hatte viele Gegenstimmen gehört. Zahllose Wirtschaftswissenschaftler hatten sich schriftlich an den Präsidenten gewandt und vor Handelskriegen gewarnt. Einflussreiche Lobbyisten aus dem ganzen Land sahen Auslandsgeschäfte in Gefahr. Der Banker Thomas Lamont, Chef bei J.P. Morgan in New York, berichtete, er sei im Weißen Haus „fast auf den Knien gerutscht“, um bei Hoover ein Veto zu erreichen. Der Auto-Industrielle Henry Ford verlangte, Hoover müsse unbedingt am Freihandel festhalten – was Smoot und Hawley sich ausgedacht hätten, sei „eine einzige ökonomische Dämlichkeit“.

Hoover jedoch unterschrieb. Wo bei Smoot-Hawley langfristig die Gefahr liegen könnte, war ihm nicht ganz klar. Sehr präzise nahm er indessen die damalige populistische Welle wahr. Kritik an Smoot-Hawley, hieß es bei den Republikanern, komme doch nur von internationalistischen Spinnern.

„Wer sich gegen unser Gesetz stellt“, verkündete der stolze, inzwischen berühmt gewordene Senator Smoot unter breitem Applaus, „verrät amerikanische Interessen.“

Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Die USA erhöhten ihre Zölle, andere Staaten konterten ebenfalls mit höheren Zöllen – und der internationale Handel brach unterm Strich ein wie noch nie.

Allerorten wuchs der Nationalismus. Die Stimmung wurde immer feindseliger, sogar zwischen befreundeten Nachbarstaaten wie den USA und Kanada. Frankreich und Großbritannien protestierten in Washington und drohten, man werde sich neue Handelspartner suchen. In Deutschland und Japan sahen sich Nationalisten beflügelt bei ihrer Suche nach Autarkie und Lebensräumen.

Man kann den Senator Reed Smoot und den Kongressabgeordneten Willis Hawley nicht für alle Übel dieser Welt verantwortlich machen. Nicht für faschistische Theorien, die böse Menschen anderswo ausbrüteten. Nicht für die Börsenabstürze und Finanzkrisen, die es ja auch noch gab. Smoot und Hawley wollten ja nur etwas tun für die einfachen, hart arbeitenden Amerikaner, für die Abgehängten. Für jene, die Trump heute „die vergessenen Männer und Frauen in diesem Land“ nennt.

Smoot und Hawley hatten die Schläge und Gegenschläge eines globalen Handelskrieges einfach nicht auf dem Zettel. Sie hatten auch nicht vorausberechnet, dass die damals ohnehin kranke Weltwirtschaft Handelshemmnisse genauso gut gebrauchen konnte, wie ein frisch Operierter Salz in seiner Wunde braucht. Und sie ahnten nicht, dass in einem von hoher Arbeitslosigkeit geplagten Deutschland aus dem Nationalismus der Nationalsozialismus werden würde.

Im Jahr 1932 war mittlerweile jeder dritte Arbeitsfähige in Deutschland arbeitslos. Die Nazis klebten Plakate, die hohläugige Menschen in Massenansammlungen zeigten – Aufschrift: „Unsere letzte Hoffnung: Hitler“. Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 wurde die NSDAP erstmals stärkste Kraft.

Jahrzehntelang gehörte die düstere Geschichte von Smoot-Hawley zur Allgemeinbildung in den USA. Schüler lernten an der Highschool, wie eine vermeintliche Politik der Stärke die eigene Nation schwächte. In den Achtzigern verwies Ronald Reagan auf Smoot-Hawley, als in seiner republikanischen Partei ein protektionistisches Rumoren anhob. In den Neunzigern sammelte Al Gore in einer Fernsehdebatte Punkte, als er ein eingerahmtes Schwarz-Weiß-Foto von Smoot und Hawley hochhielt, verbunden mit dem Hinweis, dass diese beiden die Wirtschaftspolitik neu erfinden wollten und dabei nur Schaden anrichteten.

Ist heute diese historische Lektion vergessen? Im Weißen Haus jedenfalls sitzt jetzt der am stärksten protektionistische Präsident seit Herbert Hoover.

Von Matthias Koch

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