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Leserbriefe Anna Maria Richter erinnert sich an den 7. Oktober 1989
Thema Specials 30 Jahre Friedliche Revolution Leserbriefe Anna Maria Richter erinnert sich an den 7. Oktober 1989
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19:11 07.09.2019
Polizeieinsatz in der Grimmaischen Straße am 7. Oktober 1989 – im Hintergrund ist das Gewandhaus zu sehen. Quelle: Martin Naumann

Anna Maria Richter hat ihre Erinnerungen an den 40. Jahrestag der DDR für das Buch „30 Jahre Jahre Friedliche Revolution“ aufgeschrieben. Hier ist ihre persönliche Geschichte: 

Der 7. Oktober 1989 war ein verregneter trüber Tag. Trotz Aufruf in der LVZ gab es keinen Fahnenschmuck, geschweige denn festlich dekorierte Häuser. Mein Mann und ich wollten uns am Nachmittag im Stadtzentrum von Geithain bei einem Rundgang umsehen, bevor wir zu unseren Abendprogrammen fuhren. Deshalb waren wir beide in Schwarz gekleidet, trugen lange schwarze Mäntel. Mein Mann hatte einen Auftritt mit seiner Tanzkapelle und ich wollte ins Leipziger Gewandhaus zu einem Festkonzert, zur Uraufführung eines Werkes von Friedrich Schenker „Commedia per musica“, das er aus Anlass des 40. Jahrestages der DDR komponiert hatte. 

Der 40. Jahrestag in Geithain

Als wir an den auf dem Katharinenplatz aufgereihten Verkaufsständen der Zunftstraße und der Handwerker vorbeischlenderten, stand plötzlich Rolf Müller, der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung, in Begleitung von Genossen neben uns und musterte uns mit stechendem Blick von oben nach unten. Empfand er unsere Aufmachung als Provokation, obwohl sie einen simplen Grund hatte? Wir grüßten wortlos und gingen weiter. Auf dem Markt stand eine Bühne vor dem Textil- und dem Rundfunkladen. Darauf hüpften die Kreiskulturhausmitarbeiter herum, noch beschäftigt mit den Aufbauten. Alles war nass, es nieselte pausenlos. Weiter sahen wir zumeist verwelkte Blumen, die es das ganze Jahr nicht zu kaufen gab, und Schafe. 

In der Leipziger Straße auf verwaisten Tischen lagen vereinzelt Obst und Gemüse. Weintrauben, Paprika hätte ich gern gekauft, doch niemand war zu sehen. In kleinen Gruppen diskutierten Leute hier und da, schauten sich um. Die Zeit drängte, bis 18 Uhr musste ich die bestellte Konzertkarte an der Gewandhauskasse abholen. Mein Mann brachte mich zum Bahnhof, dann fuhr er weiter nach Arras bei Geringswalde. Der Personenzug nach Leipzig war voll besetzt, die Reisenden saßen stumm da, unterhielten sich nicht. Etwas lag in der Luft, ich spürte es. Deuten konnte ich diese Atmosphäre erst später. 

Mulmiges Gefühl auf dem Weg zum Gewandhaus

Auf dem Hauptbahnhof angekommen wollte ich mich auf dem kürzesten Weg zum Gewandhaus begeben. Dort erlebte ich die erste Überraschung. An den oberen, zur Treppe führenden Ausgängen der Osthalle überkam mich ein mulmiges Gefühl als ich den aufgereihten Bereitschaftspolizisten in Sonderausrüstung mit Schlagstock, Schild und Helm gegenüberstand. Sie verlangten die Ausweise und befragten die mit dem Zug Ankommenden zum Zweck ihres Leipzigbesuches. Erst dann wurde man aus dem Bahnhofsgelände in das Stadtzentrum weitergelassen.

Ich eilte die Goethestraße entlang in Richtung Gewandhaus, zwischen der Menschenmenge, die mir entgegenkam: friedlich spazierende, jüngere und ältere Leute, Familien mit Kindern. Das im Bahnhof Gesehene wiederholte sich, als ich die zur Ritterstraße führende kurze Straße erreichte, die in voller Breite durch mit Helm, Schild und Schlagstöcken bewaffnete Einsatzkräfte abgeriegelt war – wie die ganze Gegend um die Nikolaikirche herum. Mann neben Mann wie eine Wand wurde der Zugang zur Nikolaikirche, in der ein Gottesdienst stattfand, abgeriegelt. Dies sah sehr bedrohlich aus, ich bekam Angst. 

Aus Richtung der Grimmaischen Straße strömten die Massen heraus die Goethestraße hinab in Richtung Ritterstraße, so als wollten sie versuchen, von der anderen Seite her zur Nikolaikirche zu gelangen. Sollten diese Leute jene Rowdys, Asoziale, Rädelsführer, der zusammengerottete Mob sein, worüber in der LVZ zu lesen war? Mit eigenen Augen sah ich die unverfälschte Wahrheit und war entsetzt. 

Vor verschlossener Tür

Es regnete unaufhörlich. Mit dem Regenschirm „bewaffnet“ begab ich mich zur Gewandhauskasse, kaufte die für mich reservierte Konzertkarte und wartete vor dem Gewandhaus, dessen Türen noch verschlossen waren. Allmählich erschienen immer mehr Konzertbesucher, warteten auf Einlass in Gruppen vor den Eingängen. Unter ihnen auch Ausländer: von mir rechts auf den Treppenstufen bemerkte ich junge Ungarn in langen schwarzen Mänteln. Sie beobachteten die Geschehnisse. 

Ich erblickte zwei Männer, die von der oberen Etage des Gewandhauses auf den Platz herunterschauten. Später aus einem Interview in einer TV-Sendung mit dem Gewandhauskapellmeister Prof. Kurt Masur erfuhr ich, dass diese beiden er, der Hausherr, und der Maler Prof. Werner Tübke waren. Kurt Masur wollte das Haus nicht öffnen, weil er Angst vor Zerstörungen hatte. Zwei Tage später am 9. Oktober verhinderte er mit seinem Aufruf über den Rundfunk die Eskalation der Ereignisse. Werner Tübke teilte später in einem Brief, abgedruckt im Neuen Deutschland vom 11. Dezember 1989, an den Ministerpräsidenten Hans Modrow mit, dass er entgegengenommene Auszeichnungen zurückgeben wird: „Die mit den Auszeichnungen verbunden Gelder werde ich meiner Heimatstadt Leipzig zur Verfügung stellen.“ 

„Wir sind keine Rowdys!“

Plötzlich waren laute Rufe zu hören: „Schließt euch an!“ Bald rasten vom äußeren Ring her und aus Richtung Goethestraße zwei Wasserwerfer über den Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz) in Richtung Grimmaische Straße, von wo aus diese Sprechchöre herübertönten. Den Wasserwerfern folgten Mannschaftswagen der Polizei. 

Das war unheimlich! „Schließt euch an! Schämt euch was! Geht nach Hause! Wir sind keine Rowdys!“, ertönten die Sprechchöre immer wieder. Man hörte nur die Schreie aus Richtung Grimmaische Straße und Nikolaikirche in der düster beleuchteten, vom Regen nassen Stadt. Die Menschen waren entsetzt: „Das sind unsere Leute, die auf uns so einschlagen!“ Die beiden Wasserwerfer versuchten die durch Polizisten in Richtung Karl-Marx-Platz getriebenen Menschen am Entkommen zu hindern. Der Hass entlud sich in bis dahin noch nie gesehenen Prügelattacken. 

Erinnerungen an Ungarn werden wach

„Hoffentlich fällt kein Schuss! Dann geht die Hölle los – wie am 23. Oktober 1956 in Ungarn – und ich stehe mittendrin!“ Mich bestürmten Erinnerungen an den ungarischen Volksaufstand, den ich als Neuneinhalbjährige unmittelbar erlebte und der bleibende Spuren in mir hinterließ. 

Wir wohnten damals im Stadtzentrum Budapests, wo die größten Kämpfe stattfanden, nahe zur Kiliánkaserne, zum Corvin köz, zum Rundfunkgebäude in der Bródy-Straße. Um uns herum unzählige Widerstandsherde in den umliegenden Straßen. Die Maschinengewehrsalven drängten sich so tief in meine Seele ein, dass ich seitdem kein Feuerwerk ertragen kann, weil es in mir jene Geräusche wachruft. 

Parallelen taten sich auf: Auch hier wurden friedlich Protestierende mit unbändiger Gewalt konfrontiert, misshandelt, abgeführt, verhaftet, interniert. Warum begreifen Polizei und Armee nicht, dass diese Menschen – wie damals in Ungarn – nur ihre Rechte einfordern, keine Verbrecher sind? All das schoss durch meinen Kopf. 

Empörung gegen die Staatsgewalt

Andere dachten bestimmt ähnlich, weil auch aus meiner Richtung plötzlich Rufe „Schließt euch an! Schämt euch was!“ ertönten. Aus voller Kehle, immer lauter und verzweifelter schallte die Empörung gegen die Staatsgewalt. 

Plötzlich raste ein Wasserwerfer zielend auf uns zu. Schutz und Deckung suchend rannten die Menschen nach allen Seiten. Ich versteckte mich hinter den Büschen an der Ringseite des Gewandhauses. Dort kauerte bereits eine junge blonde Leipzigerin, die aufgeregt schimpfte: „Sie feiern ihr Fest in Berlin und wissen nicht, wie es in Leipzig aussieht, wie hier alles kaputt geht!“ 

„Tragikgroteske Katharsis“ im Konzert

Das Gewandhaus wurde geöffnet, die Konzertbesucher durften eintreten. Bedrückte Stimmung herrschte auch noch später. Das Publikum war sichtlich betroffen von den Geschehnissen. 20 Uhr begann das Festkonzert – innerhalb der Gewandhaus-Festtage vom 30. September bis 12. Oktober 1989 – mit dem Dirigenten Kurt Masur. 

Friedrich Schenker, Komponist, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Berater am Gewandhaus, Gründer der Gruppe Neue Musik „Hanns Eisler“, erhielt kurz zuvor den Nationalpreis der DDR Klasse III für Musik und Literatur. Ich ahnte, dass Schenker sich vom Staat nicht vereinnahmen lässt und ein kritisches Stück, keine Huldigung zum 40. Jahrestag komponiert hat, das er Kurt Masur widmete. Unbedingt wollte ich die Uraufführung miterleben, diese „Gratulation“ hören. 

Schenkers „Commedia per musica“ für großes Orchester und Kinderchor dirigierte Masur im ersten Teil des Konzertes mit schneidender Intensität. Nichts Harmonisches oder Lustiges war zu hören. In der Programmerläuterung bezeichnete der Komponist sein Werk als „merkwürdig“, sprach von „tragikgrotesker Katharsis“ im dritten Satz. Bedrohliche Visionen waren im Spiel, die mich an das zuvor Erlebte erinnerten. Beängstigende Klänge, die unheilvolle Zustände assoziierten. 

Schenker attackierte die selbstgefälligen Aufmärsche und Fackelzüge. Seine geballte Wut entlud sich übersetzt in Noten und Klänge. Aufbrandender Beifall war die Antwort. Er trug ein FDJ-blaufarbenes Hemd, beugte sich nicht, drehte auffallend seinen Rücken immer wieder dem klatschenden Publikum zu, als wollte er sagen: „Was gibt es hier zu applaudieren?“ Was die Anwesenden zu hören bekamen, war nicht zu beklatschen. 

Ruhe nach dem Sturm

In der Pause starrten viele Besucher durch die riesige Glaswand in die Nacht hinaus in Richtung Hauptbahnhof, wo sich – was ich viel später aus dem Fernsehen erfuhr – grausame Szenen abspielten. Auffallend ist im Nachhinein, dass Anton Bruckners einstündige Sinfonie Nr. 7 im zweiten Teil des Konzertes mir aus dem Gedächtnis völlig entschwand, so sehr beschäftigte mich der Gedanke: „Wie komme ich nach Hause, was erwartet mich am Hauptbahnhof?“ Das nächtliche Leipzig war ruhig, nichts erinnerte mehr an das vor Stunden Geschehene. Alles war „geräumt“. 

Im Zug nach Geithain stiegen unterwegs erheiterte Jugendliche ein, die anscheinend vom Tanz kamen und nach Hause fuhren. Angeregt unterhielte sie sich, schwatzten miteinander. Ich war so aufgewühlt, empört, am liebsten hätte ich ihnen alles erzählt. Eine innere Stimme hielt mich zurück. Beim Ausstieg bemerkte ich, dass sich auch der Nachbarssohn unter ihnen befand. Er sah mich jedoch nicht, lief im weiten Abstand vor mir. 

Zu Hause angekommen schaltete ich sofort das Fernsehen ein, wollte erfahren was geschehen ist, wie man darüber berichtet. Die Bilder zeigten die Fortsetzung, wie es vor dem Hauptbahnhof weiterging. Polizisten hetzten Hunde auf Flüchtende, jagten sie. Als mein Mann endlich kam, berichtete ich ihm alles. Lange konnten wir nicht einschlafen.

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Das LVZ-Buch „30 Jahre Friedliche Revolution“ ist erhältlich für 9,90 € in den Geschäftsstellen der Leipziger Volkszeitung, im LVZ Shop auf www.lvz-shop.de oder telefonisch unter 0800 2121 070 (kostenfrei), außerdem im Buchhandel und in ausgewählten Pressefachgeschäften.