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News Möbel als Metaphern: Henrike Naumann zeigt ihre Kunst in Hannover
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19:43 18.07.2019
Henrike Naumann in ihrer Ausstellung "2000 - Mensch. Natur. Twipsy." im Kunstverein Hannover. Im Dezember erhält sie den LVZ-Kunstpreis. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover/Leipzig

Das Archiv des ehrenamtlich betriebenen kleinen hannoverschen Museums Exposeeum enthält neben einer Vielzahl an Markting- und Ausstellungsrelikten der Expo 2000 auch etwa 3000 Videokassetten mit Bildmaterial, das deren Presse- und Dokumentationsabteilung für die Nachwelt erstellte. Gesichtet haben es die Archivare jedoch nie: Sie verfügen über keine geeigneten Abspielgeräte. Der Kunstverein Hannover hat diese nun für seine Ausstellung „2000. Mensch. Natur. Twipsy“ der in Berlin lebenden Henrike Naumann angeschafft und so ein Stück Vergangenheit lesbar gemacht.

An Sichtungsstationen stehen viele Stunden ausgewählter Videos zur Verfügung, Stoff für Erinnerungen an ein Großereignis vor fast 20 Jahren, das nach vorangegangenen gesellschaftlichen Umbrüchen die ganz großen Visionen für die Menschheit versprach. Naumann hat unter anderem eine Ausstellung über Hannover und die Expo zusammengetragen. Vor allem zeigt sie jedoch ihre Auseinandersetzung mit den Neunzigern. Nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 begann eine Zeit der Veränderungen und des forcierten Blicks nach vorn. Doch wie aufrichtig wurden diese betrieben? Wo kam der Drang nach Gewinn den behaupteten Ansprüchen in die Quere?

Recherche zur Treuhandanstalt

Naumann, die im Dezember den 13. Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung erhalten wird, recherchierte zur Treuhandanstalt und stieß dabei auf deren ehemalige Präsidentin, die CDU-Politikerin Birgit Breuel. Naumann fand eine Überfülle visuellen Materials zu Breuels nächster Aufgabe – nach vier Jahren Treuhand wurde diese im Jahr 1995 Generalkommissarin der Expo 2000 in Hannover. Sie hatte die Bewerbung um die Weltausstellung in den Achtzigern als niedersächsische Ministerin mitkonzipiert – als diese 1988 erfolgte, war Deutschland noch geteilt. Die Expo 2000 war der erste gesamtdeutsche Blick auf „Mensch, Natur und Technik“ in einer solchen Dimension.

Naumann versucht, Zusammenhänge zugänglich zu machen. Es geht ihr um private und nationale Repräsentanz, um kolonialistische Gesten beim Umgang mit dem vereinigten Deutschland. Dabei spielt auch der Terror des Netzwerks Nationalsozialistischer Untergrund eine Rolle – nicht zuletzt als Ereignis in der eigenen Biografie.

Terror-Trio in der Nähe

Naumann ist 1984 in Zwickau geboren und war im November 2011 zu Besuch bei ihrer Großmutter, als Beate Zschäpe nur einen Kilometer entfernt ihre Wohnung zerstörte, um Beweise zu vernichten. Während die Expo 2000 in Hannover „die Welt zu Gast“ hatte, verübte der NSU in Nürnberg seinen ersten fremdenfeindlichen Mord.

„Wir haben uns in den Jahren danach weder ernsthaft mit der geforderten Nachhaltigkeit beschäftigt noch mit Rechtsradikalismus“, sagt Kunstvereinsdirektorin Kathleen Rahn. Naumann macht beides in Rauminstallationen erlebbar. Sie hat Szenografie studiert und gelangte über ihre Arbeit für Theater und Film zur Kunst. Irgendwann habe sie beim Ausstatten erkannt: „Möbel und Objekte sind auch Dokumente, anhand derer man über Politik sprechen kann.“

Also baut sie mit Schrankwänden und Vitrinen Erinnerungen an ein geteiltes Deutschland und einen Traueraltar für die Deutsche Einheit mit Konsumrelikten und Billigware. Und sie verlegt das Exposeeum kurzerhand in die Räume des Kunstvereins. In einem geschickten Verdichtungsprozess entsteht ein kleines ethnologisches Museum, das seine Exponate mit Geheimnis, Bedeutung und Aura auflädt und Zusammenhänge andeutet.

Das ungeliebte Maskottchen Twipsy

Natürlich darf das ungeliebte Maskottchen Twipsy nicht fehlen. Um zu demonstrieren, wie weit weg sich 19 Jahre anfühlen können. Und um in Erinnerung zu rufen, dass es laut Legende aus dem Cyberspace gekommen sei, um in Hannover Menschen von überall kennenzulernen.

Dazu passen für Naumann auch die Zelte, in denen im leeren deutschen Pavillon Geflüchtete untergebracht wurden. Was aus den anderen Länderpavillons geworden ist, hat das Exposeeum dokumentiert. Ausgerechnet der Inhalt des „Planet of Visions“ wurde bei einem Brand zerstört. Manchmal ist es eben mit der Zukunft gar nicht so einfach, zwischen Fassade und Nachhaltigkeit. Auch davon erzählt Naumanns Blick in die Vergangenheit.

Bis 25.8. im Kunstverein Hannover (Sophienstraße 2), Di–Sa 12–19, So 11–19 Uhr; Henrike Naumanns Ausstellung zum Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung ist ab Dezember im Museum der bildenden Künste in Leipzig zu sehen. Ein genauer Eröffnungstermin steht noch nicht fest.

Von Thomas Kaestle

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