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Leserbriefe Leipziger Allerlei, das im Halse stecken bleibt
Thema Specials 30 Jahre Friedliche Revolution Leserbriefe Leipziger Allerlei, das im Halse stecken bleibt
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19:13 07.09.2019
Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989: Dicht belagert ist die Fußgängerbrücke „Blaues Wunder“ am Friedrich-Engels-Platz, während der Menschenstrom darunter wegfließt. Quelle: Martin Naumann

Im Buch „30 Jahre Friedliche Revolution“ ist Eberhard Ziehns Kurzgeschichte neben anderen Leserbriefen erschienen. Hier ist die ungekürzte Fassung: 

Es vergeht kein Tag an dem Kollegen nicht fragen: „ Gehst du am Montag auch zur Demo?“ Marie-Luise und Marita – unsere Kinder – saugen wissbegierig die Erlebnisse ihrer Schulkameraden auf und erzählen davon mit Begeisterung. Wann gehen wir endlich einmal zur Demonstration nerven uns die zwei Mädchen Woche für Woche. Diesen beharrlichen Aufforderungen können wir uns nicht entziehen. Ende des Monats ist es so weit. Es sollte die größte Demo in der Stadt Leipzig werden. 

Protestmarsch auf dem Innenstadtring

Mit mehreren 100.000 Menschen gehen wir mit Kind und Kegel um den Innenstadtring. Ich blicke um mich. Tatsächlich sehe ich zu meiner Beruhigung in der Menschenmenge weitere Familien mit Kindern. Alle Bevölkerungsgruppen der Stadt Leipzig sind in diesem Demonstrationszug vertreten. Es ist wahrlich ein Leipziger Allerlei, das den Regierenden im Halse stecken bleibt. 

Es wird dunkel. Der menschliche, endlos lange Lindwurm durchquert vom Hauptbahnhofsvorplatz kommend das „Blaue Wunder“, den Fußgängerüberweg, der über den Engelsplatz führt. Auf dieser Brücke beobachten einige hundert Unentschlossene den Protestmarsch. „Reiht euch ein“ erschallen Rufe aus dem Menschenstrom unterhalb der blauen, Überführung aus Stahl. 

In Gedanken auch in Peking

Neben dem Straßenbogen am Dittrichring haben Aktivisten ein riesiges Plakat aufgestellt. Scheinwerfer lassen das monumentale Farbfoto in hellem Licht erstrahlen. Der Kontrast zur finsteren Umgebung verstärkt die Wirkung. Ich bin gewiss nicht der Einzige dem es beim Betrachten den Rücken kalt hinunterläuft wie eine eiskalte Dusche nach einem heißen Bad. Dargestellt ist die blutige Niederschlagung der aufbegehrenden chinesischen Bevölkerung auf dem Platz des „Himmlischen Friedens“ in Peking. Nur wenige Monate sind seit diesem Massaker vergangen. 

Dieses Plakat assoziiert in meinem Geist Bilder, die den Kriegsbildern von Otto Dix nahe kommen. Was würde geschehen, wenn aus der nächsten Querstraße eine Hundertschaft der Kampfgruppen hervorbricht? Vielleicht sogar mit Kollegen aus meinem Betrieb? Im schlimmsten Fall stehe ich Auge in Auge dem Genossen R., meinem Direktor Technik, gegen über. Ob er seine Kalaschnikow auf mich und andere Demonstranten richten wird?

Erst die Hoffnung, dann der Stolz

Der Demonstrationszug passiert die Käthe-Kollwitz-Straße. Es geschieht nichts. Jeder Schritt in der Mitte der demonstrierenden Menschen bringt uns dem Ziel ein Stück näher. Mit dieser unaufhaltsamen Bewegung steigt meine Hoffnung auf einen glücklichen Verlauf, verdrängt neue Horrorszenarien aus meinem Kopf.

Die Teilnahme am Marsch der 100.000 weckt in mir ein wenig Stolz auf mich und meine Familie. Jetzt sind wir aktive Teilnehmer an einem möglicherweise historischen Ereignis! Der Menschenstrom windet sich um die Runde Ecke, dem Sitz der Stasi. Auf dem kleinen Platz vor dem verhassten Gebäude verteilen junge Frauen und Männer Kerzen. Immer wieder mahnen sie: „keine Gewalt!“. Kräftige Männer schwenken Transparente mit der Aufschrift: „Egon Grenz verschwinde!“ Neben uns ruft eine Gruppe Leipziger: „Stasi in die Volkswirtschaft!“ 

Der Strom der Unzufriedenen überschwemmt die Straße

Aus den Nebenstraßen wird der dunkle Fluss durch neue Demonstranten gespeist. Der Strom der Unzufriedenen verbreitert sich zusehends, steigt über die Ufer, überschwemmt die Gehwege. Aus dem Lautsprecher ertönt eine Stimme, die mahnend vor einer Katastrophe warnt. Im Stadtfunk ruft der Gewandhauskapellmeister, Kurt Masur, die Bürger auf, friedlich zu demonstrieren. 

Endlich erreichen wir den Karl-Marx-Platz (heute: Augustusplatz – Anm. d. Red.). 300.000 Leipziger füllen den Platz bis zum Bersten, hoffen auf Reden, die weitere Maßnahmen aufzeigen, die zu Veränderungen oder gar zum Sturz des totalitären Staates führen. Ein stadtbekannter Funktionär der SED Bezirksleitung will seine Schäfchen ins Trockene bringen. Er spricht von einem zarten Pflänzchen der Demokratie, das noch wachsen soll. Gelächter. Wer will dies aus dem Munde eines Tod gesagten hören?

Zum Weiterlesen

Das LVZ-Buch „30 Jahre Friedliche Revolution“ ist erhältlich für 9,90 € in den Geschäftsstellen der Leipziger Volkszeitung, im LVZ Shop auf www.lvz-shop.de oder telefonisch unter 0800 2121 070 (kostenfrei), außerdem im Buchhandel und in ausgewählten Pressefachgeschäften.

Eberhard Ziehn / LMG