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30 Jahre Friedliche Revolution Mein 9. Oktober – wie der Leipziger Bürgerrechtler Uwe Schwabe den Herbst 1989 erlebte
Thema Specials 30 Jahre Friedliche Revolution Mein 9. Oktober – wie der Leipziger Bürgerrechtler Uwe Schwabe den Herbst 1989 erlebte
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11:50 09.10.2019
Der Leipziger Bürgerrechtler Uwe Schwabe (57) – im Hintergrund die Leipziger Oper. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Das Jahr 1989 war bis zum 9. Oktober eine Achterbahn der Gefühle. Von Frust und Wut bis zu Angst, Versagen und Ohnmacht in der Untersuchungshaftanstalt des MfS im Januar 1989. Es gab aber auch befreiende und glückliche Momente nach all den gelungenen Aktionen und Demonstrationen im Frühjahr 1989. Die Massenflucht im Sommer riss uns dagegen den Boden unter den Füßen weg. Mit meinen Kollegen saß ich jeden Mittag im Albert-Schweitzer-Haus vor dem Fernseher, und wir sahen die unglaublichen Bilder aus der Prager Botschaft.

Ausbrechen aus dem geistigen und körperlichen Eingesperrtsein in der DDR

Die vielen hoffnungslosen Menschen, die einfach nur noch weg wollten aus diesem Land. Jeder war davon betroffen, egal ob es Verwandte, Arbeitskollegen oder Schulfreunde waren, die aus dem Urlaub nicht mehr zurückkehrten. Das waren die Bilder, die uns dazu brachten, mit eigenen Transparenten am ersten Friedensgebet nach der Sommerpause auf dem Nikolaikirchhof in die Öffentlichkeit zu gehen. Bei einer der Losungen „Für ein offnes Land mit freien Menschen“ ging es für mich um das Ausbrechen aus dem geistigen und körperlichen Eingesperrtsein in der DDR und um die Selbstbefreiung aus einer Bevormundung und die Selbstermächtigung zum Handeln. Westliche Journalisten brauchten an diesem Tag (4. September 1989) keine Akkreditierung, sie waren in der Stadt und wurden im Vorfeld von uns informiert. An diesem Tag gab es genau die Bilder, die der DDR wehtaten. Stasi-Leute rissen vor den westlichen Kameras die Transparente herunter und provozierten damit massenhafte Rufe wie „Stasi raus“. Die Bilder gingen um die Welt und erreichten die DDR-Bürger übers Westfernsehen. Unsere Rechnung ging auf.

Eine sehr gespenstische Situation am 7. Oktober in Dresden – Vorahnung für Leipzig

Die gewaltsamen Auseinandersetzungen am Dresdner Hauptbahnhof ließen uns keine Ruhe. Mit Frank Sellentin und Stefan Walter machte ich mich auf den Weg nach Dresden. Wir kamen mitten in der Nacht zum 7. Oktober dort an. Es regnete, und die Straßen waren menschenleer. Auf einmal fuhr mitten auf einer Kreuzung eine Kolonne von Polizei-LKWs an uns vorbei. Das Scheinwerferlicht spiegelte sich auf der nassen Straße. Hinten auf der Ladefläche saßen dunkle Gestalten, Gesichter konnten wir nicht erkennen. Es war eine sehr gespenstische Situation, die uns erahnen ließ, was uns zwei Tage später in Leipzig erwartete. Übernachtet haben wir bei der Schwester von Frank, einer Gemeindediakonin.

Sie zeigte uns am nächsten Tag, wo die Demonstrationen stattfanden. Wir schlossen uns einem Demonstrationszug an und gingen in der ersten Reihe mit. Alle hakten sich unter, wie wir es von den Demonstrationen aus dem Fernseher kannten. Verabredet wurde, ja nicht auseinander zu gehen, wenn die Polizei einschreitet. Im selben Augenblick rannten aus zwei Seitenstraßen Polizisten entschlossen mit Schlagstöcken und Schildern auf uns zu. Alle Überlegungen waren sofort nur noch Theorie und jeder rannte davon, um den prügelnden Polizisten zu entkommen. Mit diesen Bildern im Kopf kehrten wir nach Leipzig zurück. Der 9. Oktober stand vor der Tür.

Was würde geschehen – Tote und Verletzte oder der Sieg über das System?

Mir war klar, dass an diesem Tag sich alles entscheiden wird. Gewalt, Tote und Verletzte oder der Sieg über das System. Am Vormittag hatte ich als Altenpfleger Frühdienst im Albert-Schweitzer-Haus. Das Haus lag gleich neben einem Polizeirevier. Ab Mittag konnten wir beobachten, wie auf dem Hof, abgeschirmt von der Öffentlichkeit, Polizei-LKW’s mit Räumschildern ausgestattet wurden. Ich stand mit drei anderen Pflegern auf dem Balkon, und wir schauten fassungslos auf den Hof. Werden sie es wirklich wagen, die Menschen an diesem Tag wie Dreck beiseite zu schieben und damit Verletzte und Tote zu riskieren?

Auf dem Balkon machte ich heimlich Fotos, und es gab aus meiner Sicht keinen Weg mehr zurück. Nach Dienstschluss ging ich in die Innenstadt, um mir ein Bild von der Lage zu machen. Es war zu diesem Zeitpunkt eine gespenstische Ruhe und Stille in der Stadt. Man merkte praktisch das Knistern, das über Leipzig lag. In der Innenstadt traf ich ein Mitglied der Solidarischen Kirche. Er war kreideweiß im Gesicht und berichtete mir von Gerüchten, die die Runde machten, es gäbe Dienstbereitschaft in den Krankenhäusern und Blutkonserven würden bereitliegen. Er war ein großer und stattlicher Mann mit Vollbart, in diesem Moment kam er mir ganz klein und hilflos vor. Sein Gesicht war von Angst und Schrecken gezeichnet. Dieses Bild werde ich nie wieder vergessen, und es begleitete mich noch lange an diesem Tag.

Mein Weg führte mich zum Friedensgebet in die Reformierte Kirche. Wir hatten beschlossen, dass wir uns in der Gruppe auf die einzelnen Kirchen aufteilen, wo die Friedensgebete stattfanden. Pfarrer Sievers gestaltete den Gottesdienst. Dort hörte ich seine beeindruckenden Worte, schaute in ruhige und entschlossene Gesichter der Menschen, die neben mir auf den Kirchenbänken saßen. In diesem Augenblick wünschte ich mir, ich könnte an ein höheres Wesen irgendwo da oben glauben, das vielleicht Einfluss nehmen könnte auf die Entwicklung an diesem Tag, um vielleicht ein Blutvergießen zu verhindern. Ich ertappte mich dabei, dass ich zum Schluss mitbetete, obwohl ich kein Christ war. Es war ein Moment, wo ich das erste Mal Zeit hatte, über diesen besonderen Tag nachzudenken, und ich fühlte mich in diesem Augenblick total allein. Keiner würde mir eine Entscheidung abnehmen.

Viele hunderte Menschen strömten auf den Straßen durch die Innenstadt in Richtung Nikolaikirche

Es gab aber auch kein Zurück mehr. Wir hatten ja durch unsere Aktionen und Demonstrationen diese Situation mit herbeigeführt. In dem Moment fühlte ich eine totale Ohnmacht, konnte aber nichts mehr verhindern, nichts mehr beeinflussen, war dem, was jetzt passieren würde, einfach nur ausgesetzt. Das Friedensgebet war zu Ende, und wir betraten die Straße vor der Reformierten Kirche. Es war eine ganz andere Situation, viele hunderte Menschen strömten auf den Straßen durch die Innenstadt in Richtung Nikolaikirche. Mir wurde die Entscheidung, jetzt einfach abzuhauen, abgenommen, und ich ließ mich mit dem Strom der Massen zur Nikolaikirche treiben. Dort angekommen war ich total überwältigt von den vielen entschlossenen Menschen auf dem Nikolaikirchhof. Es war ein unglaubliches Gefühl. Langsam setzten sich alle in Richtung Karl-Marx-Platz in Bewegung. Zaghaft riefen die Menschen erste Losungen: „Freiheit“, „Gorbi, Gorbi“ und „Wir sind keine Rowdys“. Die Rufe schallten von den umliegenden Häusern zurück und erzeugten bei mir eine Gänsehaut.

Im Herbst 1989 demonstrierten erste wenige, aber später tausende DDR-Bürger in Leipzig gegen das Regime. Am 9. Oktober gingen sogar 70.000 Menschen auf die Straße.

Ich fuhr dann am Rande der Demonstrationen mit dem Fahrrad den Ring ab. Um 19.30 Uhr hatte ich Dienst am Kontakttelefon im Pfarramt bei Pfarrer Turek. Dort würden ganz viele Gruppen aus allen Teilen der DDR und auch westliche Journalisten anrufen, um zu erfahren, wie es in Leipzig ausgegangen ist. Als ich dort ankam, herrschte eine unbeschreibliche gelöste Stimmung und mir wurde entgegen gerufen „Wir haben es geschafft!“ Was wir erträumt hatten, dass die Menschen sich selbst befreien und nicht darauf warten, dass es jemand für sie macht, wurde an diesem Tag zur Wirklichkeit.

Das Entscheidende war die Friedfertigkeit der Menschen auf den Straßen

Wir diskutierten dann noch kurz, wie viel Teilnehmer wir an die Medien durchgeben. In der Vorwoche war von 35 000 Demonstranten in Leipzig die Rede. Am 9. Oktober war es schwer abzuschätzen, doch es waren viel, viel mehr. Wir „einigten“ uns auf 70 000 Menschen. Das klang in unseren Ohren so, als wäre das ganze Land auf den Beinen. Heute haben Wissenschaftler Fotos und Videos ausgewertet und kommen auf weit mehr als 100 000 Demonstranten. Das Entscheidende war die Friedfertigkeit der Menschen auf den Straßen. Als ich im August 2018 zusammen mit Fred Kowasch, einem befreundeten Journalisten, ein dreistündiges Gespräch mit dem damaligen Leipziger Polizeichef Gerhard Straßenburg führte, sagte der: „Die Parteileute in Berlin haben die Situation überhaupt nicht ernst genommen.“ Mit den 2000 Leuten werde er doch wohl fertig werden. Straßenburg sagte seinen Vorgesetzten in Berlin aber, dass er am 9. Oktober mit 50 000 Leuten rechnen würde und deshalb die Kampfgruppen einsetzen will. Mit dieser Zahl hatte er so hoch gepokert, weil der Einsatz der Kampfgruppen nur auf Befehl von Honecker möglich war. „Honecker gab dann den Befehl.“ Straßenburg schaute in dem Augenblick in unsere Gesichter. „Ich hätte aber den Einsatzbefehl gegeben, wenn von den Demonstranten Gewalt ausgegangen wäre.“

Diese Fotos vom Herbst 1989 sind erst viel Jahre später aufgetaucht.

Im Herbst 1989 war ich Mitgründer des Neuen Forums in Leipzig und eine der ersten Kontaktpersonen für Interessierte und später Regionalsprecher des Stadtbezirkes Leipzig-West. Positiv überrascht hat mich in dieser Zeit die unglaubliche Aufbruchstimmung unter den Menschen. Was wir seit drei Jahren versucht und gehofft hatten, die Menschen zu mobilisieren, ihren Opportunismus und ihre Angst zu überwinden, war erfüllt.

Nachdem am 9. Oktober 1989 klar war, dass die Mächtigen in diesem Land dieser Volksbewegung nichts entgegenzusetzen hatten, fanden die Menschen ihre Sprache wieder. Ich erlebte als Kontaktperson einen unbeschreiblichen Ansturm von Menschen, die das Neue Forum unterstützen, Mitglied werden oder sich in Unterschriftenlisten einschreiben wollten.

Uwe Schwabe: Ich hatte in dieser Zeit den Eindruck, ein ganzes Volk ist aus einer Art Lethargie erwacht

Damals hatten wir noch kein Büro, sondern es gab in ganz Leipzig zwölf Kontaktadressen, an die man sich wenden konnte. Menschen jeden Alters standen vor meiner Wohnung Schlange und boten ihre Hilfe an, sie entwickelten Ideen und verfassten Erklärungen. Das kostete in diesen Tagen unsere ganze Kraft. Wir standen ja vor dem Nichts. Wir konnten nicht auf vorhandene Infrastruktur aufbauen, wie die Genossen oder die Blockparteien. Wir hatten weder Geld noch Technik. Ein provisorisches Büro wurde dann in einem heruntergekommenen Haus im Leipziger Westen eingerichtet. Gleichzeitig mussten bestimmte Strukturen geschaffen werden. Viele waren damals bereit, bestimmte Arbeiten zu übernehmen, von Bürostunden bis zu Schreibarbeiten. Ich hatte in dieser Zeit den Eindruck, ein ganzes Volk ist aus einer Art Lethargie oder Dornröschenschlaf erwacht.

Zur Person:

Der Leipziger Bürgerrechtler Uwe Schwabe (57) arbeitete von 1988 bis 1990 als Hilfskrankenpfleger im kirchlichen Albert-Schweitzer-Haus. In der DDR-Opposition engagierte er sich ab 1987 als Mitgründer der „Initiativgruppe Leben“, zu der auch der Leipziger Medizinstudent Michael Arnold (heute Zahnarzt in Dresden) gehörte.

Montagsdemo am 4. September 1989 in Leipzig: Matthias Hinze, Katrin Hattenhauer, Gesine Oltmanns, Thorsten Beinhoff, Christian Dietrich, Uwe Schwabe, Udo Hartmann und Carola Bornschlegel (v. l.). Quelle: ABL/ Armin Wiech

Er war Mitorganisator der Protestaktionen gegen die Pleiße-Verschmutzung und des Leipziger Straßenmusikfestivals im Mai 1989. Im Januar ’89 saß er wegen des Verteilens von Flugblättern für sieben Tage in Haft. Ab Herbst ’89 gehörte er zu den ersten Kontaktadressen des Neuen Forums in Leipzig und war dessen Regionalsprecher in Leipzig West. Seit 1994 ist er Vorstandsvorsitzender des Archivs Bürgerbewegung. Am 20. September wurde er mit der „Goldenen Henne“ für Politik geehrt – mit Gesine Oltmanns, Katrin Hattenhauer und Christian Dietrich. Schwabe lebt mit Frau, Sohn und Tochter in Leipzig.

Von Uwe Schwabe