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Sport Regional „Den Judo-Virus wirst du nicht mehr los“
Sportbuzzer Sport Regional „Den Judo-Virus wirst du nicht mehr los“
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19:05 03.11.2017
Typisch für das Bundesliga-Team des Judoclubs Leipzig: Der Zusammenhalt unter den Kämpfern ist enorm.
Typisch für das Bundesliga-Team des Judoclubs Leipzig: Der Zusammenhalt unter den Kämpfern ist enorm. Quelle: JCL
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Leipzig

Die JCL-Judoka sind so heiß auf das morgige Bundesliga-Finalturnier in eigener Halle, dass sie mitunter verdrängen: Eine Medaille, nämlich Bronze, haben sie schon sicher, es ist die vierte Plakette seit 1990. LVZ-Redakteur Frank Schober sprach mit Trainer Simon Yacoub (28) und Manager Stefan Schulze (31).

LVZ: Ist die Arena für Judo eine Nummer zu groß? Wie viele Fans braucht es, um Stimmung in die Bude zu bringen?

Schulze: Wir sind im Vorverkauf schon bei einer Zahl von deutlich über 1500 Tickets – da gibt es in Leipzig keine Alternative, zumal Haus Auensee und Neue Messe belegt sind. Wir haben auch über die Basketball-Arenen in Jena und Weißenfels nachgedacht, aber das wollten wir natürlich nicht, das nimmt dem Heimspiel die Seele. Mit 2500 Zuschauern, die ordentlich Gas geben, kann Stimmung aufkommen. Seit 18 Monaten habe ich beim Deutschen Judo-Bund um den Endrundentermin gebeten, die kurzfristige Vergabe kostet uns 25 000 Euro Hallenmiete, weil die vier mietkostenfreien Events der Stadt schon vergeben waren.

Warum lohnt sich der Besuch in der Arena auch für Nicht-Experten?

Schulze: Zum American Football gehen auch Leute, die nicht jede Regel im Detail durchschauen. Frauen gucken gern Fußball, selbst wenn sie mit dem Abseits nicht so Bescheid wissen.

Yacoub: Ich sage Freunden immer: Lass dich mitreißen, hinterher erklär ich es dir. Ich könnte zehn Leute anführen wie meine Nachbarn, die Judo plötzlich lieben. Frauen finden klasse, dass durchtrainierte Kerle ihre Jacken aufreißen. Es ist ehrlicher, direkter Sport, Mann gegen Mann.

Schulze: Ein Kumpel kommt extra aus München, er hat erst einen Kampf gesehen in seinem Leben.

Yacoub: Nobsch (Ex-Kapitän Norbert Fleischer) und ich sagen immer: Wenn du den Judo-Virus einmal hast, wirst du ihn nicht mehr los.

Schulze: Zudem bieten wir den Fans die einmalige Chance, hinterher für 15 Euro im VIP-Bereich bei Essen und Getränken mit den Kämpfern ins Gespräch zu kommen. Wir werden auf jeden Fall eine Party feiern. Bronze ist sicher. Aber lieber sind uns Silber oder Gold.

Yacoub: So eine Chance bekommst du als Judoka nicht wieder, dich vor 2000 oder 3000 Zuschauern zu präsentieren. Wir sind in der Underdog-Rolle, aber ich sehe die Chance, das Unmögliche zu schaffen.

Schulze: Das war auch mein Grundgedanke, als wir uns beworben haben. Vielleicht geht es uns wie den Griechen, die keiner auf der Rechnung hatte und die im Fußball Europameister wurden.

Was bedeutet das Finale für die Sportart Judo in Leipzig und der Region?

Yacoub: Sportlich und bei der Präsentation der Heimkämpfe sind wir schon seit Jahren recht erfolgreich. Dass aber unser Stützpunkt an Substanz verloren hat, stört mich sehr. Die Endrunde daheim soll allen in Sachsen und Mitteldeutschland zeigen: In Leipzig wird hochklassiges Judo betrieben. Vereine in Rodewisch, Dresden oder Chemnitz sollen Talente wieder zu uns schicken. Sie sollen sehen, dass der JCL neben Potsdam in Ostdeutschland die Nummer eins ist. Die Veranstaltung soll uns einen Ruck geben. Die Stadt hat den Judoka noch viel mehr zu bieten als gute Trainingsbedingungen, wenn ich nur ans Studium denke.

In den oberen Gewichtsklassen haben mit Hannes Conrad, Daniel Herbst, und Fabian Hubert Sieggaranten der vergangenen Jahre gefehlt. Wie habt ihr trotzdem die Finalrunde geschafft?

Yacoub: Das war ein herber Schlag, du verlierst viele Leistungsträger, aber dann springt unser Oldie René Kirsten ein, der als Ersatzmann zur Nummer eins wird und fleißig punktet. Hannes und Daniel waren zwar nicht auf der Matte, aber sie waren immer dabei, haben das Team gepusht, alle sind über sich hinaus gewachsen. Das war eine psychologische Geschichte, alle waren Feuer und Flamme.

Schulze: Auch das Trainergespann aus Olaf Schmidt, Simon Yacoub und Roman Schulze hat sich schnell gefunden und super funktioniert.

Yacoub: Unsere große Stärke: Ältere Sportler wie René Kirsten stehen nach ihrer Leistungskarriere weiter zur Verfügung. Und alle Gaststarter sind voll integriert. Sie opfern sich auf, als wären sie in Leipzig aufgewachsen.

Welche Lehren hat der JCL aus 2016 gezogen, als es trotz idealer Voraussetzung mit dem Finale nicht geklappt hat? Habt ihr euch da zu sicher gefühlt?

Schulze: Die Gegner konnten sich gut auf uns vorbereiten, denn wir hatten wenig Alternativen. Das kann immer mal passieren. Aber wo unser Fehler im Viertelfinale genau lag, weiß ich bis heute nicht. So ist Judo: Plötzlich gehen drei Kämpfe nach hinten los, einer wird falsch bewertet, dann wird aus einem 8:6 ein 4:10. Wenn sich das Pech diesmal in Glück umwandelt, ist alles in Ordnung.

Habt ihr dieses Jahr bislang richtig gepo- kert, wer welche Gewichtsklasse besetzt?

Yacoub: Das hat meist super funktioniert, wir waren uns im Trainerteam fast immer einig. Die 60-Kilo-Klasse ist eigentlich stets dünn besetzt. Aber wir haben drei Leute, die alle Deutscher Meister sind. Daher sind wir schwer ausrechenbar.

Schulze: Es ist wie im Schach: Wenn ein, zwei Figuren fehlen, musst du deine Taktik anpassen.

Yacoub: Schulle hat jeden Gegner genau studiert und immer zwei, drei Listen vorbereitet.

Ein Finalist hat am Samstag drei Stunden Pause, der andere nur 30 Minuten. Welche Situation ist besser?

Schulze: Auch bei Weltcups hast du mal elf Minuten Pause – oder vor der Finalsession drei Stunden. Wer es nicht schafft, sich in wenigen Minuten zu regenerieren, hat im hochklassigen Judo nichts verloren.

Yacoub: Wir hätten im Falle des Finaleinzuges wenig Pause. Das wäre besser, um die Euphorie gleich mitzunehmen. Beim Gegner fällt die Spannung erst einmal ab.