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30 Jahre Friedliche Revolution Das Ende des Revolutionsjahrs 1989: Kerzendemo und Ehrenbürgerschaft für Kurt Masur
Thema Specials 30 Jahre Friedliche Revolution Das Ende des Revolutionsjahrs 1989: Kerzendemo und Ehrenbürgerschaft für Kurt Masur
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10:03 18.12.2019
Blick auf die Montagsdemonstration am 18. Dezember 1989. Die Leipziger demonstrierten für eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Quelle: dpa
Leipzig

Diesmal war aber einiges anders als sonst. Gewandhauskapellmeister Kurt Masur und Superintendent Friedrich Magirius hatten mit Flugblatt, in Zeitungsbeiträgen und Rundfunksendung zum stillen Gedenken ohne Sprechchöre und Transparente aufgerufen. Kurt Masur: „Liebe Leipziger! Ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie mich in Ihren Kreis aufgenommen haben, denn für mich ist jeder von Ihnen, der mutig, leidenschaftlich und besonnen zugleich sich in den vergangenen Wochen für diese Stadt und unser Land eingesetzt haben, zum Ehrenbürger geworden …“ Friedrich Magirius: „Mit Kerzen in den Händen wollen wir einige Minuten schweigend gedenken der Opfer der Gewalt und geistiger Unterdrückung unter stalinistischer Herrschaft, der Ereignisse des Herbstes 89, der Inhaftierungen, des gewaltlosen Widerstandes und des Beginns der demokratischen Erneuerung …“

Partei des Demokratischen Aufbruchs in Leipzig gegründet

Die meisten der Demonstranten hielten sich an die Bitte von Masur und Magirius. Viele Familien nahmen mit ihren Kindern an der Demo teil. Eine riesige Menschenmenge zog mit Kerzen um den Ring, nur vereinzelt waren Transparente zu sehen, etwa „Mit Herz und Verstand Deutschland einig Vaterland“. Im politischen Geschehen des Landes ging indes die Demontage der SED-Macht weiter. Am 15. Dezember hatte die Regierung beschlossen, die sogenannten Kampfgruppen der Arbeiterklasse aufzulösen. Und in Leipzig gründete sich am 16. und 17. Dezember die Partei des Demokratischen Aufbruchs. Erster Parteivorsitzender wurde der Rechtsanwalt Wolfgang Schnur, der schon im März 1990 als Stasi-IM enttarnt wurde und von seinem Amt zurücktrat.

Francois Mitterrand würdigt Leipzigs Bedeutung für Friedliche Revolution

Am 21. Dezember weilte Frankreichs Präsident Francois Mitterrand in Leipzig und würdigte mit seinem Besuch die Bedeutung der Stadt für die Friedlichen Revolution. Er traf Studenten und besuchte das Gewandhaus, die Nikolai- und die Thomaskirche. Zu den Ereignissen vor 30 Jahren kurz vor Weihnachten gehörte ebenso das vielfache Gedenken der Leipziger an die Opfer der Gewalt in Rumänien, wo die Revolution bekanntlich gar nicht friedlich verlief. Auf dieses Geschehen machten in einem Fürbitte-Aufruf kurz vorm Weihnachtsfest auch die Superintendenten Friedrich Magirius und Johannes Richter aufmerksam: „Gerade wir Leipziger sind im Blick auf die friedliche Entwicklung, die die Dinge seit September bei uns genommen haben, zu besonderer Wachheit und Sensibilität verpflichtet. Erst jetzt wird uns deutlich, über welchen Abgrund wir im Oktober geschritten sind. Lasst uns auch dafür dankbar sein.“

Nächste Demo erst am 8. Januar 1990

Am 27. Dezember verliehen die Stadtverordneten und der Rat der Stadt Leipzig Gewandhauskapellmeister Kurt Masur für sein „historisches Verdienst im Herbst 1989 und herausragendes Wirken für Leipzig als Musikstadt von Weltrang“ die Ehrenbürgerschaft. Nach dreiwöchiger Weihnachts- und Neujahrspause fand am 8. Januar 1990 die nächste Montagsdemo mit erneut 100 000 Teilnehmern statt. Die endgültige Entmachtung der SED, die sich mittlerweile in SED-PDS umbenannt hatte, war nun das beherrschende Thema.

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