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Der Verein OBM Jung: „Je weniger Gemeinwohl, desto egoistischer wird es zu ,Mein-Wohl’“
Thema Specials 20 Jahre Gemeinsam für Leipzig e.V. Der Verein

Interview mit Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung: „Je weniger Gemeinwohl, desto egoistischer wird es zu ,Mein-Wohl’“

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20 Jahre Gemeinsam für Leipzig e.V.
13:39 12.11.2021
Ein Verein in seinem Sinne: Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung lobt das Engagement des Vereins Gemeinsam für Leipzig.
Ein Verein in seinem Sinne: Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung lobt das Engagement des Vereins Gemeinsam für Leipzig. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Die Stadt Leipzig ist bekannt für ihr bürgerschaftliches Engagement. Neben der Gründung des Gewandhausorchesters oder des Museums der bildenden Künste: Welche Beispiele für dieses Einbringen der Stadtgesellschaft machen für Sie Leipzig aus?

Ich möchte nicht das eine Beispiel herausgreifen. Es täte den vielen anderen, die sich in Leipzig engagieren, Unrecht. Mir sind die vielen kleinen und alltäglichen Beispiele bürgerschaftlichen Engagements sehr wichtig. Viele davon sehen wir gar nicht, weil sie sich in der Nachbarschaft abspielen, in den Familien, in den Vereinen. Unsere Stadt wird an sehr vielen Stellen nur dadurch zur Solidargemeinschaft.

Vor allem in der Corona-Pandemie wurde immer wieder an die Solidarität und die Gemeinschaft appelliert – vom Einkaufen in lokalen Geschäften bis zum kollektiven Schutz der gefährdeten Mitmenschen. Wie wichtig ist für Sie Solidarität in einer Stadtgesellschaft?

Ich drehe die Frage um: Gibt es ohne Solidarität überhaupt eine Gesellschaft? Gerade die Solidarität ist es ja, die uns zusammenhält. Das fängt in der Familie an und endet nicht in der Nachbarschaft und im Wohnquartier. Die Klimakrise, die uns stark herausfordert, verlangt nach einer globalen Solidarität. Um solidarisch sein zu können, muss ich mein Gegenüber aber verstehen können, ich muss mich ihm nah fühlen. Je weiter sich eine Gesellschaft in Einzelidentitäten aufsplittet, desto schwieriger wird es. Je weniger Gemeinwohl, desto egoistischer wird es zu „Mein-Wohl“.

Viele Menschen halten das Stadtleben – im Vergleich zum Landleben – für anonym und individualisiert. Was halten Sie dagegen?

Einsamkeit ist keine Frage des Wohnorts. Sie können auch auf dem Dorf einsam leben – oder in der Großstadt umgeben von Familie, guten Bekannten und Freunden ein sehr erfülltes Leben führen. Wichtig ist – unabhängig von der Frage Stadt oder Land –, dass wir alle ein Auge offen halten für unsere Nachbarn und Mitmenschen. Dass wir nicht wegschauen, wenn die Nachbarin einsam ist.

Im Verein Gemeinsam für Leipzig engagieren sich hiesige Unternehmen und Selbstständige für ihre eigene Heimatstadt. Das klingt nach einem Einsatz ganz in Ihrem Sinne, oder?

Ja! Jede Stadt lebt davon, dass sich Menschen engagieren. Ich war vor vielen Jahren zu einer Veranstaltung im Ruhrgebiet eingeladen, dort trug jemand ein T-Shirt mit der Aufschrift „Woanders is‘ auch Scheiße“ – ich bin froh, dass mir ein solches T-Shirt in Leipzig noch nicht begegnet ist. Vordergründig lebt unsere Gesellschaft von Geld – aber zusammengehalten wird sie von Menschen, die sich engagieren.

Welche Berührungspunkte mit Gemeinsam für Leipzig hatten Sie in den vergangenen 20 Jahren und welche sind Ihnen ganz besonders im Gedächtnis geblieben?

Ich erinnere mich an eine Vielzahl von gemeinsamen Veranstaltungen und Projekten, wie zum Beispiel die Verleihungen der „Leipziger Lerche“, die Baumpflanzung und den Wirtschaftspreis „Via Oeconomica“.

Wie definieren Sie dem Gemeinwohl, dem Gemeinsinn verpflichtete Unternehmer? Und was wünschen Sie sich von der Leipziger Wirtschaft?

Jede Unternehmerin und jeder Unternehmer darf, soll und muss ans Geldverdienen und den Gewinn denken, damit Menschen beschäftigt werden können. Aber der Gedanke, dass wirtschaftliche Aktivität nur möglich ist, weil Staat und Gesellschaft den Rahmen dafür bieten, darf nicht vergessen werden. Gesellschaft und Wirtschaft sind aufeinander angewiesen. Und weder ist es richtig, die Wirtschaft zum Beispiel als egoistisch oder geldgierig zu verdammen, noch ist es angebracht, sich als Unternehmer abzukapseln und sich aus der Solidarität zu verabschieden.

Gemeinsam für Leipzig hat Ihnen vor zehn Jahren einen Baum vor Ihr Bürofenster im Neuen Rathaus pflanzen lassen. Sehen Sie diesen als Motivation und Rückhalt für Ihr Schaffen – oder als Mahnung und schlechtes Gewissen im Nacken?

Grundsätzlich lebe ich mit Motivation besser und lieber als mit Mahnungen. Von daher: Ein gepflanzter Baum ist immer eine Motivation, denn er ist ein Versprechen auf Hoffnung und Zukunft.

Von Thomas Bothe