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News Sky-Übertragung bei RB Leipzig – ein Blick hinter die Kulissen
Sportbuzzer RB Leipzig News Sky-Übertragung bei RB Leipzig – ein Blick hinter die Kulissen
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23:33 23.01.2017
Nur wenige Minuten nach dem Schlusspfiff sind Sebastian Hellmann, Ralf Rangnick, Lothar Matthäus und Christoph Metzelder (von links) mit ihrer Spielanalyse auf Sendung.
Nur wenige Minuten nach dem Schlusspfiff sind Sebastian Hellmann, Ralf Rangnick, Lothar Matthäus und Christoph Metzelder (von links) mit ihrer Spielanalyse auf Sendung. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Red-Bull-Arena, 19.19 Uhr. In der ersten Hälfte des Bundesligaspiels zwischen RB Leipzig und Eintracht Frankfurt läuft die vierte Minute der Nachspielzeit. Während Timo Werner das 2:0 für die Gastgeber erzielt, herrscht auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes angespannte Konzentration: Die Sky-Halbzeit-Analyse geht gleich auf Sendung. Jeder Handgriff muss jetzt sitzen. Mit Lothar Matthäus und Christoph Metzelder stehen die zwei Experten schon bereit. Die ehemaligen deutschen Nationalspieler frieren sichtlich. Kein Wunder bei vier Grad unter null. Schiedsrichter Deniz Aytekin pfeift ab und schickt die Spieler in die Kabinen.

Über die Bildschirme in den Wohnzimmern und Kneipen flimmert Werbung, als links vor dem RB-Fanblock alles in Bewegung kommt. 15 Sky-Mitarbeiter, Kameraleute, Tontechniker, gut erkennbar an ihren roten, blauen und grünen Überziehern, packen mit an. Eckfahne raus, die LED-Bande ein Stück zur Seite und die beiden grellen Scheinwerfer richten. Eine Kunststoffplatte auf den Platz, darüber ein Stück Kunstrasen, um den echten zu schonen, zuletzt der Moderationstisch und drei Hocker. Lothar Matthäus schiebt sich persönlich einen der beiden Boden-Heizstrahler in seinem Rücken zurecht.

RB-Coach Ralph Hasenhüttl im Gespräch mit Stefan Hempel. Quelle: Christian Modla

Nicht mal drei Minuten sind seit dem Pausenpfiff vergangen. Ein paar Checks noch: Ton, Bild, Licht — alles steht. Sebastian Hellmann moderiert den Talk an der Seitenlinie schon an. Noch ein kurzes Intro, ein paar Schritte bis zum Expertentisch und los geht’s. Es gibt viel zu besprechen: der Blackout von Eintracht-Keeper Lukáš Hrádecký, die Rote Karte, zwei Tore von RB Leipzig.

Hellmann vor dem Spiel: „Je größer das Thema, umso besser für uns. Dann leben wir nur aus dem Moment“ — Besser hätte es nicht laufen können, wie Wochen zuvor bei der heiß diskutierten Schwalbe von Timo Werner gegen Schalke.

Während des Spiels strahlt Sky das Signal der Deutschen Fußballliga (DFL) aus, inklusive Zeitlupen und Schnitten. Für zusätzliche Informationen ergänzen Sky-Regisseur Jürgen Kress, Sendungsleiter Tibor Szilasi und Ablaufredakteurin Miriam Weber dieses Signal mit Grafiken oder Bild-in-Bild-Einblendungen von Experten wie Schiedsrichter Markus Merk zum Beispiel. „Wenn das Spiel läuft, ist es bei uns ruhiger als in der Pause“, erklärt Kress, der alles in der Hand hat: Sieben Kamerasignale, Highlight-Zusammenschnitte, Analysen, Interviewschnipsel.

In der Bildregie laufen viele Fäden zusammen. Quelle: Christian Modla

Der erfahrene Regisseur sitzt mit seinen Kollegen in einem silbernen Truck vor dem Stadion. Der Raum ist nichts für Klaustrophobiker: Auf einer Fläche eines Mittelklassewohnwagens findet ein Technikpult mit unzähligen Reglern und Knöpfen Platz. Dazu Schreibtischstühle und eine Wand mit über 50 Bildschirmen. Es ist warm. Weber, Kress und Szilasi kommunizieren unentwegt. Ansagen wie „Vorwarnung für 19“ und „Fahr zu auf Metze“ an die Techniker und Kameraleute im Stadion – für Laien ein unverständliches Durcheinander. Im Regie-Raum bringt das niemanden aus der Ruhe: „Alles, was ich sage und wie ich es sage, hört mit Ausnahme von den Experten, dem Moderator und dem Kommentator jeder Mitarbeiter. Wenn ich da hektisch werde, überträgt sich das ganz schnell.“

Wolff-Christoph Fuss hat in der Pause etwas Zeit zum Durchatmen. Für viele Zuschauer ist er „die“ Stimme der Sky-Fußballübertragungen und in dieser Rolle Zielscheibe unterschiedlichster Kritik. Eine Lage, mit er umzugehen weiß: „Kritik kann ich nicht verändern. Wichtig ist, dass man so authentisch wie möglich an die Sache rangeht. Es gibt einige Parameter, Handwerkszeug, das zum Job gehört, aber vor allem muss es echt sein. Sonst wäre ich ein Schauspieler.“ Im Spiel hat Fuss auf seinem Kommentatorenplatz den perfekten Rundumblick auf das Stadion.

Viele Kilometer Kabel laufen vom Übertragungswagen in die Red-Bull-Arena. Quelle: Christian Modla

Dazu sieht er das Fernsehsignal und die Einblendungen jeweils auf einem zusätzlichen Bildschirm. „Wenn die beiden Signale ausfallen würden, wäre das der Worst-Case“, sagt Fuss, „das ist mir aber in meiner Karriere zum Glück erst ein Mal passiert, damals beim Basketball“. Ein Redakteur liefert über die 90 Minuten Informationen zum Spiel, Sendungsleiter Szilasi hält über Funk Kontakt. Mit diesem Material und seiner eigenen Vorbereitung muss Fuss binnen Zehntelsekunden Entscheidungen treffen, die Zuschauer auf dem Laufenden halten, sich festlegen zum Spielgeschehen.

Die dreieinhalb Stunden Sendung auf den Bildschirmen sind das finale Produkt, das letzte Glied einer langen Produktionskette. „Die erste große Redaktionskonferenz hatten wir am Montag. Da überlegen wir, was die Schwerpunkte der Sendung sein könnten“, erklärt Sebastian Hellmann. „Das wird über die Woche aktualisiert. Für das Spiel gab es zum Beispiel zwei Alternativanalysen zu Poulsen und Demme, falls Keita nicht hätte spielen können.“

Die ersten Techniker sind mit dem Übertragungswagen schon am Abend vor dem Top-Spiel angereist. Drei Stunden vor dem Anpfiff ist die erste Sendungsbesprechung mit dem ganzen Team in einem weiteren Truck angesetzt. Schritt für Schritt wird jeder planbare Punkt des Spiels durchgegangen. Danach trennen sich die Wege. Im Stadion und Regieraum läuft die Probe. Jürgen Kress testet jeden Kanal, jedes Signal der Kameras, jeden Funkkontakt persönlich. „Am Ende trage ich die Verantwortung für die bildliche Umsetzung. Da kann ich nicht sagen, dass das jemand anderes getestet hat, wenn etwas nicht funktioniert.“

Der Kameramann braucht immer ein waches Auge. Quelle: Christian Modla

Im Besprechungsraum laufen auf mehreren Bildschirmen die Spiele vom Nachmittag. Belegte Brötchen und Kaffee stehen bereit, Lothar Matthäus zieht in der kleinen Garderobe sein Sky-Outfit an, während Christoph Metzelders Blick auf der schwarzen Couch zwischen Handy, Notizzettel und Live-Übertragung hin- und herwandert. Noch eine Stunde bis zum Sendungsbeginn, noch zwei bis zum Anpfiff — Wohnwagenatmosphäre. Wer Fußball nicht atmet, ist hier falsch.

21 Uhr: Die Sendung ist vorbei. Leipzig hat Frankfurt 3:0 geschlagen. Das Spiel ist ausgewertet, vorerst abgehakt. Alles wird zusammengepackt.

Eine halbe Stunde nach dem Schlusspfiff eine letzte kurze Besprechung. Was war gut, was war schlecht? Danach geht es ab ins Hotel, gemeinsam den Abend ausklingen lassen und aufwärmen. „Gegen Ende wird es dann schon zapfig“, gesteht Hellmann. Trotzdem: „Fragen Sie 100 Leute. 99 sagen, dass sie meinen Job machen würden.“

Von Anton Zirk