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30 Jahre Friedliche Revolution Wie ein Bereitschaftspolizist den Oktober 1989 erlebte
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15:16 18.10.2019
Ralf Kohde im Sommer 1989 Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

"Wenn das hier alles mal vorbei ist“, entgegnet der 25-jährige Ralf Kohde im Oktober 1989 seinem Vorgesetzten der Bereitschaftspolizei, nachdem der ihm zur Strafe den Kurzurlaub gestrichen hatte. Er hat all seinen Mut zusammen genommen und setzt noch einmal an: „Wenn das alles hier einmal vorbei ist, werde ich erzählen, was hier los war“, sagt er und verlässt das Büro. Er zittert am ganzen Körper. Die Gelegenheit dazu wird früher kommen als erwartet. „Und dann plötzlich waren Sie alle ganz freundlich zu uns“, erinnert sich Ralf Kohde an die Winter des Jahres 1989/1990. Doch der Reihe nach.

LVZ.de taucht ein in das Leipzig im Herbst 1989

Der Dokumentarfilm „Leipzig im Herbst“ porträtiert die Stimmung nach dem 9. Oktober eindrucksvoll. Bis zum Mauerfall ist Filmemacher Andreas Voigt unterwegs und begegnet Bürgern, Beamten und Aktivisten im Strom der Ereignisse. In einer multimedialen Reportage taucht LVZ.de noch einmal ein in das „Leipzig im Herbst“ von 1989.

Am Nachmittag des 9. Oktober 1989 sind der Wehrdienstleistende Ralf Kohde und seine Kameraden der Bereitschaftspolizei Erfurt im Einsatz. Seine Einheit war nach Leipzig beordert worden und sollte nun den damaligen Karl-Marx-Stadt für die bevorstehende Demonstration räumen. Als ein älterer Mann den jungen Soldaten kopfschüttelnd zusieht, versetzt ihm Kohdes Kamerad einen Schlag mit dem Stock. Der Mann geht zu Boden. “Der Mann hatte gar nichts getan!“, noch heute spricht Ralf Kohde (55) mit Entrüstung in der Stimme, wenn er sich an diese Szene aus dem Herbst 1989 erinnert. Weil er in diesem Moment nicht still bleibt, streicht sein Vorgesetzter ihm den Kurzurlaub mit den Worten „Genosse Kohde, es wurde festgestellt, dass man sich im Ernstfall nicht auf sie verlassen kann.“

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In Apolda sorglos aufgewachsen

Der in Apolda lebende Ralf Kohde war damals 25 Jahre alt. „Ich bin sorglos aufgewachsen, ich habe kein schlechtes Leben gehabt“ sagt er heute. „Als meine Frau erzählte, sie ginge in Apolda auch zu den Montagsdemonstrationen war ich schockiert – uns hat man erzählt, das seien alles Rechtsradikale.“ Im Herbst 1989 dann stand Kohde in Leipzig selbst zehntausenden dieser Demonstranten gegenüber – in Stiefeln, Helm und Schild in der Hand. Am 9. Oktober war er einer von zehn Bereitschaftspolizisten an der Nikolaikirche. „Wir wussten gar nicht, was auf uns zukommt“, erinnert er sich heute an den Beginn des Gebetes.

Leipziger Wehrpflichtige verweigern den Einsatz

In den Leipziger Einheiten war da bereits der Widerstand ausgebrochen. „Deswegen mussten wir ja dahin“, erzählt Kohde, der zu dieser Zeit in Erfurt kaserniert war. Die Wehrpflichtigen aus der 5. Bereitschaftskompanie hatten den Einsatz verweigert, in dem Dokumentarfilm „Leipzig im Herbst“ sprechen sie schon wenige Tage später sehr offen über ihre Gewissenskonflikte. Kohde kennt die Protagonisten aus dem Film. „Ich kannte die Jungs schon vom Sommer“ erzählt Kohde.

Wenige Monate zuvor waren sie noch gemeinsam in einem Trainingskader aufgenommen worden, um eine Show für die Parade zum Pfingsttreffen in Berlin vorzubereiten. Kohde erinnert sich gerne an diese außergewöhnliche Zeit mit den den Leipziger Genossen. „Wir hatten uns einfach gut verstanden“, sagt Kohde. Politik habe damals im Sommer 1989 noch keine Rolle gespielt. Als Ralf Kohde seine Freunde nun am Vorabend des 9. Oktober –unerlaubterweise – in Leipzig wieder traf, hatte sich das radikal geändert: „Der eine hat zu uns gesagt, er werde auf keinen Fall wieder zu einem Einsatz gegen die Demonstranten mitfahren – und wenn er dafür nach Schwedt käme. Wir unter uns wussten, was das bedeutet,“ sagt Kohde über das berüchtigte Militärgefängnis der DDR. „Im Nachhinein war das sehr mutig“ befindet er heute.

In Stiefeln, Helm und Schild

Den jungen Ralf Kohde bringen die Leipziger Kameraden zum Nachdenken. Trotzdem steht er am 9. Oktober mit neun Mann an der Nikolaikirche – in Stiefeln, Helm und Schild: „Und dann kamen die aus der Kirche und sangen gemeinsam die Internationale. Das war schon sehr beeindruckend.“ Auch heute, 30 Jahre später, kommen ihm die Tränen, wenn er über diesen Moment spricht. Ralf Kohde hatte da seine innere Position schon gefunden. Er geht dazwischen, als sein Kamerad den Mann auf dem Augustusplatz niederschlägt und wird daraufhin zu einem Vorgesetzten zitiert. Hier fällt der Satz, den Ralf Kohde nur einige Monate später wahr machen wird: „Wenn das alles hier vorbei ist, werde ich mal erzählen, was hier los war.“ Im Frühling 1990 werden Kohde und seine Erfurter Kameraden unerwartet drei Monate früher aus dem Dienst entlassen, die Strukturen der DDR beginnen zu bröckeln: „Die ganzen Offiziere waren auf einmal alle sehr freundlich“, erinnert er sich. „Sie betonten, wie gut sie zu uns gewesen seien und baten darum, mal ein Nettes für sie einzulegen.“

Der ehemalige Bereitschaftspolizist Ralf Kohde erinnert sich an Leipzig im Herbst 1989

„Für mich ist das Leben besser geworden“

Dass das kommende Ende der DDR gerade den ranghohen Kommandanten und Offizieren den Boden unter den Füßen wegzog, dafür hat Kohde trotz allem Verständnis: „Für die brach ja eine noch größere Welt zusammen als für unsereins“, sagt er nachdenklich. „Wir kleinen Leute hatten ja immerhin noch ein normales Berufsleben." Seinem Beruf als Textiltechniker blieb Ralf Kohde treu, Veränderungen gab es dennoch: Seit nunmehr über zwanzig Jahren lebt er in Osnabrück. In die Heimat aber kommt er gerne und regelmäßig zurück: „Es ist unglaublich, was sich hier in den letzten 30 Jahre entwickelt hat“ sagt er anerkennend. Die Unsicherheiten von damals, für ihn haben sie sich zu einem guten Leben entwickelt: „Mir geht es heute besser“, sagt er. Nur seine Kumpels von der Bereitschaftspolizei in Leipzig, die würde er gerne einmal wieder sehen. Bis heute hat er sie nicht wieder gefunden.

Von Anna Flora Schade und Pia Siemer

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