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News Deutschland einig Horrorland: Henrike Naumann hat den LVZ-Kunstpreis erhalten
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09:59 13.12.2019
LVZ-Kunstpreisträgerin Henrike Naumann in ihrer Installation „2000“ im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Rechts ein Porträt von Birgit Breuel von der Leipziger Malerin Susanne Rische. Quelle: André Kempner
Leipzig

„Wir stehen hier jetzt in Süddeutschland“, sagt Henrike Naumann am Donnerstag bei der Pressekonferenz. Die Auslegeware, die fast den gesamten Boden der Zündkerzenhalle im Museum der bildenden Künste bedeckt, besteht aus zwei Teilen. Von oben betrachtet – die Museumsarchitektur macht es möglich – wird es deutlicher: Die Künstlerin hat ihre mit Möbeln, Video und Ton arbeitende Installation „2000“ auf Deutschland gestellt. Der Ostteil ist allerdings abgerückt. Schon im großen Ganzen wird deutlich: Es ist nicht alles gut im Land. Und wer sich weiter einlässt auf diesen Parcours, der den Besucher mit dem harmlos-hässlichen Charme eines Möbelhauses empfängt, um dann nach und nach seine Abgründe zu offenbaren, ahnt: Es gärt und schwelt im Land. Es kommt aus der Mitte, und es sind auch die Geister der Vergangenheit, die hier fortwirken.

Sehen Sie hier Impressionen der Preisverleihung an Henrike Naumann am 12. Dezember im MdbK Leipzig

Am Donnerstag hat die in Zwickau geborene und in Berlin lebende Künstlerin den 13. Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung erhalten. Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung, die mit einer Ausstellung und der Produktion eines Kataloges verbunden ist, wird seit 1995 alle zwei Jahre vergeben.

Von der Treuhand zur Expo und zurück

Wohl noch nie hat eine Preisträgerausstellung so viel Zeit und Geschichte in sich getragen. Die Schau vereinigt verschiedene Arbeiten der vergangenen Jahre – Naumann spricht von einer „viel zu frühen Mini-Retrospektive“. In der Mitte befindet sich die titelgebende Arbeit, die sich mit der Expo 2000 in Hannover und der Treuhand beschäftigt. Die Verbindung liegt für Naumann in der Figur von Birgit Breuel, 1991 bis 1995 Präsidentin der Treuhandanstalt, anschließend Generalkommissarin der Weltausstellung. Einen der Entwürfe für den Deutschen Pavillon, zwei ineinander montierte Deutschland-Teile, greift sie mit dem Teppichmotiv auf.

Birgit Breuel in Öl

Die Treuhand habe so schnell und alternativlos gearbeitet, sprich abgewickelt, dass es kaum Bilder gebe, die sich im Gedächtnis festgesetzt hätten, meint die 35-Jährige. Die Expo habe demgegenüber eine Unmenge an Objekten, Figuren, Bildern produziert. Diese Konstellation habe sie gereizt. In einer Videoarbeit schneidet sie Interviews mit Breuel und mit Arbeitern gegeneinander, deren Werk gerade geschlossen wurde. Ein Porträt der Politikerin, das Original war ein Geschenk der Vereinigten Arabischen Emirate an den Deutschen Pavillon, hat die Leipziger Malerin Susanne Rische nachempfunden. Ihr Bild zeigt Breuel vor dem von der Treuhand abgewickelten Bergwerk in Bischofferode. In der Nähe klemmt „Twipsy“, das hässliche Expo-Maskottchen.

Noch Fragen? Ganz bestimmt. Der Blick fällt auf den „Traueraltar Deutsche Einheit“, eine Schrankwand aus den 90ern, mit fiesen Seitenhieben auf den Konsumrausch nach der Wiedervereinigung und zwei Trauerkränzen in blauweißem Milkaplüsch.

Naumann, die Bühnenbild und Szenografie studiert hat, arbeitet mit Möbeln, die sich viele nach ’89 in die Wohnung holten, weil die sie schwarzen Schrankwände und postmoderne Kopien der Kopien für angesagt hielten. Naumann, die ihre eigene Arbeit vor allem als dokumentarisch begreift, konfrontiere den Betrachter wie eine „zeitgeschichtliche Archäologin“ mit seiner eigenen Vergangenheit, sagt die stellvertretende Museumsdirektorin Jeannette Stoschek.

Möbel, Kitsch, Radikalisierung

Aus diesen gesichts- und geschichtslosen Möbelkabinetten mit Drahtfiguren, Ethnokitsch und Plüschhorror lässt Naumann Radikalisierungen wachsen. Die Videoinstallation „Das Reich“ wirft einen Blick auf die Reichsbürgerszene. „Triangular Stories“ stellt auf zwei Bildschirmen den Hedonismus dreier junger Ibiza-Touristen gegen ein Video, das nachgespielte Szenen aus dem Leben des NSU-Trios zeigt. Das Grauen, es ist gar nicht so weit von dem, was wir als normal bezeichnen. Manchmal auch räumlich. Als Beate Zschäpe im November 2011 die Wohnung des NSU-Trios in der Zwickauer Frühlingsstraße anzündete, befand sich Henrike Naumann bei ihrer Großmutter, einen Kilometer entfernt. Das sei ein Schlüsselerlebnis für ihre Arbeit gewesen, sagt sie. Nur zu hören sind die Hassbotschaften des 2018 gestorbenen Gangstarappers Deso Dogg aus Kreuzberg, der ab 2012 in Syrien für den IS in den Krieg zog. Deutschland einig Horrorland.

Arbeiten von acht weiteren LVZ-Kunstpreisträgern zu sehen

Neben Naumanns Ausstellung werden im Foyer die Arbeiten von acht früheren LVZ-Kunstpreisträgern gezeigt. Zu sehen sind unter anderem Werke von Matthias Weischer (Preisträger 2005) und Via Lewandowsky (1995). In flüchtiger Schreibschrift leuchtet da von ihm der Satz „Wieder eine Stunde rum.“ Mindestens so viel Zeit sollte man sich für Henrike Naumanns verstörendes Deutschlandbild nehmen.

Henrike Naumann: 2000; bis 15. März im Museum der bildenden Künste (Katharinenstraße 10); Di, Do–So 10–18, Mi 12–20 Uhr;

Von Jürgen Kleindienst

Am Donnerstag erhält Henrike Naumann den 13. Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung und zeigt ihre Installation „2000“ im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Die Besucher müssen sich auf einiges gefasst machen.

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Am 12. Dezember erhält Henrike Naumann den Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung im Museum der bildenden Künste. Die seit 1995 alle zwei Jahre ausgelobte Auszeichnung wird in diesem Jahr zum 13. Mal vergeben. Sie ist längst eine Institution, die mit ihren Preisträgern wächst.

03.12.2019

Flankierend zur Preisträgerschau mit Arbeiten von Henrike Naumann werden im Foyer des MdbK Arbeiten von früheren LVZ-Kunstpreisträgern gezeigt, die diese für eine Sonderausgabe zum 125-jährigen Bestehen der Leipziger Volkszeitung schufen.

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