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30 Jahre Friedliche Revolution „Wir hatten Angst, dass unser Filmmaterial konfisziert wird“
Thema Specials 30 Jahre Friedliche Revolution „Wir hatten Angst, dass unser Filmmaterial konfisziert wird“
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10:43 16.10.2019
Andreas Voigt spricht über den Oktober 89 und seinen Film "Leipzig im Herbst". Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Heute vor genau 30 Jahren begann Andreas Voigt seine Filmarbeiten zu dem DokumentarfilmLeipzig im Herbst“. Es ist ein Projekt, das bis heute andauert. Seine Filmreihe begleitet Leipziger Protagonisten zwischen 1986 und 2015. Die LVZ hat mit ihm darüber gesprochen, wie das Zeitdokument entstand.

Herr Voigt, Ihr Film „Leipzig im Herbst“ beginnt mit dem 16. Oktober. Wo waren Sie eine Woche zuvor, am 9. Oktober?

Da waren wir noch gar nicht da, denn es fand zeitgleich das Nationale Dokumentarfilmfestival in Neubrandenburg statt. Wir haben dort gesessen, diskutiert über das Leben in unserem Land und haben uns gefragt: Was machen wir hier eigentlich? Wir müssen nach Leipzig! Ich habe mich an meine Reiseschreibmaschine gesetzt und einen Brief an die Defa-Studioleitung geschrieben mit der Forderung, dass wir sofort drehen wollen, um die Massendemonstrationen zu dokumentieren.

LVZ.de taucht ein in das Leipzig im Herbst 1989

Der Dokumentarfilm „Leipzig im Herbst“ porträtiert die Stimmung nach dem 9. Oktober eindrucksvoll. Bis zum Mauerfall ist Filmemacher Andreas Voigt unterwegs und begegnet Bürgern, Beamten und Aktivisten im Strom der Ereignisse. In einer multimedialen Reportage taucht LVZ.de noch einmal ein in das „Leipzig im Herbst“ von 1989.

Wieso durften Sie diesen Film überhaupt drehen?

Das war in gewisser Weise auch Zufall. Der Studiodirektor der Defa war ein alter Herr und immer, wenn etwas Wichtiges passierte, war der krank. So war es auch an diesem Montag. Sein Stellvertreter war jünger. Ich habe zu ihm gesagt: Du siehst ja, was hier auf den Straßen los ist und wir wollen das jetzt dokumentieren. Der war kein verbohrter Partei-Apparatschik, der sah ja auch, was los war. Aber er hatte auch Angst, das zu genehmigen. Der hat sich bestimmt auch gedacht, wenn das alles schiefgeht, nimmt er das Material und sperrt es ins Archiv weg. Das war kein großer Akt des Widerstandes, aber der stellvertretende Studiodirektor hat durchaus etwas riskiert, als er uns Material und Kamera gegeben hat.

Und dann sind Sie nach Leipzig gefahren?

Ja, am Mittag sind wir in einen „Wolga“ des Studios gestiegen und von Berlin nach Leipzig gefahren. Wir wollten vor allem zeigen, dass wir nicht vom DDR-Fernsehen sind, dem hat niemand mehr geglaubt. Deswegen haben wir Defa-Sticker auf beide Seiten der Kamera geklebt, um zu zeigen, wer wir sind. Als wir mit unserer Kamera aufgetaucht sind, haben die Demonstranten uns applaudiert. Das ist später die erste Einstellung des Films geworden.

Waren die Dreharbeiten für Sie gefährlich?

Wir hatten nie das Gefühl, um Leib und Leben fürchten zu müssen. Am 16. Oktober war schon klar, dass es in der DDR keine chinesischen Verhältnisse geben würde, auch wenn das allen noch sehr präsent war. Aber die Situation war immer noch unklar. Niemand wusste, was geschehen würde und wir hatten Angst um unser Material. Das waren ja riesige Filmrollen. Deswegen haben wir die Negative jeden Abend zu meinem Kumpel, dem Maler Albrecht Gehse, gebracht. Der hatte eine große Wohnung am Clara-Zetkin-Park. Wir hatten Angst, dass jemand abends zu uns ins Hotel kommen könnte, um das Material zu konfiszieren.

Wie haben Sie die Stimmung bei den Montagsdemonstrationen ab dem 16. Oktober erlebt?

Die hat sich im Laufe der drei Wochen, in denen wir gedreht haben, sehr stark verändert. Am Anfang ging es darum, unser Land besser zu machen. Die Leute wollten, dass sich endlich etwas ändert. Es ging um Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, eben „die ganzen Freiheiten“, wie es damals ein Demonstrant vor unserer Kamera gesagt hat. Dahinter steckte zu Beginn noch der ganz große Wunsch, das Land möge besser werden. Nach dem Mauerfall veränderte sich die Stimmung rasant. Den meisten Menschen ging es darum, ganz schnell die Westmark zu bekommen. Das war verbunden mit der Hoffnung vieler, sich dann ganz schnell einen Mercedes kaufen zu können. Aber so läuft es natürlich nicht. Denn wenn zwei gegensätzliche Wirtschaftssysteme zusammengebracht werden, verliert zwangsläufig das schwächere System. Das war auch klar.

Haben Sie auch deswegen entschieden, nach dem Mauerfall nicht mehr weiter in Leipzig zu drehen?

Wir haben dann sofort aufgehört zu drehen, weil ich wusste, dass die Welt jetzt anders wird. Wir haben das Material ganz schnell montiert und „Leipzig im Herbst“ war nur zwei Wochen später der Eröffnungsfilm des Leipziger Dokumentarfilm Festivals. Ich habe noch im November begonnen, weiter zu drehen. Bis heute sind fünf weitere Dokumentarfilme über Menschen aus Leipzig entstanden – und wir setzen die Arbeit an diesem Projekt fort.

Von Pia Siemer und Anna Flora Schade

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